Natürlich muss die Gesellschaft beim Thema Zuwanderung auch einen gesunden Egoismus an den Tag legen. Götz Widmann

Die Mär vom neuen Antisemitismus

Häufig wird behauptet, Islamophobie wäre das Pendant zum Antisemitismus. Wie falsch das ist, lässt sich schon am Beispiel des Terroranschlags in Bulgarien veranschaulichen.

Sobald es um das Geschlechtsorgan männlicher Juden und Muslime geht, mutiert der Deutsche gern zum Urologen, Theologen oder Kinderrechtler. So zumindest ließe sich ein Fazit der aktuellen Beschneidungsdebatte formulieren. Dass Vorhäute den durchschnittlichen Nicht-Betroffenen zu skurrilen Kunststücken inspirieren, ist mittlerweile nicht mehr von der Hand zu weisen.

Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich

Denn während es gerade so scheint, als würde der Vorhaut-Tsunami allmählich weiterziehen, gibt es einen, der sich noch rechtzeitig mit einer bahnbrechenden Erkenntnis im Epizentrum positioniert: Jörg Lau, Journalist, tätig für die „Zeit“ und gegen das Beschneidungsurteil, was ihn zweifellos ehrt. Wenn er nicht gerade Kommentare zum Thema produziert, dann erklimmt er noch ganz andere Sphären, von wo aus er nun Folgendes übermittelte:

„Ich habe mich lange gegen die Auffassung gewehrt, Islamophobie und Antisemitismus hätten bedeutende Überschneidungsflächen (no pun intended). Ich gebe hiermit offiziell auf. Es ist ein und das Gleiche.“

Einfach faszinierend, wie er das macht – von der Vorhaut zum allgemein gültigen gesellschaftlichen Befund. Wenngleich diese Erkenntnis natürlich genauso „up to date“ wie wahr ist. Denn dass Islamophobie quasi die aktualisierte Form des Judenhasses wäre, ist eine These, die sich trotz fehlender Substanz nur deshalb so hartnäckig hält, weil sie Relativierungspotenzial bietet und sich so zu deutschem Seelenbalsam verarbeiten lässt. Während manch einer all das durch „Vergleiche“ oder „Parallelen“ sorgsam verklausuliert, geht Lau in die Vollen und stellt beides pauschal auf eine Stufe. Was sein Recht, allerdings auch Mumpitz ist, wie man allein diese Woche beobachten konnte.

Denn während es den Deutschen gestern noch in geheuchelter Sorge um die Intaktheit jüdischer Penisse ging, so riefen Terror mitsamt fünf toter Israelis und weiterer israelischer Verletzter in Bulgarien lediglich die altbekannten Reflexe hervor. Der Mossad war’s, selbst schuld, wenn man so mit den Palästinensern umgeht, so was kommt eben von so was. Etwas seriöser verpacken es die Medien, deren Sorge seit Mittwoch nicht etwa Israel, sondern der „unbewiesenen Verdächtigung“ Irans gilt: „Israel: Begleichen die Rechnung mit Burgas-Drahtziehern“, „Westerwelle warnt vor übereilter Schuldzuweisung“, „Sofort verdächtigt Israel das verhasste Regime in Teheran“. Säbelrasseln, Kriegstrommeln, all das wollen deutsche Redakteure auch bereits vernommen haben.

Insofern business as usual. Ein altbekanntes Schema, das zuverlässig auftaucht, wann immer Israelis und Juden getötet werden, weil sie Israelis und Juden waren. Dass Israel den Iran verdächtigt, dessen Exportschlager nachweislich in weltweitem Terrorismus besteht, will man nur in Deutschland nicht akzeptieren.

Wo ist sie nur, die Islamophobie?

Und hier kommen wir wieder zum „Zeit“-Strategen Lau und dessen glorreicher Erkenntnis zurück. Dass der Otto-Normal-Deutsche nun den Mossad wittert, ist Antisemitismus. Dass er allerdings zugleich als Rechtsanwalt eines islamofaschistischen Regimes fungiert, zeugt nicht gerade von Islamophobie. Entspräche Laus Gleichnis der Wahrheit, würde man hierzulande vielmehr das „kriegslüsterne Israel“ und den islamistischen Terror aus Teheran fürchten. Stattdessen schlüpfen viele Deutsche aber beschwingt ins Grass-Kostüm und echauffieren sich einzig und allein über „jüdische Rache“ gegen eine islamische Diktatur, die man so lange verniedlicht und verharmlost, bis sie als „Opfer Israels“ durchgeht. Auch das entspricht Antisemitismus und nicht Islamophobie.
Aber wer weiß, vielleicht findet Jörg Lau dafür noch das passende Erklärungsmodell. Der ein oder andere Übersetzungsfehler böte sich beispielsweise an. Oder eine Analyse in Versform, bevorzugt ohne Reime. Wäre doch auch was Schönes.

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