Es gibt keinen Grund, zu denken, dass wir Menschen besonders gut darin sind, Moralvorstellungen umzusetzen. Ronald C. Arkin

Deine Zeitung lügt!

Echte Neutralität im Journalismus kann es nicht geben, zu viele Faktoren beeinflussen unsere Wahrnehmung. Mit Transparenz und Selbstreflexion müssen wir dies aufzeigen. Doch auch die Leserschaft sollte aktiver werden.

Aus Glaubwürdigkeitsproblem wird Vertrauenskrise wird Medienverdrossenheit: Das Verhältnis von den Leser_innen zu den Journalist_innen scheint nachhaltig gestört, wenn man den unzähligen Onlinekommentaren, sinkenden Auflagen und sogar Büchern Glauben schenkt. Wo früher (sicher zu Unrecht) fast blindes Vertrauen herrschte, wird heute hinter jedem Kommafehler der Einfluss von CIA und Mossad vermutet. So falsch die absurden Anschuldigungen auch sind, so problematisch ist es, wenn sich in Reaktion darauf die Redaktionen nur auf den vermeintlichen „Standpunkt der absoluten Neutralität“ zurückziehen.

Deshalb vorweg eine Binsenweisheit: Echte Neutralität gibt es nicht. Das beginnt schon beim ganz Offensichtlichen: dem eigenen Unternehmen. Welche_r Journalist_in würde allzu kritisch über ihr eigenes Verlagshaus berichten, wenn sie doch finanziell von ihm abhängig ist? Schön zu sehen war das beim „SZ“-Leaks-Skandal um Sebastian Heiser. Erst als er lange nicht mehr bei der „Süddeutschen Zeitung“ arbeitete, ging er mit seinen Enthüllungen an die Öffentlichkeit. Höchstens anonym traut sich hin und wieder mal jemand, aus dem eigenen Haus zu berichten.

Auch die Abhängigkeit von Werbekund_innen ist ein offenes Geheimnis im privatwirtschaftlichen Journalismus. Und im Öffentlich-Rechtlichen sitzt den Verantwortlichen der Rundfunkrat im Nacken. Das war übrigens schon immer so. Gutzuheißen ist es deshalb trotzdem nicht.

99 Prozent des Weltgeschehens bleiben indirekte Realität

Weiter mit der Themensetzung. Hier liegt vermutlich die größte Macht der Journalist_innen. „Even bad news is good news“, lautet ein Standardsatz im PR-Bereich. Mediales Stattfinden ist das A und O, denn: Erst wenn über etwas berichtet wird, ist es real. Das gilt natürlich genauso für Popstars und -sternchen wie für Ereignisse der Weltpolitik. Glaubt wirklich jemand, dass Boko Haram heute keine Gräueltaten in Nigeria verübt hat, nur weil die Griechenlandkrise stattfindet? In Wahrheit gibt es für beides einfach nicht genug Platz in der „Tagesschau“.

Wir alle leben in einer Blase: 99 Prozent der Nachrichten, die die Zeitungen füllen, haben wir noch nie am eigenen Leib erfahren. Das meiste Weltgeschehen bleibt deshalb für immer eine indirekte Realität, vermittelt durch Journalist_innen.

Damit zum eigentlichen Kern des Journalismus, dem Inhalt. Was einst Karl Marx festgehalten hat und in den Sozialwissenschaften längst Konsens ist, stimmt natürlich auch für die Menschen der schreibenden Zunft: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“. Und damit ist in diesem Zusammenhang nicht der marxistische Klassenstandpunkt gemeint, sondern die individuellen und kollektiven Erfahrungen der Sozialisation.

Hans und Maria machen andere Erfahrungen als Mohammed und Patrycja

Jeder Mensch und jede Journalist_in haben ihren Platz in der Welt, einen Blickwinkel auf das (Welt-)Geschehen und eine individuelle Perspektive. Das Kind, das sieben Geschwister hat, wird bezüglich der Verteilungsgerechtigkeit einen enorm geschärften Blick haben; der transsexuelle Junge einen viel klareren Blick für überall präsente Geschlechterstereotype, gegen die er/sie Tag für Tag ankämpfen muss. Und schließlich wird das Mädchen aus einer Einwandererfamilie Diskriminierung aus eigener, trauriger Erfahrung („Du sprichst aber gut deutsch!“) viel eher erkennen als Hans und Maria von nebenan.

Ganz zu schweigen von so offensichtlichen Dingen wie Parteipräferenz, ökonomischem und sozialem Hintergrund, Religion und Bildung. Das alles sind Faktoren, die unsere Sicht der Dinge entscheidend beeinflussen, man könnte sogar sagen: ideologisch verändern. Nicht nur die wohlbekannte Rechts-links-Unterscheidung beeinflusst das Denken und Schreiben.

Vielleicht sollte man Jan Hofer bitten, am Ende jeder „Tagesschau“-Sendung seine Lieblingsfarbe zu offenbaren. Oder seine echte Haarfarbe. Denn wer weiß schon, in welcher Weise ihn dies beeinflusst und zur Auf- oder Herausnahme des einen oder anderen Beitrags bewegten – beispielsweise über gestiegene Haarfärbemittel-Preise.

Zeitunglesen ist kein Besuch bei McDonalds

Problematisch ist dieser selektive Blickwinkel eigentlich nicht, solange das allen klar ist. Schwierig wird es erst, wenn der Habitus der absoluten Neutralität vorgetäuscht wird. Weder Journalist_innen noch Leser_innen sind neutral. Dagegen hilft größtmögliche Diversität in den Redaktionen, denn wie schon dargelegt, ist es gerade die Themenauswahl, die durch die eigene Weltsicht beeinflusst wird. Wer welches Problem sieht und erkennt, hängt enorm von den eigenen Erfahrungen ab. Weiter hilft ein transparenterer Umgang mit der Problematik, etwa in Form einer Offenlegung der politischen und religiösen Überzeugungen von Journalist_innen. Viel leichter fiele es, Geschriebenes einzuordnen, wüsste man, bei wem die Journalist_in ihr Kreuz bei der letzten Wahl gemacht hätte. Warum also immer der verschämte Umgang mit Parteienpräferenz im Journalismus?

Was wir wirklich brauchen, sind dabei nicht nur Journalist_innen, die offen damit umgehen, nie hundert Prozent neutral sein zu können, sondern auch Leser_innen, die das wissen und einordnen können. Denn Journalismus kann man nicht passiv konsumieren. Kritisches Nachdenken, Diskutieren und (gedankliches) Überprüfen gehören immer auch mit dazu, wenn man eine Zeitung aufschlägt oder die Nachrichten verfolgt. Vielleicht brauchen wir nicht nur guten Journalismus, sondern noch bessere Leser_innen. Dann kommt vielleicht auch die Glaubwürdigkeit zurück.

Warum ich das so geschrieben habe und nicht anders? Entscheiden Sie selbst, was mich wohl beeinflusst hat und ordnen Sie es ein: Ich bin Student der Sozialwissenschaften, getaufter aber nicht praktizierender Christ, habe bei der letzten Bundestagswahl SPD gewählt, bin in Baden-Württemberg geboren, lebe jetzt in Berlin und arbeite als Werkstudent bei „The European“. Meine Lieblingsfarbe ist Blau und meine Haare sind naturbraun.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Thomas Schmid, Marie Illner, Anna Glombitza-Oelsner.

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