Die Sehnsucht nach Freiheit hat die Angst der Menschen schrittweise besiegt. Joachim Gauck

Das Versuchslabor der Sabine S.

Frau S. und Herrn J. verbindet der Kampf gegen Rechtsextremismus. Doch während die Medienpädagogin so ihre Probleme mit dem Konzept der Meinungsfreiheit hat, bietet ihr der Radiomann eine Bühne. Klingt irre, ist das Resultat auch.

Deutschland kämpft gegen Rechts, und das ist auch gut so. Angefangen bei der Bundesregierung, der mit einer kleinen Verspätung von lediglich einigen Jahren aufgefallen ist, dass die NPD vorwiegend aus V-Leuten des Verfassungsschutzes besteht, bis hin zur „Frankfurter Rundschau“, wo man vorige Woche aufschlussreiche Worte von Dr. Sabine Schiffer, einer Medienpädagogin aus Erlangen mit Expertise für Dauerschleifen jeglicher Art, nachlesen konnte. Denn wenn es um Rassismus und insbesondere Islamophobie geht, so ist auch die ambitionierte Leiterin des Erlangener „Instituts für Medienverantwortung“ nicht weit. Unter dem Motto „Islamfeinde im straffreien Raum“ verkündete sie dort zum gefühlten 100. Mal, wie rechtsextremen Bloggern sowie „doppelten Standards“ in puncto Strafverfolgung denn nun am besten zu begegnen sei. Verantwortung für diesen Schlamassel trügen laut Schiffer nämlich „Behörden“, die sich „mit dem Konzept der Meinungsfreiheit“ schwer täten. Im Umkehrschluss müsse man also wohl lediglich dieses lästige „Konzept“ ändern, und schwupps, schon würde wieder Frieden im Erlangener Institut einkehren, wo die ambitionierte Fränkin bereits seit Jahren unermüdlich an einer „Neudefinition der Meinungsfreiheit“ forscht.

Eine wunderbare Freundschaft, die obskure Früchte trägt

In Erlangen nichts Neues, könnte man sagen. Doch das wäre gegenüber der engagierten Wissenschaftlerin, in deren Kopf sich pausenlos „kritisches Denken abspielt“, vielleicht nicht wirklich fair. Denn schließlich kümmert sich Sabine um etwas, das so enorm wichtig ist, dass es gar nicht oft genug betont werden kann, und zwar um die „Darstellung des Islams in der Presse“ – nicht nur Thema der Dissertation, sondern vielmehr Lebensmittel-, Dreh-, und Angelpunkt der eifrigen Forscherin. Und nachdem der Islam laut Dr. Schiffer mit einem ernst zu nehmenden Imageproblem hadert – mal scheint er rückständig, mal gar bedrohlich, auf jeden Fall jedoch wird er stets verzerrt dargestellt –, hat die Wissenschaftlerin aus Erlangen freilich alle Hände voll zu tun. Morgens klärt sie DIE LINKE Bremen, die normalerweise eher durch Boykott-Aktionen gegen israelische Produkte auffällt, über die angeblich frappierenden Parallelen zwischen Antisemitismus und Islamophobie auf, nachmittags bereichert sie die iranische Propaganda, indem sie dem dortigen staatlichen Rundfunk ein Interview gibt, und abends recyclet sie ein Kapitel ihrer Doktorarbeit, das sie anschließend vermutlich als brandneue Erkenntnis an die Bundeszentrale für politische Bildung verkauft.

Und wenn sie dann noch Zeit hat, so schaut sie gern mal bei Ken Jebsen, Moderator bei Radio Fritz a.D., vorbei. Denn schließlich ist der Mann, der weiß, dass von den neulich über 1.000 freigelassenen palästinensischen Terroristen „höchstens ein bis zwei Mörder waren“, mindestens ebenso kritisch wie Sabine. Eine wunderbare Freundschaft also, die reichlich obskure Früchte trägt. Einige davon (üb)erlebte der geneigte Hörer zum Beispiel anlässlich des 10. Jahrestags der 9/11-Attentate. Im Interview mit KenFM fantasierte Frau Dr. Schiffer dabei eine gegen den Islam gerichtete Weltverschwörung herbei.* Jedenfalls muss der Medienpädagogin dabei vor lauter Eifer wohl glatt entgangen sein, wer ihr da eigentlich zuhört (vorwiegend Jugendliche), mit wem sie gerade redet („Ich weiß, wer den Holocaust als PR erfunden hat!“) und wer all das bereits seit Jahren finanziert (die Allgemeinheit).

Doppelte Standards

Es sei denn, Frau Dr. Schiffer hält ihr verschwörungstheoretisches Geschwurbel allen Ernstes für verantwortungsvoll, sich selbst für eine ernst zu nehmende Wissenschaftlerin und Ken Jebsen für einen seriösen Journalisten. Dann darf Ken Jebsen, wenn auch nun nicht mehr auf Kosten des Gebührenzahlers, freilich seiner Hörerschaft suggerieren, 9/11 sei von Amerikanern inszeniert und die Festnahme Adolf Eichmanns durch den Mossad irgendwie illegal und damit verachtenswert gewesen. Dann darf der Mann, der für Steinigungen im Iran nicht etwa die Mullahs, sondern vielmehr die USA verantwortlich macht, auch weiterhin antiamerikanische Mistkübel über seiner Hörerschaft ausleeren, die Ken Jebsen offenbar genau dafür schätzt – denn sonst würde sie ihm nicht zuhören, ohne anschließend Schmerzensgeldforderungen zu stellen.

Zugleich sollten dann allerdings auch Islamkritiker frei und unbeschwert Ehrenmorde und Menschenrechtsverletzungen im islamischen Raum kritisieren dürfen, ohne umgehend von Frau Dr. Schiffer eins auf den Deckel zu bekommen. Denn wer wie Sabine aus Erlangen nur den Islamkritikern den Mund verbieten will, jedoch nach der, völlig zu Recht erfolgten, Kündigung ihres Busenfreunds Ken Jebsen über „Zensur“ klagt, der kennt sich mit sogenannten „doppelten Standards“ nicht nur aus, sondern praktiziert sie vielmehr selbst. Und das wollen wir der Wissenschaftlerin mit Medienverantwortung, die nicht zuletzt ebenfalls vom jetzigen „Konzept der Meinungsfreiheit“ profitiert, ja nun wirklich nicht vorwerfen.

*: Aufgrund einer falschen Tatsachenbehauptung wurde The European Magazine aufgefordert, diese zu widerrufen. Mit der Entfernung dieser Text-Passage sind wir dieser Forderung nachgekommen.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Frank Heinze – 10.12.2011 - 13:07

    Herzlichen Gruß aus Erlangen. Auch ich verfolge die Aktivitäten von Frau Dr. Schiffer mit Interesse. Siehe mein Blog:
    http://blog-der-wendungen.blogspot.com/2011/11/erlanger-medienverantwortliche-und.html

  • Theeuropean-placeholder
    Henry – 10.12.2011 - 14:41

    Mir wird immer ganz anders, wenn ich “Neudefinitionen der Meinungsfreiheit” oder “nur Imageproblem des Islams” höre…
    Mir scheint, nach 2 Diktaturen einschliesslich Außerkraftsetzung der Meinungsfreiheit und Ersatz gesellschaftlicher Diskurse durch Propaganda haben die Menschen nicht viel dazugelernt.
    Die Ausblicke auf die Zukunft sind durchweg düster.
    Ich möchte nicht irgendwann in einem System aufwachen, in welchem die Meinungsfreiheit “neu definiert” wurde von Menschen wie Frau Schiffer oder auch nur Ruprecht Polenz.

  • Theeuropean-placeholder
    Ihr Name ... – 10.12.2011 - 18:34

    Zu Zeiten Voltaires war Meinungsfreiheit noch einfach.

    http://ernstwilhelm.wordpress.com/2010/10/09/zuwenig-meinungsfreiheit/

    Noam Chomsky sagte mal etwas sehr intelligentes , als er das Recht auf freie Rede eines Rechtsextremisten verteidigte:

    Many writers find it scandalous that I should support the right of free expression for Faurisson without carefully analyzing his work, a strange doctrine which, if adopted, would effectively block defense of civil rights for unpopular views. […] It seems to me something of a scandal that it is even necessary to debate these issues two centuries after Voltaire defended the right of free expression for views he detested. It is a poor service to the memory of the victims of the holocaust to adopt a central doctrine of their murderers.

  • Theeuropean-placeholder
    CtisisMaven – 10.12.2011 - 19:24

    Nun, nun, es ist natuerlich glaubwuerdiger, ein Osama habe die Flugzeuge ins World Trade Center oder das Pentagon gesteuert, als etwa der pakistanische Geheimdienst ISI, der kurz zuvor Herrn Atta 100.000 Dollar ueberreichte und am Tage des Anschlags persoenlich am Ort des Geschehens vertreten durch die Chefebene anwesend war, während eine NORAD-Uebung mit exakt demselben Thema stattfand, weshalb Abfangjaeger irrtuemlich nicht starteten, weil sie glaubten, der Osama gehoere zum Programm der Uebung, was, da dieser CIA-Agent war, natuerlich nicht abwegig war. Aber was soll’s, immerhin fanden ein paar Jahre spaeter Anschlaege auf U-Bahnen und einen Bus in London statt, bei denen sich die Boeden der U-Bahn z.T. nach innen woelbten und an just demselben Tage zur selben Zeit fand … eine Notfalluebung statt, die exakt dasselbe Szenario betraf, an z.T. zufaellig denselben U-Bahnen. Ich haette gerne auch soviele Zufaelle, wenn ich Lotto spiele.

  • Theeuropean-placeholder
    Elchkritiker – 11.12.2011 - 00:02

    Ah, ein Truther!
    Nun ja, alles irgendwie im Bereich des Möglichen.
    Aber die Idee, dass der pakistanische Geheimdienst und Osama Bin Laden zwei so unterschiedliche Paar Schuhe sein sollten, dass ihr Zusammenwirken den weltgeschichtlichen Blick auf 9/11 komplett umwerfen würden, kann ich nicht teilen.
    Das käme mir etwa so vor, als würde mir jemand mit leuchtenden Augen erklären, Ermittlungen hätten ergeben, das Sprengstoffattentat, bei dem ca. 12 Polizisten verletzt wurde, hinge nun doch nichts mit der “Gewerkschaft” Verdi, sondern den “Linken”
    zusammen.

  • Theeuropean-placeholder
    Will Tanner – 10.12.2011 - 21:58

    Hast Du heute zu viel Glühwein abgekriegt, Genosse CrisisMaven?

Aus der Kolumne

Neues aus Meschuggestan

Fatwas gegen Shahin Najafi

Shahin_najafi_2 4

Der Umgang mit den Todesfatwas gegen den iranischen Rapper Shahin Najafi zeigt anschaulich, wie selektive Empörung in Deutschland funktioniert.

Jennifer_pyka
von Jennifer Nathalie Pyka
19.05.2012

Über den Unsinn des Karikaturenverbots

144027110 24

Das geplante Karikaturenverbot basiert nicht nur auf skurriler Logik, sondern ist gleichzeitig zutiefst antidemokratisch.

Jennifer_pyka
von Jennifer Nathalie Pyka
12.05.2012

Über das Wesen der Antisemitismus-Keule II

Photocase4dkfwxc453510021 61

Zu den Vorzügen der Antisemitismus-Keulen-Debatte gehört nicht nur, dass sie herrlich vom subtilen Judenhass ablenkt, sondern auch der Opferbonus, den sie dem vermeintlichen Zielobjekt verschafft.

Jennifer_pyka
von Jennifer Nathalie Pyka
05.05.2012

Mehr zum Thema: Rechtsextremismus, Ken-fm, Meinungsfreiheit

Debatte

Nein zum Verbot der NPD

142847779

Nein zum Verbot der NPD

Die NPD ist eine antidemokratische Partei. Sie zu verbieten, wäre aber mehr Aktionismus als alles andere. weiterlesen

Florian_hartleb
von Florian Hartleb
17.04.2012

Kolumne

Wolf-christian_ulrich_kopf
von Wolf-Christian Ulrich
21.02.2012

Debatte

Neue Rechtspartei in Deutschland?

71114992

Neue Rechtspartei in Deutschland?

Das in Europa umhergehende Gespenst des Rechtspopulismus hat hierzulande noch keine parteipolitische Gestalt angenommen. Nur warum nicht? weiterlesen

Haeusler_bild_priv
von Alexander Häusler
16.01.2012
meistgelesen / meistkommentiert