Eine Währung die man retten muss, ist keine mehr. Wilhelm Hankel

„Wir leben in einer Schwellenzeit“

Das Bild in den Medien, die Medien als Fenster zur Welt. Was unseren Blick aus dem Fenster heute ersetzt hat, warum Facebook und Co. unseren Horizont erweitern und weshalb Paulus mit der Rhetorik von Cicero nichts hätte anfangen können, verrät der Verleger und Buchautor Hubert Burda im Interview. Das Gespräch führte Alexander Görlach.

The European: Sie schreiben in Ihrem Buch: „Der Blick aus dem Fenster wurde durch den Fernsehapparat ersetzt.“ Nehmen wir unsere direkte Umwelt aufgrund von permanenten Medienangeboten weniger wahr?
Burda: Ich habe zehn Jahre lang versucht, die theoretischen Überlegungen der Gelehrten zu unseren Kommunikationsgewohnheiten mit den praktischen Erfahrungen eines Medienmenschen zu kombinieren, der meistens eine Viertelstunde früher am Flughafen ist, weil er beobachten will, wie Menschen Zeitungen und Zeitschriften kaufen und nutzen. Das Buch zum Iconic Turn war immer getrieben von der Frage: Was geschieht draußen? Unser Blick, der über Jahrhunderte auf Bilder angewiesen war, wurde im 20. Jahrhundert durch den Fernsehapparat erweitert. und wird heute mit Facebook und Twitter ergänzt. Oft stellt sich dann die Frage, ob Text deshalb im Internet weniger Relevanz hat. Doch die schnellsten Reaktionen im Internet werden vermutlich weiterhin über Text ausgelöst.

The European: Dennoch funktioniert im Web das Bewegtbild besser. Verliert der geschriebene Text langfristig an Bedeutung?
Burda: Beides gehört zusammen. Ein Bild ohne Bildunterschrift ist eine Fehlleistung. Gleichzeitig öffnet ein Bild das Thema. Auf Focus Online haben Sie vor ein paar Tagen einen Jungen gesehen, der in Tripolis in einem Kanonenrohr saß – und daneben Menschen mit ihren Handys, Kameras oder iPhones, die ihn fotografierten oder filmten. Früher gab es keine Bilder, man konnte nur berichten. Heute geht alles über Flickr oder Youtube um die Welt. Das gab es noch nie in der Weltgeschichte.

„Wer keinen Rahmen für Informationen findet, wird von ihnen erschlagen“

The European: Das löst auch eine bestimmte Übersättigung mit Bildern aus. Wie können wir uns innerhalb dieser Übersättigung zurechtfinden?
Burda: In meinem Buch geht es unter anderem über die Bedeutung des Rahmens: Wer keinen Rahmen für die Informationen findet, wird erschlagen von der Informationsflut. Ohne Rahmen gibt es keinen Kontext. So habe ich in Vorbereitung unseres Interviews versucht, mir ein Bild von Ihnen zu machen, einen Rahmen. Ich informiere mich über The European und überlege, welche Fragen Sie stellen könnten. Informationen gehören in einen jeweiligen Zusammenhang. Bei Bildern ist uns dieser Sachverhalt weniger bewusst gewesen. Doch diese Kontextualisierung wird angesichts der zunehmenden Bedeutung von Bildern auch immer wichtiger.

The European: Wie weit können wir denn die Bilder unserer Kunst noch verstehen, ohne die Kontexte unserer geschichtlichen Tradition zu kennen? Stoßen wir dort an eine Grenze, an der uns bestimmte Dinge verloren gehen, weil uns der Kontext fehlt?
Burda: Picasso, Manet oder Renoir – die meisten Maler beschäftigen sich permanent mit der Tradition derer, die vor ihnen gelebt haben. Der deutsche Intellektuelle wird immer versuchen, sein Leben in einen Rahmen zwischen Schiller, Goethe oder Kleist zu setzen. Wenn ich in meinem Buch zehn Thesen zum Iconic Turn aufstelle, verbinde ich mein Studium der Kunstgeschichte mit den neuen Medien, die nun im 21. Jahrhundert genauso da sind wie um 1500 die Gutenberg-Medien.

The European: Gab es bereits damals diese Wertschätzung des Bildes als Informationsträger, wenngleich unter anderen technischen Voraussetzungen?
Burda: Ich glaube, dass wir in einer Schwellenzeit leben. Es gibt massive Veränderungen durch Facebook, Twitter, Groupon oder Foursquare. Gleichzeitig ist die Hinwendung zum Visuellen keinesfalls eine Erfindung unserer Zeit. Bilderwände gab es bereits im Mittelalter, das war sozusagen der erste Iconic Turn. Den Amerikanern, diesen genialen Algorithmenschreibern, ist klar, was in der Vergangenheit schon an ikonischer Tradition vorhanden war. Sie haben sie instinktiv benutzt, für Google, Apple oder ganz zu Beginn der Digitalisierung eben für Microsoft Windows.

The European: Wir haben Bilder aus dem 20. Jahrhundert ganz deutlich vor Augen, die ins kollektive Gedächtnis übergegangen sind: die Ermordung Kennedys, die Mondlandung – wie wichtig ist das Bild für die Geschichtsbildung, für das kollektive Erinnern?
Burda: Die Reichskanzlei, die Bilder von April 1945, der Bunker, die Ermordung der Juden, die Gleise nach Auschwitz – das sind Bilder, die ins kollektive Gedächtnis übergehen. Und die Kraft der Bilder erlebt ja jeder, wenn er schläft. Es sind nicht die Worte, die bleiben. Am anderen Morgen ist man irritiert von der Wucht des Traumbilds. Dass Bilder das kollektive Gedächtnis einer Nation ausmachen, ist klar. Diese kollektive Ikonologie ist bei den Italienern wiederum eine ganz andere als bei uns, bei den Franzosen ebenso. Kultur wird auch durch ihre Bilder definiert.

„Paulus hätte mit der Rhetorik von Cicero nichts anfangen können“

The European: Als Medienmacher haben Sie immer wieder Bilder und Texte vor sich. Wir haben schon von dem Zueinander gesprochen. Aber wenn man sich entscheiden müsste: Polarisieren und provozieren Bilder mehr, als es Texte können?
Burda: Instinktiv würde ich sagen: ja. Nehmen Sie ein Bild wie die „Olympia“ von Manet, die damals 1874 in Paris die ganze Stadt auf den Kopf gestellt hat. Olympia war eine stadtbekannte Prostituierte – das hat Paris so erregt wie heute der Opernball Wien, zu dem Richard Lugner eine Geliebte von Berlusconi angeschleppt hat. Das sind die Bilder im Kontext des Entertainments. Ich denke, dass die großen Zeitschriften – der Focus, der Stern, der Spiegel – mit dem Titelbild und der Zeile jederzeit zur Polarisierung in der Lage sind. Die Bunte kann mit einem Pro-Guttenberg-Titel aufmachen. Da sagt der Großteil des bürgerlichen Lagers: „Mensch, den Mann sollte man nicht kaputt machen.“ Was Texte angeht: hatten Sie in der FAZ einen Leitartikel von Berthold Kohler mit einer Rücktrittsforderung. Das ist der Semantic Turn. Die Bilder auf der ersten Seite der FAZ haben oft einen gewaltigen Aufforderungscharakter. Da spricht man genauso von Qualitätsjournalismus, den es nicht nur bei Texten gibt.

The European: Text und Bild haben auch manipulative Kraft. Welches von den beiden hat größeres manipulatives Potenzial?
Burda: Die größte Kraft ist die, wenn ich beide zusammennehme. Bei Mubarak brauchten Sie kein Bild, den kannte jeder. Die Schlagzeile „Mubarak tritt ab“ ist dagegen gewaltig. Die Magazine sind eine Kategorie für sich: Sei es der Economist, das TIME Magazine, Focus, Spiegel, Stern oder Bunte – diese zehn, fünfzehn Magazine bestimmen den Gesprächsstoff mit stillstehenden Bildern. Das ist etwas vollkommen anderes als beim Fernsehen. Wie weit das manipuliert, hängt auch von der Intelligenz des Betrachters ab. Der Journalismus ist immer auch Teil der Rhetorik, darin unterscheidet er sich von der Prosa oder von der Poetik. Der Journalist muss immer etwas wollen, wie auch ein Redner etwas will. Und wie weit Sie einem Redner folgen und ob er Sie für blöd verkauft – darin besteht Ihre Intelligenz. Das war immer so, ob Sie Paulus zugehört haben oder Cicero. Cicero hätte sicherlich auch die christliche Botschaft gepredigt – und Paulus hätte mit der Rhetorik von Cicero vermutlich nichts anfangen können.

Hubert Burdas neues Buch “In medias res. Zehn Kapitel zum Iconic Turn” ist im Wilhelm Fink Verlag erschienen. Weitere Informationen unter iconicturn.de

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Sebastian Nerz: „Manche sehen es nicht als ihre Aufgabe, neutral zu berichten“

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