Der intrinsische Erkenntnisdrang der Forscher mag einem abgeklärten Journalisten fremd sein. Andrea Kamphuis

Danke, Facebook, dass du mal wieder Mist gebaut hast

Egal welches Medium ich aufschlage, an jeder Ecke springen mir derzeit Schlagzeilen wie „Facebook: Fluch oder Segen?“, „Facebook erzwingt Transparenz“ oder auch „2,7 Millionen EU-Bürger von Datenskandal betroffen“ entgegen.

Die einen regen sich auf, dass Facebook ihre Daten an Dritte weitergibt, die anderen, dass Facebook eigentlich sämtliche demokratische Wahlen der – sagen wir mal mindestens – letzten zehn Jahre manipuliert hat. Der Konsens: Facebook ist böse. Dass Facebook uns damit am Ende aber eigentlich einen riesigen Gefallen getan hat, das sieht kaum jemand vor lauter Empörung und blindem Bashing. Also: Augen auf!

Der (un)willkommene Gast

Im Grunde kann ich einen Großteil der Aufregung gar nicht verstehen. Facebook ging einst mit der ganz klaren Aussage online, es sei eine Plattform, die Werbung vermarktet. Und was ist Werbung, wenn nicht Manipulation? Wer also verlangt, dass Facebook keine Manipulation einsetzt, der muss auch von Claus Kleber erwarten, dass er zu gutem, echtem Journalismus zurückkehrt. Statt nur unsachliche Kommentare zum Weltgeschehen abzugeben.

Und doch sehe ich eine interessante Entwicklung, ja, eine echte Chance in der derzeitigen Debatte um den Datenskandal: Aufgrund des Trump-Effekts und des Schocks darüber, dass die Amerikaner Donald Trump als Präsidenten gewählt haben, fangen die Menschen an, sich intensiv mit der Wirkung von Facebook und Co. auseinanderzusetzen. Kaum jemand hatte es noch kurz vor der Wahl ernsthaft für möglich gehalten, dass ein Typ wie Donald Trump tatsächlich als Wahlsieger hervorgehen könnte. Und doch ist er es.

Wer ist eigentlich schuld?

Ob die Werbung für Trump auf Facebook schlussendlich wirklich einen derart großen Einfluss hatte, sei dahingestellt, doch Fakt ist: Ein Sündenbock muss her. Und ein Weltkonzern, der nun anfängt, Konsequenzen zu ziehen, um die Transparenz von politischen Werbeanzeigen zu erhöhen, ist natürlich ein gefundenes Fressen für jeden Kritiker. Ein Schelm, wer Böses denkt und meint, damit gestehe Facebook seine Schuld ein …

Ich bin wirklich einer der letzten Menschen, der gut heißt, wie Facebook mit Daten umgeht oder Manipulation einsetzt. Aber mal Hand aufs Herz: Facebook hat doch auch einiges richtig gemacht, wenn jetzt sogar die Amerikaner endlich aus ihrer Naivität aufwachen und sich Gedanken um ihren Datenschutz machen. Und wenn sie gar überlegen, die EU-Datenschutz-Grundverordnung, die hierzulande im Mai in Kraft tritt, auf die Vereinigten Staaten umzumünzen, dann können wir in Europa doch nicht so viel falsch machen.

Die Sache mit der Verdrängung

Das eigentliche Problem ist also nicht, dass wir uns über die Methoden von Facebook aufregen, sondern vielmehr wie wir es tun. Was machen wir nun aus dieser Empörung? Ich finde es grundsätzlich ja super, dass es die Diskussion überhaupt gibt und die Menschen schockiert sind über etwas, das sie mit etwas weniger Naivität schon im Vorfeld hätten wissen können. Denn nun geht es um unseren Umgang mit dieser Verdrängung – der muss jetzt auf den Prüfstand. Wir müssen lernen, uns zu informieren, unsere Empörung positiv umzusetzen und Dinge zu differenzieren, die wir bis dato verdrängt haben.

Zwar wird es einen Aufschrei unter den Helikoptereltern geben, wenn sie ihre Kinder nicht mehr im gewohnten Maße manipulieren können. Doch nur, wenn wir schon unsere Kinder einen differenzierten Umgang mit Manipulation und den Medien lehren, stellen wir uns in Zukunft nicht mehr naive Fragen wie: „Moment mal, wir haben Leopard-Panzer in die Türkei geschickt und dort kommen sie tatsächlich auch zum Einsatz?“ oder eben „Wie, Facebook schaltet Werbung?“
Deshalb sage ich: „Danke, Facebook, dass du mal wieder für Empörung gesorgt hast!“

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Anke Domscheit-Berg, Oliver Götz, Konstantin von Notz.

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