Im Sinne einer sozialistischen Gesellschaftsanalyse würde man „Bürgerlichkeit“ oder das „Bürgertum“ aus seiner ökonomischen Stellung heraus ableiten. Man kann also vom Besitzbürgertum sprechen, von der Schicht oder Klasse, die aus wirtschaftlichen Gründen eine Gesellschaft dominiert. Allerdings hat sich der Begriff des Bürgertums in den vergangenen Jahrzehnten ausdifferenziert. Auch die linke Gesellschaftsanalyse hat die Ausfächerungen der Klassengesellschaft aufgegriffen – ich denke besonders an die treffenden Analysen von Pierre Bourdieu. Hier werden der Fokus auf die Lebensweise, auch den Habitus der sozialen Milieus, gelegt und sogenannte Wertvorstellungen untersucht.
Bürgertum als Abgrenzung nach unten
Das heißt, Bürgerlichkeit hat etwas mit der wirtschaftlichen und damit machtpolitischen Stellung zu tun, aber auch mit durchaus emanzipatorischen Potenzialen: Aufklärerische Gesellschaftskritik kam und kommt oftmals aus bürgerlichen Kreisen. Aufgeklärtes Bürgertum könnte also bedeuten, ökonomisch durchaus gut dazustehen und sich dennoch für mehr Gerechtigkeit, Aufklärung und mehr Gleichheit zu engagieren. Gerade in der Geschichte der Bundesrepublik waren es oftmals Mitglieder der bürgerlichen Schichten, die fortschrittlich in die Politik eingegriffen haben. Gustav Heinemann ist ein gutes Beispiel.
Leider ist meines Erachtens die sogenannte neue Bürgerlichkeit mit keinen emanzipatorischen Bestrebungen verbunden, sondern eher mit recht rabiaten Abgrenzungsritualen nach unten. Man kann die neue Bürgerlichkeit als ideologisches und tagespolitisches Instrument zur Abwehr von mehr Gleichheit durch staatliche Regulierung bezeichnen. Am deutlichsten wurde dies bei der Volksabstimmung über das Schulsystem in Hamburg. Via Volksentscheid mobilisierte dort ein offenkundig radikalisiertes Bürgertum gegen die Bildungsreform des Senats – die von der hanseatischen CDU bis zur Linkspartei unterstützt wurde, um schwächeren Kindern mehr Chancen einzuräumen. Die Vehemenz, die finanzielle Macht und der Einfluss der Reformgegner waren im wahrsten Sinne des Wortes Klassenkampf von oben. Erschreckend dabei war, dass jegliche Empathie für die Kinder der Verlierer der neoliberalen Ellenbogen-Gesellschaft fehlte. Diese Tendenzen verstärken sich in der Gesellschaft: Angefangen von abgezäunten Wohngebieten für Besserverdienende und einer zunehmenden Abgrenzung und Verachtung für einen Lebenswandel, der schlicht von Armut geprägt ist.
Diesen Entwicklungen gilt es sich entgegenzustellen
Ich würde mir ein progressives Bürgertum wünschen, das an mehr Gleichheit in der Gesellschaft interessiert ist und gleichzeitig die kulturelle Offenheit einer Gesellschaft voranbringt. Als Sozialist werbe ich ausdrücklich für eine Zusammenarbeit zwischen der Linken und progressivem Bürgertum, deren Ziel die Hegemonie von Solidarität und individueller Freiheit ist und die jeden Querdenker und Querulanten freudig begrüßt. Das wäre ein echter Fortschritt. Und es würde verhindern, dass der Prototyp deutscher Bürgerlichkeit zu viel Einfluss gewinnt: Der von Heinrich Mann so wunderbar ekelhaft beschriebene „Untertan“. Den Untertanengeist zu besiegen, ist erste Bürgerpflicht.



















Sehr gut Herr Korte,
es ist nur schade, dass trotz 1 Weltkrieg, Nazizeit und nach über 60 Jahren Nachkriegszeit in Deutschland sich der “Untertan” immer wieder neu erfindet und zwischenzeitlich in ganz Europa auf dem Vormarsch ist.
Sorry, kein Freund und Connect und Twitter den neuen Formen von Big Brother in Symbiose mit einer weiteren Kommerzialisierung des Internet alles Schritte zu einem werbefähigen Einheitsmensch – dem Untertan der Zukunft
Toller Artikel, gerade in seiner Kürze.
- “Aufgeklärtes Bürgertum könnte also bedeuten, ökonomisch durchaus gut dazustehen und sich dennoch für mehr Gerechtigkeit, Aufklärung und mehr Gleichheit zu engagieren.” – Ja, das wäre tatsächlich mal ein Lebensstil, der beeindruckend genug rüberkäme. Viel mehr als das wäre auch schon zu unwahrscheinlich. Übrigens ist solch eine Art von Bürgertum durchaus oft in den Kirchen anzutreffen. Jedenfalls in der evangelischen Kirche, für die ich nur sprechen kann; aber ich denke, in der katholischen auch.
Sinnfreier Artikel.
Beispiel Hamburg (stellvertretend für alles Andere): Wenn es den Leuten nicht so wichtig ist, dass sie nicht zur Abstimmung gehen, dann müssen sie halt mit dem Ergebnis leben. Oder glauben Sie, dass das “radikalisierte Bürgertum” (!) alle Andersdenkenden bestochen oder unterdrückt hat? Nein, es reicht anscheinend nicht mal zum Wählen gehen…und das lastet man dann “den Anderen” an.