Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch. Joschka Fischer

Enttäuschte Europäer

Dass die Solidarität mit den USA nach dem 11. September so schnell in Kritik umschlagen konnte, lag nicht zuletzt an den hohen Erwartungen Europas. Dieses Wechselspiel aus Erwartungen und Desillusionierung definiert unser Verhältnis zu den USA.

„Only Time“ singt die irische New-Age-Sängerin Enya, die nach dem 11. September mit diesem Kulthit den größten Erfolg ihrer Karriere landete. Enya singt von Wunden, die nur die Zeit heilen kann; man kann den Titel auch so verstehen, dass es sich bei diesem Tag um eine einfache Zeitrechnung, nicht jedoch um einen Wendepunkt der Geschichte handelt. 9/11 bedeutet viele Dinge für viele Menschen; die meisten von uns werden ihr Leben lang nicht vergessen, was sie gerade taten, als die Nachricht der „fallenden Türme“ sie erreichte. Aber warum eigentlich? Für viele US-Amerikaner ist es der Tag, an dem die USA den Glauben an ihre eigene Unverwundbarkeit verloren. Europäische Beobachter weisen auf die zunehmend unilaterale Rolle der USA in internationalen Konflikten hin. Manche sprechen gar von einem „wahren Gesicht“ US-amerikanischer Machtpolitik. Und Meinungsexperten wie Juan Cole jonglieren Umfragen und Prozente, um darzulegen, dass der Antiamerikanismus in der Welt aufgrund der Kriege in Afghanistan und im Irak rapide zugenommen hat.

Verlorener Glaube an die Unverwundbarkeit

Historisch ist das nicht richtig. Den Glauben an ihre Unverwundbarkeit verloren die USA spätestens 1940 bei dem japanischen Angriff auf Hawaii (Pearl Harbor). Die Kriege in Afghanistan und im Irak können (noch) nicht mit dem breiten Engagement und vor allen Dingen den Verlusten der USA in Südostasien verglichen werden. Auch das „neue wahre Gesicht“ der Macht- und Interventionspolitik ist so neu nicht: Seit dem 19. Jahrhundert betreiben die USA eine Interventionspolitik, die zunächst Lateinamerika, später auch Asien und Afrika betraf. Auswärtige Kritik konzentriert sich – ebenfalls seit dem 19. Jahrhundert – darauf, dass die USA mit ihrer Interventionspolitik die von ihnen selbst propagierten Ideale wie Freiheit und Selbstbestimmung verletzen.

In Europa hat dieser Antiamerikanismus eine über 200 Jahre alte Geschichte. Er ist Ausdruck einer jahrhundertelangen Frustration über den Verlust einer freiheitlich-liberalen Vision, die im Verlaufe des 20. Jahrhunderts, vor allem seit dem Vietnamkrieg, an Kraft verlor. Die Ironie dabei ist, dass dieser Antiamerikanismus oft Hand in Hand geht mit einer ausgeprägten Faszination für dieses Land, die – wenn man Oberschülern und Reisebüros Glauben schenken darf – nach wie vor ungebrochen ist. Dieser Proamerikanismus ist mindestens genauso alt wie die Kritik an den USA. Ursprünglich ging er hervor aus der Vision der USA als einer Art Zukunftslabor für die Welt noch vor dem Aufstieg des industriellen Kapitalismus und der Moderne. Aber bald schon sorgten sich europäische Beobachter, dass die Vision der USA sie betrogen habe. Dies war der Beginn einer antiamerikanischen Diskussion im Rahmen philoamerikanischer Tendenzen. Die Spannung zwischen beiden bildet die fundamentale Bedingung der beiden Gegensätze: große Erwartungen und bitterer Illusionsverlust sind untrennbar miteinander verbunden.

Frappantes Unverständnis

Genau um diese Erwartungen und diesen Illusionsverlust ging es – erneut – in den Monaten nach dem 11. September, ebenso wie an dem Tag, als Barack Obama zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde. Es sind Momente des scheinbar tief greifenden Wandels, die emotional berühren und hohe Erwartungen schüren. Wenn diese Erwartungen enttäuscht werden, wenn US-Administrationen so agieren, wie sie selbst und andere hegemoniale Mächte dies zuvor ebenfalls taten, dann reagiert die Welt, allen voran Europa, mit frappantem Unverständnis. Unverständlich ist nur, dass es uns immer wieder überrascht. Am Ende ist auch der 11. September nur ein Tag. Only Time.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Joachim Nikolaus Steinhöfel, Gregor Gysi, Florian Josef Hoffmann.

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