Das Christentum kann nicht mit erhobenem Zeigefinger von oben herabschauen. Margot Käßmann

Dahoam im Anti-Israel-Stadl

Schön, wenn man sich in München für die Rechte der Palästinenser einsetzt. Dumm nur, wenn die anwesenden Aktivisten nicht nur reine, sondern sogar ziemlich ungeschickte Propaganda im Gepäck haben.

Zuweilen könnte man sich fragen, ob München eigentlich wirklich zu Deutschland gehört. Denn zum einen ist die bayerische Landeshauptstadt relativ frei von linksautonomen Randalierern, die Brandstiftung und Sachbeschädigung als legitime Form der Kapitalismuskritik betrachten. Zum anderen hat sich hier noch kein Salafist getraut, seine Umwelt mit Gratis-Koranen zu beglücken oder bewaffnet einer „Verletzung religiöser Gefühle“ vorzubeugen. Nein, all das geschieht in voller Intensität nur jenseits des städtischen Weißwurstäquators – in Hamburg, Berlin, Frankfurt und Bonn beispielsweise.

Auch die Rechte der Palästinenser gehören zu Deutschland

Schaut man allerdings genauer hin, dann entdeckt man auch im Herzen Münchens etwas typisch Deutsches: nämlich eine äußerst aktive Friedensbewegung, die sich die Rettung des Weltfriedens auf die Fahnen schreibt und zu diesem Zweck von früh bis spät für die Rechte der Palästinenser eintritt (zum Beispiel hier oder hier). Pausenlos mit dem Organisieren von Boykott-Kampagnen und Vorträgen über den „Apartheidstaat Israel“ beschäftigt, bleibt für die Zivilbevölkerung in Syrien, Regimekritiker im Iran und Gulag-Insassen in Nordkorea wohl leider keine Zeit mehr.

Sie alle haben sich bestimmt schon seit Monaten auf die „Palästina Tage“ gefreut, die derzeit in München und mit freundlicher Unterstützung des Kulturreferats stattfinden. Im Mittelpunkt stehen diesmal „Palästinas Frauen, die im gewaltfreien Widerstand gegen Besatzung, Entrechtung und Vertreibung eine wichtige Rolle spielen“. Dazu zählt auch Haneen Zoabi, die vorigen Donnerstag über die zionistisch verursachten Leiden der Palästinenser referierte. Im Programm (PDF) erfahren wir Folgendes:

„Haneen Zoabi stammt aus Nazareth und war nach ihrem Studium an der Hebräischen Universität in Jerusalem als Lehrerin und Schulinspektorin tätig. Als Kandidatin der Balad-Partei (Nationales Demokratisches Bündnis) wurde sie 2009 als erste palästinensische Frau in die Knesset gewählt. Offen kritisiert die Politikerin und Aktivistin die Politik Israels gegenüber den Palästinensern mit israelischer Staatsbürgerschaft. Dazu zählen diskriminierende Gesetze, Hauszerstörungen, Landenteignung und Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt. Zoabis Partei tritt für die Ein-Staat-Lösung ein – für einen säkularen, demokratischen Staat mit gleichen Rechten für alle seine Bürger. Nach ihrer Teilnahme an der Free Gaza Flotilla 2010 an Bord der ,Mavi Marmara‘ sah sich Haneen Zoabi mit einer Delegitimationskampagne im Parlament konfrontiert.“

Und wenn Frau Zoabi dann noch Zeit hat, agitiert sie gegen Israel als jüdischen Staat, dessen demokratische Verfassung sie verneint, plädiert für einen atomar bewaffneten Iran und bezeichnet jüdische Kollegen wie Avigdor Lieberman als „Faschisten“. Insofern bringt die Mavi-Passagierin alles mit, um ihr am Endfrieden interessiertes Publikum ordentlich in Ekstase zu versetzen.

Keine Apartheid, nirgends

Alternativ könnte man sich natürlich auch Fragen stellen. Wie kommt es zum Beispiel, dass eine Palästinenserin in einem „Apartheid-Staat“ studieren darf und dabei in Haifa und Jerusalem ihre Abschlüsse macht? Merkwürdig, die gute Frau sitzt ja zudem als demokratisch gewählte Abgeordnete neben „faschistischen“ Kollegen in der Knesset. Wie kann das sein, wo Israel doch in Frau Zoabis Welt keine Demokratie ist? Nicht zu vergessen ihr Engagement gegen Israel als jüdischen Staat, was faktisch die Auflösung des einzig sicheren Ortes für Juden weltweit bedeutet. Genau das forciert sie nicht mit Steinen und Quassam-Raketen, sondern als Politikerin. Und wo wir schon bei den Palästinensern sind (denn um die soll es der engagierten Dame ja gehen): Warum beschwert sie sich über die angebliche Entrechtung innerhalb Israels, wo die Araber jedoch alle demokratischen Rechte genießen, nicht jedoch über die katastrophale Lage der Palästinenser in libanesischen Flüchtlingslagern?

Fragen über Fragen, die sich der Otto-Normal-Israelkritiker natürlich nicht stellt, da sein antizionistisches Weltbild sonst automatisch reif für die Tonne wäre. Stattdessen belässt er den logischen Verstand im Standby-Modus und grantelt hinterher über diese barbarischen Zionisten, die selbst Staatsfeinden wie Frau Soabi Zugang zum Parlament garantieren. Aus antiisraelischer Propaganda wird dann eben „Engagement für den Frieden“, und die Stadt München unterstützt munter mit. Eine prima Sache also, konzipiert für zahlreiche und äußerst friedensbewegte Schmocks, die bei jeglicher Konfrontation mit Juden sofort zu Widerstandskämpfern mutieren.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Jennifer Nathalie Pyka: Krieg der Schwärme

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