Wir sind digitale Immigranten. Zeynep Tufekci

Gefangen im Netz

Social Media hat eine wichtige Rolle bei den Entwicklungen der vergangenen Wochen gespielt. Doch wir dürfen Kommunikationsformen nicht mit Revolution verwechseln. Denn auch repressive Regimes können sich Facebook und Twitter zunutze machen. Noch nie standen dem Überwachungsstaat so viele Informationen zur Verfügung.

Es überrascht nicht, dass eine enttäuschte Bevölkerung unter dem Joch eines autoritären oder korrupten Regimes sich des Netzes bedient – über Facebook, Twitter und andere soziale Netzwerke. Diese Plattformen sind inzwischen ein essenzieller Bestandteil der weltweiten Kommunikation geworden, besonders auf Smartphones. Vor allem in Entwicklungsländern nimmt die Smartphone-Benutzung rapide zu: Ein internetfähiges Handy ist billiger als ein Computer mit Breitband-Zugang zum Netz. Auch in Ägypten haben Demonstranten und Oppositionelle ihre Anhänger und Unterstützer über eine Vielzahl an Medien informiert und mobilisiert. Dazu gehörten neben Handys auch Facebook und zeitlose Formen der Informationsverteilung wie das Drucken und Verteilen von Handzetteln.

Kommunikation, nicht Revolution

Doch wir müssen aufpassen, dass die Kommunikationsformen der Demonstranten nicht mit der Revolution selbst und mit den Bestrebungen der betroffenen Menschen verwechselt werden. Das ist in Ägypten und Tunesien genauso deutlich geworden wie 2010 in Kirgisistan. Ich glaube nicht, dass die politischen Unruhen im Mittleren Osten durch Twitter oder andere soziale Netzwerke ausgelöst worden sind. Im besten Fall ist Social Media ein wichtiges Instrument, um den Rest der Welt in Echtzeit an Entwicklungen teilhaben zu lassen. Informationen fließen zwischen einzelnen Menschen, ohne eine direkte Einbindung der traditionellen Nachrichtenagenturen, die sowohl der Kontrolle des Regimes als auch der redaktionellen Programmplanung unterliegen.

Bedeutsamer erscheint mir die Mitteilung, dass die tunesische Regierung sich in die Benutzerprofile ihrer Bürger gehackt hatte, um Dissidenten zu identifizieren und zu verfolgen. Das Magazin „The Atlantic“ berichtete kürzlich, dass die Sicherheitsabteilung von Facebook einen solchen Angriff vorher noch nicht gesehen hatte. Eine Regierung versucht, die Nutzerkonten der gesamten Bevölkerung zu knacken.

Ein zweischneidiges Schwert

Gezielte Attacken gegen Mitglieder der Opposition sind keine Besonderheit in Ländern wie Russland, China, Iran, Burma oder Simbabwe. Im Dezember 2009 wurde der E-Mail-Account eines Journalisten von der kirgisischen Regierung gehackt. Die Geheimdienst-Mitarbeiter informierten sich über eins seiner Projekte und schickten ihm E-Mails, in denen sie sich als interessierte Investoren ausgaben und um ein Treffen baten. Als der Journalist zum vereinbarten Gebäude kam, wurde er aufs Dach geführt und sechs Stockwerke in die Tiefe gestoßen. Er starb sechs Tage später im Krankenhaus.

Twitter und Facebook sind ein zweischneidiges Schwert. Sie geben einfachen Bürgern ein Instrumentarium an die Hand, mit dem Forderungen nach Veränderung gestreut werden können, durch das die ganze Welt Zeuge von Opferbereitschaft und Durchhaltewillen werden kann. Doch auf der anderen Seite bieten diese sozialen Netze auch eine große Angriffsfläche. Regierungen und Geheimdienste finden eine geballte Sammlung von Privatdaten. Sie können Informationen aus den Profilen ihrer Bürger auslesen und dann mit Verhaftungen, Befragungen, Gefängnisstrafen und auch Hinrichtungen auf eine aufkeimende Oppositionsbewegung reagieren.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Hardy Ostry, Christoph Giesa, Sheldon Himelfarb.

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