Die Kunden hätten sich gegenüber ihren Banken einen kritischeren Umgang angewöhnen müssen. Georg von Boeselager

Na typisch

Die Debatte um Geschlechterbilder wird sobald nicht zu Ende gehen. Könnte es daran liegen, dass wir die falschen Fragen stellen?

Die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um das Thema der Gleichstellung von Mann und Frau auf der einen Seite und um die Gleichstellung von homosexuellen Partnerschaften mit der Ehe zwischen Mann und Frau auf der anderen Seite haben ein gemeinsames Thema. Es zeigt sich gegenwärtig in einer Debatte, fast schon einem erbitterten Streit um die Frage, ob wesentliche und unumgängliche Unterschiede zwischen dem weiblichen und dem männlichen Geschlecht bestehen, die sich etwa in charakteristischen Vorlieben und typischen Handlungsweisen zeigen.

Während die einen betonen, dass diese wesentlichen Unterschiede biologisch bedingt sind, meinen die anderen, dass es sich dabei um gesellschaftliche Konstruktionen und Prägungen handelt.

Die Parteien reden aneinander vorbei

Der Ausgang, genauer gesagt, der Fortgang dieser Debatte (denn dass die Debatte tatsächlich einen Ausgang hätte, ist gerade nicht zu erwarten) wird Auswirkungen haben, die beide Seiten vermutlich noch gar nicht absehen können. Man kann sogar annehmen, dass sich andere Konsequenzen zeigen werden, als den Aktivisten beider Seiten eigentlich recht ist. Denn während die Feministinnen, die traditionell denjenigen nahestehen, die Geschlechtsunterschiede für konstruiert halten, konsequenterweise dann auch eingestehen müssen, dass auch Kategorien wie „weißer männlicher Heterosexueller“ nur interessengeleitete Konstruktionen sind, hätte die biologistisch argumentierende Fraktion anzuerkennen, dass, wenn sie recht hätten, zur Sicherung von Gleichstellung auch Restriktionen und Förderungen nach biologischen Merkmalen akzeptiert werden müssten.

Wenn sich etwa Männer aufgrund einer angeborenen Aggressivität und nicht aufgrund von höherer Begabung durchsetzen würden, wäre es grundsätzlich geboten, Frauen eine Förderung zukommen zu lassen, die sie vor dieser Aggressivität schützt.

Das eigentliche Problem dieses Streites ist aber, dass die Parteien, vermutlich um der guten Unterhaltung willen, manchmal aber auch, weil sie es nicht bemerken, schlicht aneinander vorbeireden. Gesellschaftlich konstruiert ist nicht, dass manche Menschen Brüste bekommen und andere einen Penis haben, gesellschaftlich konstruiert ist die Norm: „So ist ein Junge“ und „So ist ein Mädchen“. Das gilt sowohl für Sätze wie „Ein Junge weint nicht“ als auch für „Einem Jungen wächst ein Bart, einem Mädchen nicht“. Wenn man ernsthaft über diese Konstruktionen diskutieren würde, und dann noch begreift, dass es keine „Konventionen“ im Sinne von Verabredungen sind, sondern dass sie sich auf komplexe Weise herausbilden und verändern und soziale Realität werden, dann gäbe es vermutlich gar keinen Streit mehr.

Ein Beispiel: Natürlich kann man empirisch feststellen, dass viele Jungs aggressiver sind als viele Mädchen. Und möglicherweise kann man das in genetischen Merkmalen begründen, die bei Jungs häufiger sind als bei Mädchen. Daraus aber abzuleiten, dass vielleicht jemand, der nicht aggressiv ist, kein „richtiger“ oder „typischer“ Junge ist (der „Typ“ ist eben die Konvention, und daraus wird die Norm), ist der Fehler. Wenn man das einsieht, kann man erstens diskutieren, ob die Definition von „Aggressivität“ nicht vielleicht schon so gewählt ist, dass Jungs dann häufiger als aggressiv beurteilt werden (ist „aggressiv“ körperliche Gewalt?), und zum anderen fragen, warum solche Untersuchungen überhaupt Klassen entsprechend des äußeren Geschlechts, und nicht etwa nach Körpergröße, Gewicht oder Haarfarbe bilden.

Die aktuelle Gender-Diskussion ist die x-te Neuauflage der Science Wars, die mit „The Social Construction of Scientific Facts“ von Bruno Latour und Steve Woolgar begannen. Die lange Geschichte zeigt, dass es tiefe Differenzen gibt, die auch nach langen Debatten nicht behoben sind. Letztlich steckt dahinter der Anspruch der Naturwissenschaft, dass es die Objekte, über die sie spricht, auch so wirklich gibt, also dass es „richtige Jungs“ gibt und „wahre Aggressivität“ und zwischen beiden wirklich einen Zusammenhang, und dass diese Objekte ganz unabhängig vom Erkenntnisinteresse und Forschungsmethoden sind, während die Genderforschung sagt, dass Interesse und Methoden, die gesellschaftlich bestimmt sind, festlegen, wie wir die Welt sehen, wie wir sie einteilen. Da die Sicht der Naturwissenschaft gegenwärtig ziemlich verbreitet ist (weil sie auch die einfachste Erklärung für den Erfolg der Wissenschaft ist), ist es natürlich leicht, sich über Genderforschung lustig zu machen.

Jede Kategorie ist eine Vereinfachung

Eine alternative Sichtweise würde bei der grundlegenden Erkenntnis ansetzen, dass jede Kategorie, jeder Typ, auch wenn sie empirisch belegbar ist, eine Vereinfachung gegenüber der Vielfalt der Realität ist. Der Forschungsprozess, der solche empirischen Belege herbeischafft, wählt aus, setzt Grenzen, entscheidet über Zuordnungen. Dass dies nach standardisierten Regeln erfolgt, ändert nichts daran, dass die Forschung überall Entscheidungen trifft, die sie auch anders treffen könnte. So wird die Realität anhand von paradigmatischen Fällen klassifiziert, egal ob es sich um Sternenklassen, Planeten, Tierarten, Geschlechter oder sexuelle Vorlieben handelt.

Aber können wir denn ohne Typen leben? Wir können zunächst einmal akzeptieren, dass die Welt nicht aus klar getrennten Klassen von Objekten besteht, sondern aus Individuen, die streng genommen in keine Klasse ganz genau hineinpassen, in der alle interessanten Eigenschaften aller Objekte gleich sind. Es gibt keine Klassen, sondern ein Kontinuum von Individuen, zwischen denen Differenzen existieren. Dass wir als Menschen vielleicht Klassen brauchen, um uns zu verständigen und mit der Welt klarzukommen, dass wir von Männern und Frauen sprechen, ändert nichts an der realen Vielfalt der Welt.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Jörg Friedrich: Keine Angst

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