Ich habe keine Ahnung, wie die FDP Steuersenkungen finanzieren will. Angelica Schwall-Düren

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Sex, Werbung, Klatsch: Wer im Persien des 17. Jahrhundert die Tür zum Café öffnete, loggte sich quasi in ein soziales Netzwerk ein. Wie derbe es dort zuging, berichtete der Franzose Jean Chardin.

Der Kaffee ist ein so allseits bekanntes Getränk, dass ich darüber nicht weiter ausführlich berichten muss. […] Ich habe allerdings noch nichts über die Häuser geschrieben, in denen sich in Persien die Menschen zum Kaffee und Tee zusammenfinden. An dieser Stelle will ich daher eine Beschreibung geben.

Das Café besteht aus geräumigen Zimmern und ist generell im besten Viertel der Stadt zu finden, denn es ist der Ort, an dem das Volk sich zum Rendezvous und zur Ablenkung trifft. Vor allem in den großen Städten finden sich viele Cafés, deren Zimmer um ein großes zentrales Bassin voll Wasser gruppiert sind. Die großen Räume haben Balustraden oder Balkone, die sich entlang aller vier Wände ziehen und je nach Größe des Cafés mehr als einen Meter breit sein können. Sie sind aus Holz gezimmert oder Stein gemeißelt und laden dazu ein, dass man sich nach östlicher Art auf ihnen niederlässt. Mit Sonnenaufgang öffnen sich die Türen, und es findet sich schnell eine große Kundschaft zusammen, genauso wie abends bei Sonnenuntergang. Man wird sehr schnell und gut bedient und bekommt seinen Kaffee mit Respekt serviert.

Vor allem aber ist das Café ein Ort der Konversation und der Nachrichten. Hier kritisieren Politiker und politisch Interessierte die Regierung, als hätten sie alle Freiheit der Welt, und werden dabei nicht weiter belästigt. Die Regierung zeigt diesen weltlichen Stimmen die kalte Schulter. Hier finden sich die Menschen zusammen, um ihrer Gesellschaftsspiele zu frönen, deren Regeln denen von Schach und Dame ähneln. Hier finden sich auch die Dichter und Schriftsteller ein und schaffen sich eine Bühne für ihre Werke. Die Mullahs und Derwische rezitieren ihre Moral-Gleichnisse, die unseren westlichen Predigten ähneln, bei deren Aufführung man allerdings getrost den Blick abwenden und anderen Dingen frönen kann. Unaufmerksamkeit wird nicht als verwerflich angesehen; die Unterhaltungen und Spiele dauern ungestört an.

Ein Mullah steht beispielsweise in der Mitte oder am Ende eines Cafés und beginnt mit lauter Stimme seine Predigt. Ein Derwisch stürmt in den Raum und belegt alle Anwesenden mit seiner Moralpredigt über die Eitelkeiten, Reichtümer und Auszeichnungen der Welt. Oftmals passiert es dabei, dass zwei oder drei der Anwesenden in ihrer Unterhaltung fortfahren, als wäre nichts gewesen. Es kann dabei passieren, dass ein Prediger mit dem Autor von Liebesgeschichten zusammen diskutiert. Anders gesagt: Es herrscht die größte denkbare Freiheit: Jeder stellt sich seine eigene Predigt zusammen und hört nur dann zu, wenn es ihm beliebt.

Die Reden finden oftmals ihr Ende in dem Bekenntnis: „Es ist genug gesagt worden, gehet in Gottes Namen euren Geschäften nach.“ Der Redner bittet dann bei seinem Publikum um einige Spenden, allerdings sehr zurückhaltend und ohne aufdringlich zu wirken, denn ansonsten würde der Eigentümer des Cafés beim nächsten Mal gewiss den Zutritt verwehren.

So also steht es heute um die Cafés. In der Vergangenheit waren sie allerdings Horte der Lust und der Versuchung: Junge Knaben im Alter zwischen zehn und sechzehn Jahren bedienten die Gäste in knapper Kleidung und mit nach Frauenart geflochtenen Haaren. Die Knaben mussten tanzen und tausend unanständige Dinge sagen, um die Gäste zu verführen. Kurzum, die Cafés waren nichts anderes als Orte der Sodomie, und sie waren den weisen und tugendhaften Menschen ein Dorn im Auge. Schah Abbas der Zweite brachte den König glücklicherweise dazu, diese unanständigen Praktiken zu unterbinden, und seitdem ist in den Cafés keine Spur mehr davon zu sehen.

Textauszug aus „Reisen nach Persien“ (1687)

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Joachim Nikolaus Steinhöfel, Marcus von Jordan, Vera Lengsfeld.

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 2/2014.

Darin geht es u.a. um die Liebe: Sie ist die letzte Unbekannte in unserer Welt. Wir lassen diskutieren, warum sie immer noch unser Leben diktiert. Weitere Debatten: das Erbe der Großen Koalition, die Grenzen des Teilens und warum die Renaissance des Kommunismus ausbleibt. Dazu Gespräche mit Sahra Wagenknecht, Marina Abramović, und Viviane Reding.

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