Es ist nicht einmal klar, dass wir überhaupt einen freien Willen haben. David Eagleman

„Jeder Scharlatan bekommt ein Forum für seinen Stuss“

Sein Fall teilte die deutsche Medienlandschaft in zwei Lager. Und obwohl Jörg Kachelmann freigesprochen wurde, wird er von einem Großteil der deutschen Medien noch immer als Aussätziger behandelt. Kein Wunder, dass er mit ihnen hart ins Gericht geht.

The European: Herr Kachelmann, an was denken Sie bei dem Satz: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen?“
Kachelmann: Ich kann mit dem Satz wenig anfangen, es fühlt sich immer an, als ob danach irgendwas verbrämt-populistisch und dummes Rechtsextremes kommt, wenn ich ihn höre.

The European: Mit dem Begriff „Opfer-Abo“ haben Sie etwas gesagt, das für viele wohl unter diese Kategorie fällt. Wie ist Ihr Verhältnis zu dem Wort heute?
Kachelmann: Den Begriff hat meine Frau geprägt, ich habe ihn zitiert – was übrigens von den Medien weitgehend und mit Absicht ignoriert wird, weil es eben nicht ins Opferabo passt.

The European: Wie meinen Sie das?
Kachelmann: Das angebliche Unwort spiegelt die tägliche Realität in Medien und Justiz wider, wenn es um weibliche Kriminalität geht. Immerhin berichten Medien seit 2010 etwas öfter über die unzähligen Freisprüche und Wiederaufnahmen von Gerichtsverfahren nach Falschbeschuldigungen. Wie schon in unserem Buch „Recht und Gerechtigkeit“ geschrieben: Durch das Opferabo sind Falschbeschuldigungen zu einem Modeverbrechen geworden, das fast immer, wie auch bisher in meinem Fall, ungesühnt bleibt.

„Die Hybris des Journalismus hat ein pathologisches Ausmaß erreicht“

The European: Sie und Ihr Privatleben sind unfreiwillig zum Gegenstand der Berichterstattung geworden. Noch bevor Sie sich äußern konnten, gab es in den Medien zahlreiche Vorverurteilungen. Müssen Sie das als öffentliche Person nicht aushalten?
Kachelmann: Nein, selbst nach der Döpfner-Doktrin, nach der man mit dem Fahrstuhl eben nach unten fahren muss, wer über die „Bild“ nach oben gefahren ist – ich bin weder mit dem Schmutzblatt noch mit sonst jemandem nach oben gefahren, ich habe seit dem Beginn meiner kleinen Prominenz 1986 Interviews über mein Privatleben generell verweigert. Ich habe nie verstanden, wie man das freiwillig machen kann.

The European: Hatten Sie je das Gefühl, in der öffentlichen Diskussion eine faire Chance zu haben?
Kachelmann: Nein.

The European: Wie sehr hat die Debatte um Sie Ihre Sicht auf Medien und Öffentlichkeit verändert?
Kachelmann: Nicht sehr. Ich hatte auch schon vor 2010 den Eindruck, dass die kollektive Hybris des deutschen Journalismus ein pathologisches Ausmaß erreicht hat. Recherche bedeutet heute meistens, dass ein Mensch, der Zugang zu einem nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Papier hat, die Nummer eines sogenannten Investigativjournalisten kennt, der auf einen Anruf wartet. Das langsame Sterben der Printmedien verwundert nicht.

The European: Wieso nicht?
Kachelmann: Wenn man verfolgt, wie die Narzissmusabteilung ihrer Protagonisten von Jörges bis Markwort Talkshows bevölkert und der staunenden Öffentlichkeit mitteilt, was die Kanzlerin gerade wieder übersieht und wie die Welt gerettet werden müsste. Es ist halt bequemer so, als selbst am Schreibtisch und Telefon zu sitzen und zu arbeiten. Welcher kürzlich selbst recherchierte Scoop von deutschen Journalisten fällt Ihnen ein? „Exklusiv“ entsteht heute meistens durch bezahlte Informanten, die sich ihr Wirtstier aus materiellen Überlegungen auserwählen.

„Gaga-Wettervorhersagen, Gaga-Hagelflieger, Gaga-Untersuchungen“

The European: Sie haben zuletzt scharfe Kritik an den deutschen Medien geübt, sprechen von #vollpfostenjournalismus und Ekelpresse. Bezieht sich dies nur auf die Berichterstattung über Sie oder sehen Sie andere Fälle?
Kachelmann: Wenn ich den Hashtag #vollpfostenjournalismus verwende, geht es zwangsläufig kaum noch um mich, da ich ja aktuelle Ereignisse kommentiere. Ich habe das in einem meiner YouTube-Videos so beschrieben, dass es heute in den deutschen Medien die Bereitschaft gibt, im Gleichschritt Schwachsinn abzusondern im Wissen, dass es Schwachsinn ist – aber das ist ganz egal geworden.

The European: Woher kommt das?
Kachelmann: Die meisten Journalisten haben kein Gewissen mehr, sonst wäre es nicht möglich, dass so viel eindeutig abseitige Dinge veröffentlicht werden – von Gaga-Wettervorhersagen für den Sommer über Gaga-Hagelflieger im Süden der Republik bis zu Gaga-Untersuchungen eines Kriminologen Pfeiffer, um nur Beispiele aus meinem Wissensbereich zu nehmen. Jeder Scharlatan bekommt heutzutage unhinterfragt ein Forum für seinen Stuss. Audiatur et altera pars oder Restwassermengen journalistischer Eigenverantwortung waren gestern.

The European: Haben Sie auch schon vor Ihrem Verfahren so beobachtet?
Kachelmann: Ich habe das Problem nicht erst seit 2010.

„In Duldungsstarre vor der ,Bild‘-Zeitung“

The European: Allgemein: Wie steht es Ihrer Meinung nach um die Debattenkultur in Deutschland?
Kachelmann: Ich bedauere die Tragik, dass sich die meisten Medien in Duldungsstarre vor der „Bild“-Zeitung begeben haben, um willfährig zu übernehmen und allenfalls leicht abzuwandeln, was im Hetzmedium Nummer eins des Landes vorgegeben wird. Ich bin froh und dankbar, dass sich in meinem Fall zwei profilierte Journalistinnen, Frau Rückert von der „Zeit“ und Frau Friedrichsen vom „Spiegel“ nicht diesem Copy-und-paste-Journalismus, der heute vorherrscht, unterworfen haben und nach alter Mütter und Väter Sitte selbst recherchiert haben.

The European: Wird der Trend der Lagerbildung durch das Internet verstärkt?
Kachelmann: Es sind nicht die hellsten Kerzen auf der Torte, die oft rassistische Forenbeiträge bei „bild.de“ schreiben. Dadurch werden die hetzerischen und menschenverachtenden Subtexte der „Bild“-Redakteure verstärkt und erzeugen bei der abschreibenden Zunft der Online-Praktikanten anderswo die falsche Ahnung, dass hier Volkes Stimme abgebildet sei.

The European: Gerade im Internet wird gerne von Tabus gesprochen, Themen, die in der Berichterstattung angeblich nicht stattfinden. Wie sehen Sie das?
Kachelmann: Ich habe eher das Problem, dass alles stattfindet, dass eben wie oben beschrieben auch Dinge als Nachricht behandelt werden, die nachgewiesen völliger Blödsinn sind.

„Die Briefe haben mir Mut gemacht“

The European: Das Netz ist ein beliebter Ort für die abstrusesten Verschwörungstheorien. Ein Thema, mit dem Sie leidige Erfahrungen gemacht haben, sind die sogenannten Chemtrails. Was sagt es über den Zustand der Gesellschaft aus, dass sich solche Themen so lange halten und auch von seriösen Medien aufgegriffen werden?
Kachelmann: Die Gesellschaft ist ganz ok. Das Problem beschreiben Sie schon in Ihrer Frage.

The European: Zum Abschluss: Was war das Tief in Ihrer persönlichen Debatte?
Kachelmann: Dass alle Jahre wieder komplett schwachsinnige Vorhersagen abgedruckt werden, die immer wieder beinhalten, dass es einen heißen Sommer und einen kalten Winter gäbe, bedrückt mich persönlich.

The European: Und was war das Hoch?
Kachelmann: Die 99 Prozent Mut machenden Briefe in den Mannheimer Knast 2010. Ich hatte mit anderen Inhalten gerechnet und erst mit der Zeit angefangen, Briefe zu öffnen, als ich nicht mehr ganz verzweifelt war und die Briefe haben mir Mut gemacht, mich nicht von den kurpfälzischen Justizdarstellern unterkriegen zu lassen.

Die Fragen stellte Thore Barfuss.

Das Gespräch ist Teil einer Gesprächsreihe zur Debattenkultur in Deutschland. Bisher erschienen sind Rainer Brüderle , Thilo Sarrazin und Birgit Kelle.

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