Auf Grund meiner Arbeit bin ich „gezwungen“ die Debatte rund um den Datenschutz und Sozialer Netzwerke zu verfolgen und ggf. Projekteinschätzungen für öffentliche Auftraggeber abzuleiten. Seit einiger Zeit bin ich dieser Debatte müde geworden und hoffe auf ein baldiges Ende. Das Ganze gleicht längst einem öffentlich zelebrierten Paarungsritual zwischen Social Network und deutscher Behörde. Jawohl, so einfach gestrickt bin ich, dass bei mir die aktuelle Datenschutzdebatte diese Metapher hervorgerufen hat.
Doch bei 25% der Deutschen in Facebook lässt sich vielleicht doch eher von einer wilden Ehe zwischen deutschem Bürger und Social Media sprechen. Einer wilden Ehe, die schon eine Weile läuft und nun durch die behördliche Anstandsdame reguliert werden soll. Die Definition von Wikipedia passt hier sehr gut:
Eine Anstandsdame ist bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts eine ältere weibliche Person, die einer jüngeren unverheirateten weiblichen Person zugesellt wird, damit sie über die moralische Integrität von deren Verhalten wacht und insbesondere Annäherungsversuche nicht standesgemäßer männlicher Personen verhindert.
Wer hier welche Rolle in der Dreiecksbeziehung deutscher Bürger-Soziales Netzwerk-deutsche Behörden einnimmt, erklärt sich von selbst.
Die deutschen Behörden der Social-Media Anstands-Wauwau
Bleiben wir bei dieser Metapher der Anstandsdame frage ich mich schon, wo war sie all die Jahre? Jetzt fällt es dem sich innig vergnügenden Pärchen sichtlich schwer auf die warnenden Hinweise Rücksicht zu nehmen. Leider sind die ausgesprochenen Warnungen noch nicht final überdacht und zu meist auch sehr vage formuliert.
Irgendwie, wenn auch nur zaghaft kommen sich Soziale Netzwerke und deutsche Behörde näher. Eine Selbstverpflichtungserklärung der Sozialen Netzwerke soll regeln, was mit Deutschem Recht nicht zu regeln ist. Es geht um den Schutz unserer Daten.
Wir müssen uns fragen, wie viel Datenschutz wir eigentlich wollen und brauchen
Es ist bekannt, dass seit Verbreitung von Web-2.0-Technologien mit dem Aufruf einer Website Daten von mehreren Servern geladen, aber auch gesendet werden können. Wie Prediger haben Medien die Möglichkeiten von Web 2.0 angehimmelt. Dazu gehört aber auch, dass sich die Inhalte einer Website oft aus Daten zusammensetzen, die von unterschiedlichen Servern kommen. Sei es ein YouTube-Video, was einen interessanten Text untermauern soll, oder eine Slideshare-Präsentation. Mit einem Klick auf Play hat man bereits Daten gesendet und auch oft einen dieser bösen Cookies auf den Rechner geladen. Kleinste Interaktionen auf einer Website können Datenübermittlungen an was-weiß-ich-wie viele Server hervorrufen. Die Bundesdatenschutzkonferenz fordert daher, dass dem Nutzer ein Wahlrecht eingeräumt werden solle, ob er Daten übermittele oder nicht. Dabei wird jedoch nur auf die sich im Diskurs befindlichen Social Plugins von Facebook, Google und Twitter eingegangen. Was wird aus dem Prinzip „Web2.0“, wenn es für jede Nutzung von Sozialen Diensten eine 2-Klick-Lösung erfordert? Müssen wir dann vor dem Öffnen jeder Website erstmal 30 Schieberegler einstellen, um dann Mehrwerte durch Social Media nutzen zu können?
Ab wann behindert Schutz Innovation?
Während die Regierenden und Politiker noch medienwirksam über Datenschutz mit Facebook und Google streiten, gibt es jene in den deutschen Behörden, die sich des Potenzials von Social Media gerade für mehr Partizipation und Bürokratieabbau bewusst sind und sich täglich dafür einsetzen, dass der Diskurs nicht beim Thema Datenschutz stecken bleiben darf.
Den Einsatz von Social Media fordern die Deutschen Bürger schon länger. Der erst kürzlich erschiende Open Government Monitor 2011 macht deutlich, dass das Interesse an einer Beteiligung am politischen Geschehen über soziale Netzwerke wie Facebook oder Xing mit 35% der befragten Bundesbürger in sozialen Netzwerken zunimmt.
Social Media soll neben Open Government endlich für mehr Transparenz im Deutschen Verwaltungsapparat sorgen.
Laut Umfrage erwarteten 63% der Befragten gar ein höheres Vertrauen in die Politik durch mehr Internetbeteiligung an Entscheidungen. Ja, es geht um Vertrauen. Wem vertrauen wir eher unsere Daten an? Schaut man sich mal um, in den Social Media Diensten, was wir da alles an Daten, nicht nur durch Facebook, an amerikanische Server übermitteln, entsteht doch der Eindruck, dass wir hier einen hohen Vertrauensvorschuss an Social-Media-Anbieter zahlen. Möchten die Behörden hingegen Daten von uns, gehen wir auf die Barrikaden. Können wir uns schier nicht vorstellen, was so schlimm daran ist, wenn Google oder Facebook weiß, dass ich jetzt diesen einen Artikel in einem Online-Magazin mag oder ich in Foursquare mitteile, wo ich gerade bin? Vielleicht können wir uns auch einfach nicht vorstellen, was alles mit diesen Daten gemacht werden kann. Wovor haben wir denn Angst, bzw. wovor sollten wir Angst haben?
Social Media Club Berlin am 17.11. bei der Aperto AG, Berlin
Um nicht vollständig in Paranoia zu verfallen, möchte der Social Media Club Berlin am 17. November zu einer Podiumsdiskussion zum Thema „Deutsche Behörden und Social Media – eine Geschichte mit vielen Hindernissen“ einladen und die hier aufgeworfenen Fragen diskutieren. Die Podiumsdiskussion moderiert Stefan Gehrke, buero für neues denken. Er begrüßt auf dem Podium Geraldine de Bastion, Digitale Gesellschaft e.V., Ingo John vom Bundesministerium der Verteidigung Presse- und Informationsstab und Dr. Alexander Dix, Berliner Beauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit.
Interessierte sind herzlich eingeladen, sich über unsere Xing-Gruppe Social Media Club Berlin zu akkreditieren. Außerdem haben The European-Leser die Möglichkeit, sich über eine gesonderte Gästeliste anzumelden. Um einen der 20 Plätze zu ergattern, schreiben Sie einfach eine E-Mail an info@smc-berlin.org.
















