Ein Buch über Twitter im Regal ist wie ein Foto vom Wagenheber im Kofferraum. Sascha Lobo

Trump ist ein Avantgardist

Er ist autoritär, emotional und inkonsistent. Doch gerade darin liegt ein Erfolgsgeheimnis moderner Populisten. In Wahrheit sind sie Avantgardisten in einer hyperrationalen, emotional erkalteten Welt, meint Deutschlands bekanntester Tiefenpsychologe.

Donald Trump gilt als ein schwer auszurechnender Politiker. Selbst sein Umfeld wirkt immer wieder überrascht von seiner Beweglichkeit und der anscheinenden Unbeständigkeit seiner Positionen. Die ausgeprägte „Hire and Fire“-Praxis bei den eigenen Weggefährten passt in dieses Bild und schafft eine Aura permanenter Unsicherheit. Trotz – oder auch gerade wegen – der scharfen Kritik, die ihm sein Verhalten einbringt, stehen das halbe Land und seine Anhänger treu zu ihm. Er ist bei ihnen populär, während der andere Teil des Landes starke Antipathien gegen ihn entwickelt.

Dieses Profil kennzeichnet in mehr oder weniger gleicher Weise auch andere erfolgreiche Politiker, die wie Trump häufig als Populisten bezeichnet werden: Erdogan, Orban oder Kazcynski. Sie alle polarisieren und schaffen es, etwas mehr als die Hälfte des Landes hinter sich zu bringen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie als autoritäre Charaktere gelten, die letztlich autokratisch entscheiden. Sie stehen zwar für einen generellen politischen, sehr national ausgerichteten Grundkurs – aber wie und was diese Politiker letztlich entscheiden, ist für Andere oft schwer vorhersehbar. Zudem wirken ihre Haltungen nicht in sich konsistent und schlüssig sondern oft von überraschenden Kurswechseln geprägt.

Damit stehen diese Politiker für eine Veränderung und einen neuen Stil in der politischen Auseinandersetzung: Galt für die Meinungsbildung im öffentlichen Raum die Regel, dass man nicht „mal das Eine, mal das Andere“ und nicht dauerhaft ungestraft die Unwahrheit behaupten kann, so scheint dies für diese Politiker nicht zu gelten. Im Gegenteil: Für ihre Anhänger wirken sie dadurch offenbar besonders glaubwürdig und authentisch. Diese Mischung aus Halbwahrheiten, Unberechenbarkeit, Polarisierung und Emotionalisierung führt bei ihren politischen Gegnern zu starken Aversionen, ohne dass sie jedoch mit ihren Argumenten und klassischen Instrumenten der Meinungsbildung etwas wirklich Nachhaltiges gegen diesen „Populismus“ ausrichten.

Die Erklärung: Trump & Co sind Avantgarde im Spiel mit der öffentlichen Meinungsbildung, während die klassischen Eliten den Anschluss verpasst haben. Zu diesem Schluss kann man nach einer von der Agentur rheingold salon durchgeführten Studie der Lohmann-Stiftung zur Zukunft der öffentlichen Meinungsbildung kommen. Paradoxe – also in sich widersprüchliche Auffassungen – zu vertreten, ist danach „normal“ geworden bis in die hohe Politik hinein. Horst Seehofer, der bayerische Ministerpräsident unterstützt etwa selbstverständlich die windgestützte Erzeugung von Strom in der Nordsee, möchte aber nicht, dass dafür die üblichen Stromtrassen in Bayern gebaut werden, um ebendiesen Strom dorthin zu transportieren. Horst Seehofer ist nicht allein mit solchen nicht schlüssigen Auffassungen im gesellschaftlichen Diskurs. Frauen, die sich rund um die aktuelle Diskussion „Regretting Motherhood“ dazu bekennen, dass sie eigentlich ihre Entscheidung bereuen, ein Kind in die Welt gesetzt zu haben, betonen zumeist zugleich, wie sie sehr sie ihre Kinder lieben. Das ist vielleicht psycho-logisch verständlich – aber eben nicht wirklich logisch.

Unterschiedliche, widersprüchliche Positionen zu vertreten ist heute an der Tagesordnung. Immer mehr Menschen sympathisieren etwa mit vegetarischer Ernährung, essen aber auch Fleisch – die sogenannten „Flexitarier“. Und während man früher Raucher oder Nicht-Raucher war, können sich viele auch hier nicht mehr eindeutig einordnen: Mal rauchen sie, mal eben nicht.

Hierzu passt, dass etwa die Hälfte der Bürger in der Studie angibt, dass sie ihre Meinungen häufig sehr schnell wieder ändern. Und sie glauben, dies auch bei anderen beobachten zu können. Zitat: „Ich habe nicht eine Meinung sondern ganz viele!“ Die Konsequenz ist, eine Vielfalt parallel vertretener Auffassungen. Viele Menschen haben heute kein Problem damit, Auffassungen zugleich zu vertreten, die sich eigentlich widersprechen. Zum Beispiel Ökostrom anzupreisen aber im nächsten Moment, nur den günstigsten Stromtarif zu akzeptieren.

Dazu passt, dass es nach der Studie den Bürgern heute zunehmend schwerer fällt, sich eine schlüssige Meinung zu bilden. Und: Die gebildeten Meinungen sind dabei außerdem oft nicht von Dauer. Mehr noch: Man muss den Eindruck gewinnen, dass in sich konsistente, schlüssige Meinungen meist gar nicht erst gebildet werden wollen.

Natürlich waren Emotionen und sogenannte „irrationale“ Aspekte in jeder Kultur und zu allen Zeiten Bestandteil der öffentlichen Meinung und wesentlicher Einflussfaktor bei wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen. Sie wurden in der Vergangenheit aber nicht als solche angeführt, sondern mussten in ein „rationales“ Gewand gekleidet werden – selbst rassistische Positionen wurden stets von wissenschaftlich-rational gestalteten „Beweisführungen“ flankiert. Eine rein emotionale Argumentation wäre im öffentlichen Diskurs nicht ernst genommen worden.

Das „Emotionale“ war dagegen vor allem in der Sphäre des Privaten untergebracht und auch überwiegend dort gepflegt. Diese Aufspaltung wurde zusätzlich noch durch Geschlechtertrennung systematisiert und gefestigt. Während die Männer im öffentlichen Raum der Politik und Wirtschaft „räsonierten“ und nach außen nur wenig Gefühle zeigten, wurde das „Private“ zum Gestaltungsbereich der Frauen, die sich darin emotionalen Feldern wie Beziehungen, Familie, Kinder zu widmen hatten.

Allmählich entwickelt sich jedoch heute, anstelle der strikten Trennung des Öffentlichen vom Privaten, wie sie für das klassische bürgerliche Zeitalter kennzeichnend war, eine Verquickung des Privaten mit dem Öffentlichen. Für keinen der beiden Bereiche scheinen mehr feste Regeln zu gelten. Für die Öffentlichkeit bedeutet dies eine neue Freiheit von Beschränkungen und vom Zwang zur Kongruenz. Gleichzeitig erhöht es auch den Druck: Immer mehr werden auch Privatleute – freiwillig und z.T. auch unfreiwillig – zu „Personen des öffentlichen Interesses“. Und sie sehen sich auch so, posten auf Facebook, Instagram & Co, was das Zeug hält. Es gibt heute keine wirkliche Trennung in Öffentlichkeit und Privatsphäre mehr sondern beide schmelzen zusammen zu einer neuen Pröffentlichkeit.

Die „sozialen Medien“ sind Kinder und Vertreter dieser Pröffentlichkeit: Bei Posts auf Facebook, Snapchat oder Instagram ist nicht mehr klar zu differenzieren, ob hier Privates öffentlich gemacht oder der öffentliche Raum privatisiert wird. Umgekehrt eröffnen Personen des öffentlichen Raums zunehmend auch Einblicke in ihre privaten Bereiche – sei es über Home Stories in Gazetten oder indem sie ihren Followers bei Twitter gestatten, ihnen in die Grauzone zwischen öffentlichem und privatem Alltag zu folgen.

Der innere Widerspruch wird dabei in der Pröffentlichkeit salonfähig. Im Reich der Psyche verschmelzen Öffentliches/Rationales und Privates/Emotionales. Anders als im „Reich der Vernunft“ können Widersprüche im Empfinden nebeneinander stehen bleiben, ohne dass sie einer logisch-schlüssigen Auflösung zugeführt werden müssen.

Die berühmte Rede von den „zwei Seelen in meiner Brust“ bringt so eine seelische Heterogenität zum Ausdruck. Im Bild vom schizophrenen Bürger und der Kultur der Widersprüchlichkeit wird deutlich, wie stark diese Psychologisierung den öffentlichen Raum mittlerweile kennzeichnet.

Trump & Co sind also Avantgarde, wenn sie diese Entwicklung für ihre Politik aufgreifen. Sie treffen damit die Empfindungen und Herzen sehr vieler Menschen – ob man das nun mag oder nicht. Im Kern ist der Populismus-Vorwurf ihrer Gegner ungewollt auch eine latente Selbstanklage: So bedeutet er doch auch, selbst zu elitär geworden zu sein. Die Trump-Gegner klagen also darüber, dass sie „das Volk“ zu großen Teilen eben nicht mehr erreichen.

Für die Trump-Gegner bedeuten die jüngsten Forschungserkenntnisse der Lohmann Stiftung, mehr Mut zur Psychologisierung und Emotionalisierung im öffentlichen Diskurs entwickeln zu müssen. Erst dann wird es ihnen vermutlich gelingen können, wieder breiter Anschluss zu finden und Gestaltungshoheit zurück zu gewinnen. Denn in der heutigen Pröffentlichkeit wird die gefühlte Wirklichkeit nicht durch rationale Argumente allein aus der Welt zu schaffen sein. So wie die Ergebnisse der Studie aussehen, wird sich dies auch nicht so schnell ändern.

Die Errungenschaft der Aufklärung – das Credo der reinen Vernunft – ist für die öffentliche Meinungsbildung demnach heute kein Maßstab mehr! Die Aufklärer wollten mit diesem Credo zu ihrer Zeit Emotionalität überwinden, um einen nüchternen, klaren Blick auf die Realität zu gewinnen. Sie haben dafür psychologische Befindlichkeiten und Emotionen vom öffentlichen Diskurs abgespalten und ins Private „abgeschoben“. Die Ergebnisse der rheingold salon-Studie lassen sich auch so lesen, dass diese historische Angst heute überwunden wurde und sich neue Formen des Umgangs mit Emotionalität und Psychologie im öffentlichen Diskurs entwickelt haben. In einer Demokratie sollten die Wirkungsmechanismen dieser neuen Pröffentlichkeit jedoch nicht Trump & Co allein überlassen werden.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Roger Köppel, Ulrich Stephan, Sebastian Sigler.

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