Sexualität ist keine Sache, die wir optimieren müssen. Ariadne von Schirach

Seelennot als teure Erfolgsbremse

Die jüngste Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft zur „Qualität der Arbeit in Europa“, die im August 2017 eine erstaunliche Arbeitszufriedenheit der Menschen – 88 Prozent in Deutschland! – darstellt, täuscht darüber hinweg, dass wir seit Jahren steigende Kosten in Milliarden-Höhe zu beklagen haben, die Folge psychischer Erkrankungen im Erwerbsleben sind.

Immer wieder heißt es, wir sollen gut funktionieren, loyal sein, der Firma dienen, die Behörde erfolgreich machen – aber warum bleiben so viele Menschen auf der Strecke und funktionieren nicht so wie von den Chefs erhofft? Warum dokumentieren Fehlzeiten- und Stress-Reporte sowie Studien zu den Abwärts-Trends, die von Krankenkassen, Arbeitswissenschaftlern, Betriebsmedizinern und Arbeitspsychologen erstellt werden, seit Jahren in erschreckender Klarheit, dass psychische Belastungen von Menschen Milliarden von Euro verbrennen, mit steigender Tendenz? Schrillen die Alarmglocken nicht laut genug? Wer widmet sich der Seelennot, die all jene quält, die keine „Gutleister“ mehr sind, die keine Wertschätzung mehr erfahren und sich schließlich in Krankschreibungen flüchten? Es gilt, die Debatte darüber engagierter zu führen.

Der Bundesgesetzgeber hat im September 2013 mit einer Novelle des Arbeitsschutzgesetzes Sorge dafür tragen wollen, dass alle Arbeitgeber zukünftig auch die psychische Belastungssituation ihrer Beschäftigten in den Blick nehmen. Die wenigsten Arbeitgeber haben dahingehend die obligatorisch zu erstellenden arbeitsplatzspezifischen „Gefährdungsbeurteilungen“ ergänzt. Das Gesetz wurde also bisher nur mangelhaft umgesetzt. Die Folge: Ungesunde und unproduktive Arbeitsverhältnisse setzen sich fort, die Ursachen bleiben im Dunkeln und die Gesundheitssysteme werden weiterhin über Gebühr beansprucht, um Symptome zu lindern. Millionen von Seelen leiden, aber sie werden als Rädchen im Getriebe mitgeschleppt solange es andere gibt, die die Arbeit mitmachen. Wie krank ist dieses System, das sich einer Ursachenanalyse entzieht und den eigenen Erfolg schmälert?

Die Stressoren, so nennen die Fachleute die verursachenden Stressfaktoren, sind unterschiedlicher Art. Sie wirken zuweilen kombiniert und sich verstärkend. Die Kategorisierung der verschiedenen Stressoren führt zur Einteilung in vier Rubriken: psychisch-mentale, emotionale, soziale und physische Stressoren; ausgearbeitet hat dies Ulla Wittig-Goetz mit ihrem Buch „Stress am Arbeitsplatz und seine Folgen“. Es müssen keine körperlichen oder psychischen Überbeanspruchungen sein, die am Anfang stehen, auch wenn Burnout als Folge permanenten Stresses weit verbreitet ist. Häufig sind es ein mieses Arbeitsklima, Konfliktlagen oder die fehlende Unterstützung durch Vorgesetzte, die sich so verschärfen, dass am Ende die Kapitulation, der Kollaps oder die Flucht in stressarme Nischen steht, wenn es sie denn gibt. Oftmals gibt es dazu keine Bekenntnisse der Betroffenen, so dass es in manchen Betrieben, insbesondere jedoch in Behörden, zu jenem Phänomen kommt, das mindestens genauso belastend ist wie Burnout: Einer Langeweile, mit der man versucht, die Zeit totzuschlagen, die als sogenanntes Boreout jedoch zur Qual werden kann.

Die enormen Kosten der Allgemeinheit

Es liegt auf der Hand, dass derlei Probleme auch uns Steuerzahler und Krankenkassen-Beitragszahler dramatisch belasten. Die Steuerzahler könnten Klage darüber führen, wenn sie die von den Personalverantwortlichen geduldete Unproduktivität von ganz oder teilweise steuerfinanzierten Menschen systemimmanent zementieren. Es steht zu vermuten, dass die wenigsten dieser Menschen bereits in Krankheitsfallen angekommen sind, in denen sie zudem das Gesundheitssystem belasten. Die Forschung dazu ist völlig unterentwickelt. Aber die Schätzungen zu den realen Kosten, die infolge der Beanspruchung der Kassensysteme anfallen, zeigen deutlich, dass wir es mit gigantischen Problemen zu tun bekommen werden, wenn wir nicht die Ursachen der psychischen Erkrankungen erkennen.

Aber vergessen wir nicht: Die Hauptbelastung tragen Mitmenschen, deren Kompetenzen nicht mehr blühen, deren Kreativitätspotenzial brach liegt und die oftmals in einer unglücklichen Abwärtsspirale völlig sinnlos an den Rand gedrängt werden. Es geht um die Seelen von Menschen, die leiden! Dafür sind zumeist die Vorgesetzten verantwortlich. Sie haben die Probleme zu erkennen und zu thematisieren. Niemand kann wollen, dass Arbeitnehmer in ihrer Seelennot gar in ihrer Würde verletzt werden und dass eine Entwicklung eintritt, die latent oder manifest auch zu einer Erfolgsbremse des Arbeitgebers wird. Es gilt, den Menschen wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Rufen wir uns in Erinnerung, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1946 in ihrer berühmten Definition von Gesundheit auch die seelischen und sozialen Faktoren betont hat: Gesundheit ist demnach „ein Zustand des vollkommenen körperlichen, sozialen und geistigen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheiten und Gebrechen.“

Nur wer seine Arbeit liebt, hat Erfolg!

Die relativ junge Forschung zur Unternehmenskultur und bei Behörden der Verwaltungskultur hat längst nachgewiesen, dass motivierte und gesunde Mitarbeiter in einer als positiv empfundenen Umgebungskultur deutlich gesünder und leistungsfähiger sind. Der irisch-US-amerikanische Psychologe Joseph Murphy hat den Spruch geprägt: „Nur wer seine Arbeit liebt, hat darin auch Erfolg!“ Also wird es sich lohnen,
• wenn Arbeitgeber in ihr Qualitätsmanagement investieren,
• wenn sie ihr Controlling nicht nur auf Gewinn- und Erfolgsoptimierung trimmen, sondern wenn sie die ihnen anvertrauten Menschen mittels einer optimierten Personalentwicklung so einsetzen, dass sie gerne und effektiv „Gutleister“ sind,
• wenn Arbeit öfter anerkannt wird,
• wenn kooperativ erstellte Leitbilder zum Marsch in die Zukunft motivieren und
• wenn Gefährdungsbeurteilungen und Mitarbeiter-Vorgesetzten-Gespräche als Frühwarnsysteme und hilfreiche Korrektive funktionieren.

Es bleibt zu hoffen, dass die neue Bundesregierung und der neue Bundestag den Finger in die Wunden legen, die sich durch die Defizite bei der Umsetzung des Arbeitsschutzgesetzes ergeben und dass die Krankenkassen dahingehend Druck auf die Politik ausüben, dass sie nicht weiterhin über Gebühr für vermeidbare Krankheitsfallen zur Kasse gebeten werden, die horrende Summen der Beitragszahler binden, Geld, das von den Kassen viel besser eingesetzt werden könnte.
„Die beste Arznei für den Menschen ist der Mensch. Der höchste Grad dieser Arznei ist die Liebe.“ Dieses Vermächtnis des schweizerisch-österreichischen Arztes Paracelsus (16. Jh.) sollte zum gedanklichen Werkzeug jedes Vorgesetzten gehören. Wie schizophren erscheint es, dass Millionen von Menschen in die Mühlen der Krankschreibung geraten, wo ihnen Kolleginnen und Kollegen, insbesondere Vorgesetzte mit Empathie, einfach als Menschen helfen könnten? Soziale Wärme kann wie eine warme Badewanne heilen.

Stattdessen regieren vielerorts soziale Kälte, Ignoranz, Machtstreben, Gewinnoptimierung und das seelenlose Bemühen, den eigenen „Laden“ als super darzustellen, obwohl das Image arg lädiert ist – dies verstellt den Blick dafür, dass eine bessere Unternehmens- bzw. Behördenkultur eine Lösungsstrategie wäre, um vielleicht die meisten Probleme im Miteinander in den Griff zu bekommen. Die Mitarbeiter müssen nur spüren, dass sie gefragt sind, einschließlich ihrer Kritik. So wie Unternehmen am Markt Innovationen auch durch den harten Wettbewerb generieren, gilt es, harte Kritiker im eigenen System anzuhören und für sich dort nutzbar zu machen, wo sie am effektivsten sind. Das setzt Personalentwicklungsstrategien voraus, die vielerorts erst noch zu erfinden sind.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Wolfgang Schäuble, Alexander Graf, Ulrich Hemel.

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