Ich werde der Präsident aller sein. François Hollande

Jung und naiv

Statt auf die lautstarke Netzgemeinde sollten sich die Medien wieder auf ihr Kernpublikum konzentrieren: nämlich die, die bereit sind, noch zu zahlen. Nur so kann Qualität auf Dauer gewährleistet werden. Eine Abrechnung.

Wer am lautesten schreit, hat recht. Diesen Eindruck kann man angesichts der Untergangsprognosen gewinnen, die denen gelten, welche nicht schnell genug dem sogenannten digitalen Wandel hinterherlaufen. Auf Tagungen, Konferenzen und Informationsveranstaltungen zum „Digital Shift“, zum digitalen Wandel und zur Internet-Revolution, werden auf bunten Powerpoint-Folien immer wieder alle Gespenster versammelt, vor denen die alten und konservativen Unternehmen sich zu fürchten haben: Die Kunden, so konnte man wieder hören, kaufen nur noch im Internet ein, und wer da die Community nicht richtig managed, wer nicht klug auf die Shitstorms auf Twitter und Facebook reagiert, wer nicht auf die absolute Transparenz und den allwissenden, durch soziale Medien brillant informierten „User“ eingestellt ist, der hat verloren.

Und am schlimmsten wird es natürlich die Medien treffen, die ihre Informationen nicht immer schneller, in immer kleineren Häppchen und immer multimedialer aufbereiten möchten, die nicht alle Kanäle, neben der eigenen Webseite natürlich wieder Twitter und Facebook, dazu die verschiedenen Videokanäle, gleichzeitig und angemessen beliefern können oder wollen. Die „Digital Natives“, die schnellen, mobilen Unter-Dreißig-Jährigen mit ihren Smartphones, werden diesen alten Tankern den Garaus machen, wenn die sich nicht schleunigst zu Schlauchbooten mit Rennmotor umrüsten.

Die Babyboomer werden noch auf Jahre zahlenmäßig überlegen sein

Aber wer sind diese gefährlich gespenstischen Digital Natives und was macht sie so mächtig? Schon die Tatsache, dass sie per definitionem irgendwo um die 20-25 Jahre alt sein müssen, macht sie zu einer gesellschaftlichen Randgruppe. Diejenigen, die solch panische Angst vor ihnen entwickeln, sind zumeist in den 1950er- und 1960er-Jahren geboren, sie gehören zu den Babyboomern, die noch auf Jahrzehnte immer die Mehrheit stellen werden, die zahlenmäßig größte Altersgruppe in Deutschland, und auch noch lange wohl die zahlungskräftigste.

Doch auch von den Jungen twittern nur die Wenigsten, auf Facebook sind sie zwar vertreten, vor allem aber, um sich mit Freunden über Freizeitaktivitäten auszutauschen, lustige Bilder und Filme zu teilen, und auch wohl, soweit sie daran interessiert sind, Zeitungsartikel zu kommentieren. Wenn das Unterhaltungsbedürfnis es so will, beteiligt man sich auch mal an einer Belustigungs- oder Empörungswelle über Frau Merkel oder die Deutsche Bahn, aber mögen diese Wellen in den engen Resonanzräumen der „Community“ auch hochschwappen, sie erreichen selten die große Mehrheit der Menschen, die sich nun einmal außerhalb des Einflussbereichs der digital Engagierten befindet.

Wenn diese doch einmal von den Stürmen in den digitalen Wassergläsern erfahren, dann nahezu ausschließlich durch eben jene alten Medien, die sich angeblich so dramatisch zu wandeln hätten, durch Zeitungsartikel und Fernsehberichte. Gerade weil die Medienmacher von dem Krach, der von den Wänden der digitalen Welt so dramatisch widerhallt, so beeindruckt sind, halten sie das Getöse für relevant und zukunftsfähig. Sie fühlen sich nicht nur verpflichtet, darüber zu berichten, sondern meinen offenbar auch immer häufiger, ihr eigenes journalistisches Arbeiten an den Erwartungen dieser jungen, kleinen Zielgruppe, die da laut tönt, ausrichten zu müssen.

Informationen werden nicht hinterfragt

Spricht man mit den Medienmachern über den so beeindruckend dramatisierten digitalen Wandel, dann fällt die bemühte moralische Indifferenz auf, mit der über die Wünsche und Forderungen der mächtigen digitalen Generation gesprochen wird. Wollen sie lieber Echtzeit-Infos, statt reflektierter und recherchierter Information, geht ihnen Schnelligkeit über Sachlichkeit, dann ist dieser Befund „keineswegs wertend gemeint“, es ist „nur eine Feststellung“, ein Fakt, dem man sich eben anzupassen habe, eine Veränderung der Gesellschaft, die man akzeptieren müsse. Es ist, als seien manche Verantwortliche in den Redaktionen in die Rolle eines Kaninchens geschlüpft, das, mit einem Vergrößerungsglas ausgestattet, gelähmt vor einer Blindschleiche sitzt.

Warum sollte man nicht sagen, dass man es bedauerlich und bedenklich findet, wenn im Netz kaum Artikel gelesen werden, die eine Länge von etwa 5.000 Zeichen haben, dass also ein typischer Zeitungsartikel wie etwa dieser Text nicht internettauglich sei? Warum soll man nicht auf die Folgen für die Informationskultur hinweisen, wenn Falschmeldungen und schlechte Fotomontagen als vorgebliche Informationen tage- oder wochenlang und immer wieder durch die sozialen Medien geistern und immer wieder einfach unkritisch geglaubt werden, nicht, weil sie plausibel wären, sondern schlicht, weil sie immer wieder „im Stream geteilt“ werden? Und warum sollte man dagegen nicht die eigenen konservativen Qualitätsvorstellungen setzen, die von der zahlenden Kundschaft geteilt werden und die zu den Grundlagen unserer demokratischen Kultur gehören?

Mehr als nur der schnelle Skandal

Selbstverständlich gibt es gegenwärtig durch das Internet einen Wandel, und natürlich sind die Medienunternehmen wieder einmal durch eine neue Technologie besonders herausgefordert. Das ist ja gerade nichts Neues, sondern eine Erfahrung, die diese Unternehmen nun schon seit wenigstens hundert Jahren begleitet. Es ist auch ohne Frage richtig, dass sich die Geschäftsmodelle von Zeitungen und Rundfunkanstalten durch die Veränderung der Medientechnologie wandeln werden.

Aber welche Veränderungen in Angebot und Arbeitsweise sich für die journalistischen Anbieter ergeben, sollten sich diese nicht von einer kleinen Gruppe von selbstbewussten Netzbewohnern vorschreiben lassen, die ohne die Inhalte, die sie aus den Ergebnissen des klassischen Journalismus beziehen, kaum nur annähernd so viel Tweets, Facebook-Links, Kommentare und Blogartikel produzieren würden und deren gefühlte Lautstärke außerhalb ihrer engen Community nur durch die verstärkende Berichterstattung noch immer eben den belächelten alten Medien zu verdanken ist.

Am Ende, nachdem sie Trends und Megatrends selbstgewiss und schön weit in die PowerPoint-Zukunft hineingezeichnet haben, wiederholen alle Experten des Wandels immer wieder wie ein Mantra, dass natürlich niemand weiß, was die Zukunft bringt. Eben. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass das Publikum sich bald angewidert von all den Info-Schnipselchen und Video-Sequenzen abwendet, und journalistische Qualität mehr schätzt als den schnellen Skandal. Es wird Zeit, dass der gute Journalismus sich vom Blick der Blindschleiche löst und seine eigenen Stärken selbstbewusst betont, statt den lauten Unkenrufen hinterherzurennen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Jörg Friedrich: Keine Angst

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