Mein Verhältnis zur französischen Sprache ähnelt dem zu meiner Frau. Ich liebe sie, aber ich beherrsche sie nicht. Hans-Dietrich Genscher

Neues vom Gute-Laune-Sozi

Sigmar Gabriel spricht gern vom „Wir“ und den „wahren Asozialen“. Ob ihm bewusst ist, was genau er damit ausdrückt, fragt unsere Kolumnistin in einem offenen Brief an den SPD-Vorsitzenden.

Sehr geehrter Herr Gabriel,

es kommt nicht gerade oft vor, dass mich die Rede eines Sozialdemokraten nachhaltig beeindruckt. Nun ist allerdings genau das geschehen, und der Anlass dafür ist die Rede, die Sie vorigen Sonntag auf dem außerordentlichen SPD-Parteitag in Augsburg hielten. Die nämlich war tatsächlich großes Kino. Und das nicht etwa, weil Sie sozusagen mein Lieblings-Sozialdemokrat sind. Ja, das hätten Sie vielleicht nicht gedacht, aber ich mag Sie wirklich. Vor allem, weil Ihnen die eiskalte Überheblichkeit eines Peer Steinbrück und die Fähigkeit, immer so miesepetrig wie Andrea Nahles in die Kamera zu gucken, völlig fehlen. Sie dagegen sind mein persönlicher Gute-Laune-Sozi. Dass wir nur selten einer Meinung sind, tut dem keinen Abbruch.

Was mir nun aber bezüglich Ihrer Rede imponierte, war nicht Ihre Aura, sondern Ihre Wortwahl. Sie sprachen vieles an, etwa das „Zeitalter des neoliberalen Egoismus“, das endlich vorbei sein müsse (wobei ich glaube, dass wir gar nicht in einer solchen Ära leben), oder auch den „Kampf gegen diesen Kapitalismus“, den die Genossen nun aufnähmen. Besonders scheinen Sie allerdings „die wahren Asozialen in diesem Land“ mitzunehmen. Damit meinen Sie die Leute, die staatlich subventionierte Angebote und Einrichtungen nutzen, ihr eigenes Geld jedoch am Finanzamt vorbei ins Ausland bringen.

Was es mit den „Asozialen“ auf sich hat

Nun kann ich freilich nachvollziehen, dass Ihnen die Steuersünder den Schlaf rauben. Viele Menschen schlafen schlecht, wenn sie an Geld denken, das ihnen entgeht. Unabhängig davon frage ich mich aber, ob Sie überhaupt so genau wissen, was es mit den „wahren Asozialen“ auf sich hat. Ist Ihnen bekannt, dass dieser Ausdruck vor allem während der NS-Zeit geprägt wurde? Wenn die Nazis von „Asozialen“ sprachen – und das taten sie oft und gern –, meinten sie damit von ihnen als „minderwertige“ definierte Menschen oder Gruppen, die der „Volksgemeinschaft“ schaden würden und daher über kurz oder lang im KZ landeten. Roma und Sinti, Alkoholiker, Wanderarbeiter, Prostituierte und viele mehr wurden zuerst mit diesem Begriff gebrandmarkt, ausgegrenzt und abschließend vernichtet.

Ich will Ihnen damit keine bösen Absichten unterstellen. Schließlich sind Sie ja als ausgewiesener Vergangenheitsbewältiger bekannt. Die Zuneigung ihres Vaters zu den Nationalsozialisten haben Sie mittlerweile öffentlich-rechtlich und cross-medial, also sehr nachhaltig, aufgearbeitet. Erst am Montag brachen Sie mit Ihrer Tochter ins Heilige Land auf, da diese nun auf jüdische Vorfahren mütterlicherseits gestoßen ist. Und was Ihre Apartheid-Äußerung zu Hebron angeht, bin ich mir nicht ganz sicher, ob Sie damals nicht schlicht mit der falschen Menschenrechtsorganisation unterwegs waren.

Um aber wieder zum Thema zurückzukommen, erlauben Sie mir eine Frage: Was täten Sie, wenn etwa Horst Seehofer in Bezug auf die Hartz-IV-Debatte von Schmarotzern und Schädlingen spräche? Ich wette, Sie würden sofort vor das nächstbeste Kamera-Team stürmen und leidenschaftliche Oppositionsarbeit leisten.

Wer nicht zum „Wir“ gehört

Abgesehen davon denke ich, dass Ihre Äußerung tendenziell recht gut mit dem diesjährigen Motto der SPD korrespondiert. Wie Ihnen ja bekannt ist, treten die Genossen heuer mit dem Slogan „Das Wir entscheidet“ an. Das klingt zunächst prima, zumindest für unbedarfte Mitbürger, die weder in einer Diktatur gelebt haben noch wissen, wie eine solche funktioniert. „Wir“ – das klingt so heimelig und gemütlich. Wir helfen uns, wir sind nie allein, wir packen zusammen an, und zur Krönung entscheiden wir sogar. Allerdings bedeutet die Priorität des „Wir“ eben auch, dass Gleichheit vor Freiheit steht, das Individuum dem Kollektiv untergeordnet wird und somit der Einzelne zum Wohle der Gemeinschaft auf ein paar Freiheiten und Grundrechte – sagen wir mal: das Recht auf Eigentum, die Meinungs- oder die Religionsfreiheit – verzichten muss.

Das Blöde an solchen Fantasien ist zudem, dass eben nicht alle Menschen gleich sind. Sie müssen erst gleich gemacht werden. Diejenigen, die wesentlich ungleicher als gleich sind, stören nur. Und zwar enorm. Also wird zuerst Stimmung gegen sie gemacht, damit sich anschließend niemand darüber beschwert, wenn die Ungleichen plötzlich verschwinden, weggesperrt oder heftig sanktioniert werden. Geschieht ihnen ja recht.

Um ehrlich zu sein: Ihre Rede von den „wahren Asozialen“, kombiniert mit dem perfekten „Wir“-istan, das die Genossen anstreben, erinnert mich ein wenig an solche Mechanismen und Strategien. Zuerst beschwören Sie das Gemeinwohl, um danach zu erläutern, wer nicht zum „Wir“ gehört – nämlich in diesem Fall die Steuersünder. Wohlwissend, dass diese Gruppe ohnehin nicht den besten Ruf genießt, da sie sich in aller Regel des Verbrechens, viel Geld zu verdienen, schuldig gemacht hat. Sie wissen, dass Sie damit nichts falsch machen können. Darum agitieren Sie nicht nur gegen diese Gruppe, sondern stigmatisieren sie unzweideutig als „wahre Asoziale“, die somit vielleicht eines Tages mit großer Zustimmung entrechtet werden könnte. Welche Gruppe käme dann eigentlich als Nächstes?

Lieber Herr Gabriel, vielleicht lassen Sie sich all das einfach noch mal durch den Kopf gehen. Auch mit Blick auf die Vergangenheit, die Sie ja sonst so gerne bewältigen. Und natürlich bleiben Sie vorerst mein persönlicher Gute-Laune-Sozi.

Herzlichst

Ihre Jennifer Nathalie Pyka

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Jennifer Nathalie Pyka: Krieg der Schwärme

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