Die Geschichte des öffentlichen Raums ist geprägt vom Kampf. Paragrafen, geschrieben mit der Tinte der Angst, setzen nun an, diesen im Digitalen zu beschränken. Die Justizministerkonferenz hat Mitte Juni beschlossen, die von Hamburg in den Bundesrat eingebrachten Änderungen des Bundesdatenschutzgesetzes zu unterstützen. Aus der “Lex Google” soll eine Regelung der Geodatendienste werden.
Nehmen wir für einen Moment die Sicht derjenigen ein, die im Abbilden des öffentlichen Raums im Web eine Gefahr für die informationelle Selbstbestimmung des Einzelnen sehen. Für diese ist es, kurz gesprochen, ein Unterschied, ob alle Welt physisch in eine Straße pilgert, um ein Haus zu betrachten, oder ob jeder mithilfe digitaler Mittel diesen Besuch über seinen Bildschirm erledigt. Die Welt rückt durch das Digitale näher zusammen und einigen ist da im ersten Moment ein wenig unwohl. Das muss man wohl anerkennen. Nicht jeder ist geprägt von einer inneren Freude gegenüber der Welt. Nicht jeder schafft es, seine Angst vor dem Unbekannten in verantwortungsvolle Neugier umzuwidmen.
Kollaboration, Partizipation und Empathie
Das Web hilft durch vielfältige Datenverknüpfungen, neue, sinnvolle Werkzeuge zu schaffen. Georeferenzierte Mashups wie ushahidi.com erleichterten in Haiti die Rettungsarbeiten. In Indien haben Frauen das Web benutzt, um für ihre freie Bewegung im öffentlichen Raum zu kämpfen. Der Bürgerservice Märker in Brandenburg (ähnlich dem bekannten fixmystreet.co.uk) erleichtert den Dialog mit der regionalen Verwaltung, um den öffentlichen Raum schöner und sicherer zu gestalten. Das Web ermöglicht mehr Kollaboration, Partizipation und Empathie zwischen den Menschen durch das Teilen von Daten.
Menschen können aber auch diskriminiert werden, wenn Personen, Institutionen oder Firmen Datensätze im Verborgenen verknüpfen. Scoring ist in den Händen von wenigen eine große Versuchung. Es ist zu begrüßen, dass in diesem Feld die Überprüfungsmöglichkeiten durch die Betroffenen gestärkt werden. Daten, die von allen verwendet werden können, verlieren allerdings oft ihr großes Diskriminierungspotenzial.
Gesucht sind ergo die Grundlagen unseres Abwägens. Der Bundesinnenminister hat recht, wenn er verlangt, dass unser Umgang mit dem Web auf einer gemeinsamen Wertebasis beruhen sollte. Übertriebener Schutz bedeute Bevormundung, erkannte selbst er kürzlich. Er verkennt allerdings, dass die webaffinen Teile der Bevölkerung teils bewusst, teils unbewusst einen neuen gelebten Wertekanon entwickeln, der wesentlich näher an der Vorstellung einer offenen demokratischen Gesellschaft liegt als die bundesrepublikanische Gesamtrealität. Hierin drückt sich die gesellschaftstransformatorische Kraft des Web aus.
“Vertrauen als Default”
Das soziale Multifunktionswerkzeug Internet setzt Kreativität frei. In Deutschland wird groß über Medienkompetenz schwafuliert. Das englische Wort “media literacy” bringt den wahren Bedarf auf den Punkt, denn ‘literacy’ bedeutet ‘Fähigkeit’. Bevor man kompetent in digitalen Fragen ist, sollte man überhaupt erst einmal fähig sein, das Web kreativ zu benutzen. Es würde mich nicht wundern, wenn 99 Prozent derjenigen, die sich über Street View aufregen, es kein einziges Mal verwendet haben.
Der Umgang mit dem neuen öffentlichen Raum, in dem die digitale und die physische Ebene der Realität mehr und mehr zusammenwachsen, wird ein Prüfstein für die deutsche Politik und den deutschen Michel im 21. Jahrhundert. “Vertrauen als Default” lautet die Aufgabe.


















Besten Dank für diesen Post. Ich stimme dem absolut zu. Man muss natürlich (Jeff-Jarvis-like) einen neuen Begriff der Öffentlichkeit diskutieren, egal was dabei herauskommt. Und man muss heutzutage auch medien-FÄHIG sein. Deshalb ist der Begriff “literacy” tatsächlich besser, weil er ja das Handling mehr betont (als die eher passive Medien-KOMPETENZ).
Aber der spannende Punkt ist doch gerade das Vertrauen, was hier nur kurz am Schluss anklingt. Und hier würde ich widersprechen und entgegenhalten, dass Vertrauen auch erst erlernt werden muss, “trust literacy” quasi. Sowohl auf Internetausdrucker-Seite (“Das Web ist nicht böse.”), als auch auf DigitalNative Seite (“Woher stammt die Info?”), ganz plakativ gesprochen. ;-)
Ob mit den Menschen, wie sie (wir) nun einmal sind, jemals ein “Default Vertrauen” hinzukriegen ist, wage ich zu bezweifeln..
Was mich an der streetview-Debatte mehr wundert, ist, was in diesem Satz anklingt: “Für diese ist es, kurz gesprochen, ein Unterschied, ob alle Welt physisch in eine Straße pilgert, um ein Haus zu betrachten, oder ob jeder mithilfe digitaler Mittel diesen Besuch über seinen Bildschirm erledigt.”
Wenn ich etwas außerhalb meiner 4 Wände tue, dann ist das öffentlich. Das ist schon immer so gewesen und ob mir 2 oder 100 Leute dabei zusehen, macht doch dann keinen Unterschied. Wesentlich bedenklicher finde ich “Bundestrojaner”, die in mein Haus, in mein Emailpostfach (Briefgeheimnis), in meine persönlichen Dokumente eindringen könnten.