Letztendlich ist die Wahrheit Gottes Sache. Margot Käßmann

Sie ist der zur Macht gewordene Protestantismus

Der Journalist und Bestsellerautor Jan Fleischhauer äußert sich im Gespräch mit Stefan Groß über Angela Merkels Politik der Mitte und ihre Art, zu kommunizieren. Am Ende, so prognostoziert Fleischhauer, wird wenig übrigbleiben von den Inhalten, die diese Bundeskanzlerin vermittelt.

The European: Herr Fleischhauer, erinnern wir uns. Norbert Blüm hatte gegenüber dem „Spiegel“ im Jahr 2000 einmal geäußert: „Was mir bei der Merkel gefällt, ist eine Sprache, die nicht so politisch abgelutscht ist wie meine. Sie bringt in diese perfekte Politwelt gelegentlich ein Stück von natürlicher Unbeholfenheit ein“. Was ist davon übriggeblieben?
Fleischhauer: Blüm hat auf freundliche Art zum Ausdruck gebracht hat, dass man von Angela Merkels Reden nichts in Erinnerung behält. Sie wird sicherlich zu den Kanzlern gehören, bei denen am Ende kein Satz überliefert sein wird, den man mit ihrer Kanzlerschaft verbindet. Als Rednerin ist Merkel ganz furchtbar; es bedarf großer Mühe, ihrem Redefluss aufmerksam zu folgen, wenn sie ein Podium betritt. Dennoch, und das ist interessant, hat sie eine ganz eigene Art gefunden, mit dem Volk zu kommunizieren, und dabei von sich und von ihrer Politik ein klares Bild zu erzeugen. Es ist schwer zu sagen, wie sie die Menschen erreicht, weil ihr ja kaum jemand wirklich zuhört, aber sie erreicht sie ganz offenkundig, sonst hätte sie nicht die Zustimmungsraten, die sie nun einmal hat.

The European: Der Zufall und die Zeitläufte haben Angela Merkel oft geholfen. Max Frisch schrieb einmal: „Am Ende ist es immer das Fällige, was uns zufällt“ – gilt dies auch für die Kanzlerin?
Fleischhauer: Bei jedem Kanzler gehört Fortune dazu, wenn er den Sumpf des Alltagsgeschäfts verlassen will. Helmut Kohl wäre ohne die Wiedervereinigung nicht in die Reihe derjenigen aufgerückt, die man zu den großen Kanzlern zählt. Wen umgekehrt nie das Glück der Umstände streifte wie den armen Kurt Kiesinger oder den braven Ludwig Erhard, bleibt immer eine mittelmäßige Figur, egal wie tüchtig er war. Im Leben eines Kanzlers ist so gesehen nichts vorteilhafter als die Krise. Erst die Krise gibt der Kanzlerschaft Gestalt; sie sorgt dafür, dass sich alle Augen auf die Person an der Spitze des Gemeinwesens richten. Ob Merkel letztendlicheine große Kanzlerin gewesen sein wird, das lässt sich erst im Rückblick sagen. Aber wenn man die Zahl der Krisen sieht, die in ihre Amtszeit fallen, hat sie schon einmal gute Voraussetzungen.

Frau Merkel ist vor allem eine große Psychologin

The European: „Physikerin der Macht“ – so wird sie oft genannt. Die Politik betrachtet sie angeblich wie ein Labor. Die Versuchsanordnung ist dabei oft wichtiger als das Ziel. Scheint dieses unrealistisch, wird es oft aufgegeben. Was steckt dahinter?
Fleischhauer: Das Bild von der Physikerin der Macht ist ja fast ein Klischee geworden. Dahinter steht der Versuch, aus der mathematischen Begabung, über die sie unbestreitbar verfügt, bestimmte Charaktereigenschaften abzuleiten.Dass eine Physikerin einen anderen Weltzugang hat als ein Historiker oder Jurist, da ist sicherlich etwas dran, aber meiner Meinung geht in dem Satz von der Physikerin der Macht völlig unter, dass Frau Merkel vor allem eine große Psychologin ist. Auf dem Höhepunkt der Ukrainekrise wurde sie gefragt, warum sie immer noch mit Wladimir Putin telefoniere, obwohl sie doch wissen müsse, dass er sie in jedem Gespräch anlüge. Ihre Antwort war bezeichnend: Natürlich rede sie weiterhin mit ihm, schließlich sei es doch enorm aufschlussreich, die Weltsicht eines Staatschefs zu hören, die der ihren um 180 Grad entgegengesetzt sei. Sich in die Denkweise anderer Menschen einfühlen zu können, um insgesamt zu einer besseren Lagebeurteilung zu kommen – dies ist aus meiner Sicht eine Eigenschaft der Kanzlerin, die zu selten Erwähnung findet.

The European: Merkels Politikstil – wie würden Sie den beschreiben?
Fleischhauer: Das große, uneingestandene Vorbild ist Helmut Kohl. Merkel hat sich in den Jahren, in denen sie diesem Mammut des Konservatismus als Ministerin diente, mehr von ihm abgeschaut, als vielen bewusst ist. Sie hat seine Art übernommen, die Dinge treiben zu lassen, bis sie sich in die gewünschte Richtung entwickeln. Geduld ist eine in der Politik weithin unterschätzte Tugend. Sie hat von Kohl auch gelernt, wie man mit Feinden und Verrätern verfährt. Sie macht das nicht so spektakulär wie der schwarze Riese, aber am Beispiel von Norbert Röttgen hat man gesehen, dass fortgesetzte Illoyalität auch im System Merkel seinen Preis hat. Und Merkel hat wie Kohl Spaß an der Macht. Sie ist gern Kanzlerin. Viele Kanzler werden von dem Amt zermürbt, man kann auf Bildstrecken sehen, wie sie in atemberaubender Geschwindigkeit altern. Angela Merkel freut sich jeden Tag, dass sie ins Kanzleramt fahren darf, jede Krise ist eine Aufgabe, der sie sich gerne annimmt. Sie findet Konflikte spannend und die Suche nach einer Lösung keine Last, sondern eine intellektuelle Herausforderung, ähnlich einer Denksportaufgabe. Dies erklärt auch, warum sie so erfolgreich ist. Wenn es ein Ziel in ihrem Leben gibt, dann ist es länger zu regieren als der Einheitskanzler.

The European: Der frühere SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel hat einmal bemerkt, dass Frau Merkel es verstanden habe, „dass Menschen zu ihr nicht nur eine intellektuelle, sondern offenbar auch eine emotionale Beziehung empfinden“. Sehen Sie das auch so?
Fleischhauer: Ein Kanzler, den die Leute als kalten Fisch empfinden, kann sich auf Dauer nicht halten, das war schon immer so. Frau Merkel ist es auf ihre nüchterne Weise gelungen, ein emotionales Band zu schaffen, weil gerade die Art, wie sie redet und agiert als sehr deutsch empfunden wird. Wenn die Deutschen etwas auszeichnet, dann ist das Faible für Common-sense-Politik, also der Wunsch nach jemandem an der Spitze, der die Dinge vernünftig regelt, ohne sich dabei allzu sehr von Gefühlen oder der Rücksichtnahme auf Parteiinteressen leiten zu lassen. Ihre Kritiker treibt das zur Verzweiflung, weil Merkel jeden Konflikt so entschärft, dass am Ende kaum noch etwas übrig bleibt, über das man streiten könnte. In den Feuilletons steht, sie würde die Politik entsaften und damit die Demokratie ihres Blut berauben. Das mag schon sein, aber die Wähler ziehen eine Merkel einem Gabriel, der viel mehr von politischer Leidenschaft getrieben ist, allemal vor.

Eine überragende Krisenmanagerin

The European: „Merkel führt nicht, sie moderiert“ und dabei ist sie noch höchst populär – die Mutter der Nation. Als Kanzlerin des Machbaren scheut sie Konflikte. Ist dies das Geheimnis ihres Erfolges?
Fleischhauer: Auch dies ist ja fast zum Klischee geworden – der Vorwurf, Merkel moderiere nur, so als sei Politik eine große Talkshow. Natürlich führt sie, was erleben wir in Europa den ansonsten gerade? Angela Merkel ist jetzt in einer Phase ihrer Kanzlerschaft angekommen, wo die Außenpolitik einen Großteil iher Arbeitszeit einnimmt. Das hängt auch damit zusammen, dass es niemanden in Europa gibt, der über mehr Erfahrung verfügt als sie. Als Alexis Tsipras seinen Antrittsbesuch in Rom machte, in der klaren Hoffnung, mit den Italienern eine neue Südschiene zu begründen, sagte Renzi zu ihm: „Es ist nett, dass Du mich besuchst. Aber wenn ich Du wäre, würde ich schleunigst einen Termin bei der Dame in Berlin machen.” Das Besondere an Frau Merkel ist, dass sie – das hat sie übrigens ebenfalls von Kohl gelernt – nicht vor sich herträgt, wie mächtig sie ist. Sie ist zu großer diplomatischen Bescheidenheit in der Lage, das macht sie zu einer so überragenden Krisenmanagerin.

The European: Angela Merkel ist im Geist des Protestantismus aufgewachsen mit sozialistischer Sozialisierung! Wie viel DDR steckt denn noch in Angela Merkel?
Fleischhauer: Ich könnte mir vorstellen, dass die Scheu, sich festzulegen, eher typisch für Ostdeutsche ist. Aber in Merkel steckt mehr Protestantismus als DDR. Wenn man ihre Herkunft heranziehen will, um sie zu erklären, dann ist das deutsche Pfarrhaus wichtiger als die Jugend in Templin.

The European: Die Stärken und Schwächen der Bundeskanzlerin, wenn es dazu ein Ranking gebe, wie würden Sie hier eine Einordnung treffen?
Fleischhauer: Ihre Stärke ist, dass sie nie versucht hat, etwas anderes zu sein, als sie ist. Dies klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Viele Politiker versuchen ihre Schwäche zu kompensieren, indem sie diese durch besondere Anstrengung gerade auf dem Gebiet, das ihnen nicht liegt, wettzumachen versuchen. Merkel wollte nie anders sein – sie wollte nie mitreißende Reden halten oder die Leute durch besonderes Charisma von den Stühlen reißen. Sie ist sich einfach treu geblieben, und hat so lange weitergemacht, bis man das, was eben noch als zu unemotional und zu wenig mitreißend galt, zum Merkel-Stil erklärte. Ihre Schwäche ist, dass sie in einer politischen Situation, die sehr aufgeheizt ist, mit einem Gegenspieler, der das Blut der Leute zum Brodeln bringt, große Mühe hätte, die richtige Antwort zu finden. Steinmeier war in seiner bedächtigen Art als Gegenkandidat ideal, Gabriel wäre in seiner Quecksilbrigkeit schon sehr viel schwerer zu begegnen. Wir haben uns daran gewöhnt, dass die politische Auseinandersetzung so merkelmäßig dahinplätschert. Aber das muss nicht so bleiben. In vielen Ländern um uns herum waren die Wahlkämpfe zuletzt sehr hart, auch in Deutschland haben wir schon die Erfahrung mit extrem polarisierenden Wahlen gemacht. Es wäre spannend zu sehen, wie Merkel in so einem veränderten Setting reagieren würde. Ich glaube im Gegensatz zu vielen Beobachtern überhaupt nicht, dass sie unangreifbar ist.

Unter Kohl war die CDU nicht konservativer

The European: Wie fühlt sich einer, der aus Versehen konservativ wurde, bei der CDU aufgehoben, Mitte, Maß und der Verlust des „C“ werden ihrem Regierungsstil oft vorgeworfen. Wie konservativ ist die CDU unter Merkel?
Fleischhauer: Natürlich kenne ich die Klagen von Konservativen, dass sie sich in der CDU nicht mehr richtig zu Hause fühlen würden. Dazu kann ich nur sagen: Die CDU unter Helmut Kohl war nicht viel konservativer. Die meisten haben es vergessen, aber in der ersten Regierung Kohl saßen Leute wie Rita Süssmuth oder Heiner Geißler, der heute bei Attac herumspringt. Jeder Kanzler zieht in die Mitte, keiner hat sich je im Amt radikalisiert. Wenn sie von links kommen, ziehen sie nach rechts, das nehmen ihnen dann die Linken übel. Kommen sie von rechts, und bewegen sich nach links, sind die Konservativen sauer.

The European: Wie beurteilen Sie – im Hinblick auf die Flüchtlingsthematik – die zögerliche Haltung der Bundeskanzlerin?
Fleischhauer: Wenn ich mich richtig erinnere, war sie diejenige, die in ihrer Neujahrsansprache schon deutlich Fremdenfeindlichkeit verurteilt hat, als der Parteivorsitzende der SPD noch den Pegida-Anhängern in Dresden die Hand schüttelte. Wir führen in der Flüchtlingsfrage viel stärker als den europäischen Nachbarn lieb ist. Denen wäre lieber, wir wären in diese Frage deutlich zögerlicher. Der deutsche Sonderweg kann manchmal erstaunliche Abzweigungen nehmen, wie man sieht.

The European: Bundestagswahl 2017: Die Bundeskanzlerin will ihre vierte Amtszeit! Sind die Deutschen mit ihr zufrieden?
Fleischhauer: Im Augenblick scheinen die Deutschen mit der Kanzlerin so zufrieden, dass keiner in der Sozialdemokratie, der ernsthafte Ambitionen auf das höchste Regierungsamt hat, gegen sie antreten will. Dies sagt in jedem Fall sehr viel darüber aus, wie ihre Gegner die Erfolgschancen der Bundeskanzlerin für 2017 einschätzen. Und wer bin ich, die Weisheit der deutschen Sozialdemokratie infrage zu stellen?

Das Gespräch führte Stefan Groß. Der Text ist in THE EUROPEAN, jüngste gedruckten Ausgabe, erschienen.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Hugo Müller-Vogg: „Die Regierung befriedigt Klientelinteressen“

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