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„Es brauchte einen Giganten wie Google, der sich gegen China wehrt“

Google-Guru Jeff Jarvis im Gespräch mit Alexander Görlach. Das Video wurde auf dem Digital-Life-Design-Event des Burda-Verlags in München aufgenommen.

The European: Was wird denn Google jetzt in China tun? Was halten Sie von den Schritten, die Google in den letzten Wochen dort unternommen hat?
Jarvis: Ich bin darüber sehr erfreut. Es brauchte einen Giganten wie Google, der sich gegen China wehrt. Ich meine, die USA hat es nicht gewagt, Deutschland nicht und andere Firmen auch nicht. Was immer auch in China passiert ist. Diese Sachen stehen jetzt auf der Agenda. Ich denke, das ist ziemlich wichtig.

The European: Was halten Sie davon, dass andere sagen, es wäre nichts weiter gewesen als ein PR-Gag? Google hätte keine Marktanteile in China und sich deshalb aus anderen Gründen zurückgezogen.
Jarvis: 30 Prozent des Marktes in China ist schon etwas wert. Die Chinesen könnten da Marktanteile verlieren. Ich habe ein Buch über Google geschrieben. Also freut es mich, dass sie sich für die Meinungsfreiheit einsetzen. Es ist wichtig für Google, sich dafür einzusetzen. Gleichzeitig geht es hier um die Verteidigung des Internets und unser Vertrauen in Google. Ich glaube, das ist sehr wichtig. Das Internet wird von allen Seiten angegriffen. In allen Bereichen.

The European: Wie sehen Sie Googles Konkurrenz? Offensichtlich sind Sie ein Google-Anhänger. Ich sehe Google eher als einen Provider, einen Dienstleister. Sprich, wenn ich einen besseren Dienstleister finde, eine bessere Suchmaschine, dann wechsel ich einfach dorthin.
Jarvis: Das ist genau das, was sie bei Google sagen. Man sagt in Deutschland: Oh, Google ist ein Monopol. Aber Eric Schmidt sagt, es gibt eine Alternative. Man muss Google ja nicht benutzen. Wenn man will, könnte man sein Leben “entgooglefizieren”. Ich wüsste jetzt nicht, warum man das wollte, aber die Möglichkeit besteht zumindest.

The European: Ich glaube, Deutschland ist da sehr eigen. Wir tendieren eher dazu, einen Anbieter zu mögen. Ich denke, das ist ein Problem mit dem deutschen Markt.
Jarvis: Es ist ein Jammer, dass der deutsche Markt so ablehnend gegenüber Google ist. Ich habe Google gesagt, dass sie einen Fehler begangen haben, indem sie versucht haben, Freundschaft zu schließen mit denjenigen, die nur Feinde wollen. Ich denke, dass die alten Medien Google für ihre Verluste verantwortlich machen. Aber Google hat nichts falsch gemacht. Google verschafft den Medien eine Leserschaft und generiert Traffic. Es liegt dann an den Verlagen, eine Beziehung drum herum zu finden. Das ist nicht Googles Fehler. Es ist der Fehler der Verlage. Jetzt versuchen sie, die Urheberrechte zu verändern, und das ist meiner Meinung nach selbstschädigend. In Amerika gibt es ein Sprichwort: In guten Zeiten machen Geschäfte Geschäfte, in schlechten Zeiten macht das Geschäft die Regierung. Das ist doch genau das, was in Deutschlands Medienlandschaft passiert.

The European: Sie sind jetzt schon seit Jahren Journalist. Warum sind die Verlagshäuser so zögerlich, wenn es darum geht, das Bild des Journalismus zu ändern?
Jarvis: Das Problem ist, dass sich mittlerweile die Technologiefirmen verändert haben, weil sie verstehen, dass gerade etwas veraltet und im selben Moment wieder ersetzt wird. Wir Journalisten haben Steinburgen gebaut, um uns zu wehren. Dieser Schutz ist relativ für die Zukunft, in der sich die Rolle der Medien verändern wird. Die Schwierigkeit, die Mediengesellschaften haben, ist, dass wir in einer Welt leben, wo man klein und profitabel sein kann. Von groß nach klein zu schrumpfen ist sehr schmerzhaft. Es gehen Arbeitsplätze verloren und es entstehen Unkosten. Ein großer kultureller Wandel. Auf der anderen Seite hatten sie seit der Kommerzialisierung des Internets 15 Jahre Zeit, sich darauf einzustellen.

The European: Und Journalismus generell, diese ganze Geheimnistuerei. Wird alles jetzt transparenter und offener? Wird es da künftig noch ein Platz für uns geben?
Jarvis: Ich glaube, das spielt keine Rolle, der Prozessablauf wird nur geändert. Bei Google ging es immer um Klicks. Wir vermarkten wir uns? Schauen Sie sich Twitter an. Google News generiert eine Milliarde Klicks im Monat. Twitters bit.ly generiert 2 Milliarden Klicks im Monat. Das sind Leute, die stehlen für Dich, sie filtern. Es gibt noch einen großen Wirkungsbereich. Denn es geht hier nicht nur um Nachrichten.

The European: Diese Schule lebt von Prognosen. Was ich in der Vergangenheit und in der Zukunft machen werde, wird mir empfohlen. Sind wir komplett durchschaubare Wesen?
Jarvis: Ich weiß es nicht, aber Google will das Netz intuitiver machen. Sie wollen wissen, was unsere Absichten sind. Also versuchen sie, jeden Anhaltspunkt zu kriegen, den sie bekommen können. Wir wissen zum Beispiel, dass Suchmaschinen ortsgebundener werden. Ich sitze hier und will in München eine Pizza bestellen und das Netz weiß das. Es wird immer besser, jedoch nie perfekt werden.

The European: Gibt es immer noch einen Mangel an Philosophie im Netz?
Jarvis: Nach China habe ich darüber diskutiert. Jemand, der eine Verfassung des Internets respektiert? Macht Sinn, aber eben auch nicht. John Perry Barlow, Autor der “Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace”, behauptet, dass wir dem amerikanischen Model folgen sollten. Was kommt zuerst? Erst die Verfassung und dann die Grundrechtecharta. In dieser Reihenfolge. Ich glaube nicht, dass wir das brauchen. Niemand sollte das Internet kontrollieren, niemand sollte es als sein Eigentum betrachten. Es gehört uns allen. Wir brauchen das Internet als eine reine Plattform. Und daher kommen auch die Sorgen anderer über Google: Googles Macht, das Internet zu definieren.

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