Das Christentum kann nicht mit erhobenem Zeigefinger von oben herabschauen. Margot Käßmann

Knockin’ on Heaven’s Door

Dem Gebet kommt eine ganz besondere Stellung im Leben zu: Es ist das Mittel der Kommunikation zwischen dem Gläubigen und seinem Gott – es ist damit nicht nur sinnvoll, sondern der Sinn schlechthin.

Bereits um 4.30 Uhr werde ich in Kairo vom Ruf des Muezzins geweckt: „Gott ist größer – kommt zum Gebet.“ Da ich als Priester die ältere Form des Breviergebets nutze, in der noch die „Matutin“, das kirchliche Gebet am frühen Morgen mit neun Psalmen und mehreren Lesungen, vorkommt, kann ich mich eingeladen fühlen. Ägypten ist durchdrungen von Religion und deren Ausdrucksform, dem Gebet. Und ich fühle täglich, wie wichtig und essenziell dieses Gebet ist. Gerade seit Beginn der Revolution in Ägypten am 25. Januar 2011 kommen häufiger Christen jeder Konfession aber eben auch Muslime zu mir, um mir zu sagen: „Bitte beten Sie für mich.“

Der Sinn schlechthin

Hier kommt eine Dimension des Gebetes zum Vorschein, die in der Regel beim Thema Gebet übersehen wird; das stellvertretende Gebet.

Gebet scheint im allgemeinen Denken – wenn man gläubig ist – das (eher als monologisch erfahrene) Reden mit Gott in den persönlichsten Anliegen zu sein. Und wenn Gebet nicht nur als psychologisch-stimulierende und auf die betende Person positiv rückwirkende Handlung gesehen wird, sondern als ein wirkliches Sprechen mit einem real existierenden Gegenüber, den man „Gott“ nennen mag, dann hat dieses Gebet eben nicht nur „einen Sinn“, sondern den Sinn schlechthin. Wenn der Betende sich Gott verdankt, hat er auch zu danken und kann bitten und flehen. Beten ist dann Ausdruck von Religion im Wortsinn; Ausdruck des Zurück-Gebundenseins vom Geschöpf zum Schöpfer. Und noch deutlicher: Religion ist Gebet, oder sie ist keine Religion.

Gebet ist verbaler Ausdruck des Bezogenseins auf Transzendenz. Und diese Transzendenz ist für den Christen zumal Immanenz geworden, bleibend immanent in Jesus Christus, mit dem ich durch den Heiligen Geist kommunizieren kann. Der Betende spricht mit dem, der selbst „Wort Gottes“ an den Menschen ist.

Mein priesterliches, stellvertretendes Gebet ist freilich nochmals etwas anderes. Der Priester gibt denjenigen Stimme, die selbst nicht mehr beten können – oder gar wollen. Denen, die enttäuscht sind von Gott oder den Glauben verloren haben. Es ist bewegend, mit Menschen zu reden, die um das priesterliche Gebet bitten. Denn gerade in der Bitte um das Gebet leuchtet noch einmal die große Sehnsucht nach Hilfe und ersehntem Heil auf. Wer um das Gebet bittet, muss doppelt vertrauen; demjenigen, den er bittet, und letztlich Gott, dass er das Gebet auch erhört. Auch wenn heute die Stellung des Priesters in der westlichen Gesellschaft immer heftiger diskutiert wird, wenn es immer mehr Tendenzen gibt, das protestantische „Pfarrerbild“ an die Stelle des katholischen Priestertums zu setzen und somit das sakramentale Priestertum faktisch zu leugnen – in der konkreten Pastoral begegnet einem Priester selbst in Europa vielleicht stärker als bisher die Sehnsucht der Menschen nach Transzendenz.

Gebet wirkt, denn Jesus hat dies immer wieder versprochen

Im Orient, in dem ich seit über 16 Jahren lebe, ist diese Erfahrung nie gebrochen worden. Priester sind – nicht zuletzt durch ihr Gebet und ihre betende Nähe zu Gott, wirkliche Mittlergestalten. Das ist natürlich eine große Herausforderung für den Priester. Er wird sehr sensibel mit den Gebetswünschen der Menschen umgehen müssen. Er „verrichtet seine Gebete“ in Treue gegenüber der Kirche, der er sein „amtliches“ Gebet schon bei der Weihe versichert hat, und gegenüber den Gläubigen, die auf ihn hoffen.

Gebet wirkt, denn Jesus hat dies immer wieder versprochen. Eine naive Begründung? Nein, eine glaubende Hoffnung auf Heil. Wer betet, weitet seinen Blick. Er sieht, mit den Augen des Glaubens, Alternativen, die er selbst nicht zu schaffen vermag.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Uffe Schjodt, Ingo Hofmann, Nina Hagen.

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