Mikrofone sind das einzige, was Politiker sich gerne vorhalten lassen. Frank Elstner

Nicht das Grüne vom Ei

Ob Klimaschutz oder soziale Gerechtigkeit – die grünen Weltretter wollen stets das Gute. Anstand, Vernunft und Freiheit gehören augenscheinlich nicht dazu.

Es ist durchaus nicht leicht, sich heutzutage zu einer Partei zu bekennen, ohne dabei auf dem Jahrmarkt der Tugendhaftigkeiten in Verruf zu geraten. Die CDU? Zu konservativ, verstaubt, hinterher noch rechts. Die FDP riecht dagegen nach Raubtierkapitalismus und Hoteliershintergrund, und wer SPD wählt, bekommt Steinbrück, also auch nicht den menschgewordenen Traum aller Genossen. Blieben nur noch die Grünen, die das haben, was allen anderen fehlt. Denn grün, das hat sich mittlerweile herumgesprochen, ist nicht nur ein Programm, sondern ein Lebensgefühl. Manchmal sogar ein Glaubensbekenntnis. Grün steht für Yogamatten, Bionade, Mülltrennung und das Bewusstsein, stets so zu handeln, wie es allgemein als „gut“ anerkannt ist.

Den Frauen, Schwachen und Eisbären zuliebe

Ohnehin ist vollumfängliches Gutsein das Stammkapital der Grünen. Hier werden alle „abgeholt“. Frauen werden nicht mit Herrenwitzen, sondern mit Quoten, Geringverdiener mit Mindestlöhnen und Zuvielverdiener mit höheren Steuern bedacht. Auch sonst wird niemand diskriminiert: weder Transsexuelle noch Bürger mit Migrationshintergrund, ja, nicht mal der iranische Botschafter.

Die grünen Heilsbringer wissen aber nicht nur, wie man Unterschiede beseitigt und Vermögen fairteilt. Auch mit nachhaltiger Lebensgestaltung kennen sie sich aus. Um mehr Ernährungssicherheit zu schaffen, soll nun ein „Vegetarischer Donnerstag“ verordnet werden. Eine prima Idee, um die manch einer noch froh sein wird, sobald auch der „Vegane Montag“ und der „Frugane Dienstag“ zum ernährungssicheren Alltag gehören. Die Freiheit, selbstbestimmt über Steak oder Sellerie zu entscheiden, wird dem höheren Ziel – Vegetarismus als Inbegriff des Guten und Gebot der Stunde – untergeordnet. Der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel.

Das gilt freilich auch für viele andere Lebensbereiche, besonders aber für das Klima, das die Grünen natürlich nicht wandeln, sondern schützen wollen. Bedenken jeglicher Art werden mit dem Wörtchen „Klimawandelleugner“ niedergebügelt, was nicht nur wie Holocaustleugner klingt, sondern bestimmt auch genauso schlimm sein dürfte. „Das Auto der Zukunft fährt grün – oder gar nicht“ wäre beispielsweise eine der unzähligen grünen Drohungen, die so banalen Dingen wie „Freude am Fahren“ den Kampf ansagen. Wahlfreiheit zwischen Porsche, Audi und Elektrofuhrwerk? Verboten. Es geht schließlich ums Klima – und sicher auch um die Eisbären.

So könnte man munter fortfahren, ohne auch nur einmal auf nennenswerten oder gar lauten Widerstand zu stoßen. Das ist eben das Schöne an grüner Politik: Sie will nur das Gute. Kaum jemand, der sich ernsthaft erdreisten würde, etwas gegen Frauenförderung, „soziale Gerechtigkeit“ oder gar Mutter Natur einzuwenden. Wie all das umgesetzt werden soll und wie viel Freiheit dafür zu zahlen sei, ist nebensächlich.

Grüner sterben

Und so erstaunt es auch nicht wirklich, dass die Grünen dem Guten und Schönen zuliebe schon mal über Leichen gehen. Oder sie zumindest post mortem umetikettieren. Ein Spezialgebiet, auf dem sich anlässlich des zweiten Fukushima-Jahrestags besonders Claudia Roth erst neulich verdient machte. Dass 16.000 Japaner nicht durch atomare Verstrahlung, sondern „nur“ in Folge einer Naturkatastrophe gestorben sind, haben ihnen so manche Grüne offenbar bis heute nicht verziehen. Jedoch: Was nicht passt, wird eben passend gemacht. Und so gedachte Grünen-Chefin Claudia Roth also konsequenterweise und unbeirrt den Toten der „verheerenden Atom-Katastrophe von Fukushima“, um gleichzeitig für die Beschleunigung der Energiewende zu werben.

Nun könnte man das mit Fug und Recht, und auch trotz der lauwarmen Entschuldigung von „Team Roth“, als kaltschnäuzig, zynisch und unverfroren bezeichnen. Und vermutlich hätte gerade Claudia Roth als Erste die Nähe eines Kamerateams gesucht, wenn ein CDU-Politiker Opfer von Rechtsextremen zu Betroffenen von Ausländerkriminalität erklärt hätte, um sie anschließend für seinen Wahlkampf zu instrumentalisieren. Aber im grünen Biotop gelten eben andere Gesetze. Allein der gute Gedanke, in dem Fall der Kreuzzug gegen Atomkraft, zählt. Freiheit, Vernunft oder Anstand hingegen versperren lediglich den Pfad in den grünen Garten Eden. Der Ort, an dem es sich mit Sicherheit auch grüner sterben lässt.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jennifer Nathalie Pyka: Gegensteuern

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