Man darf ihn jetzt nicht übers Knie brechen. Rudi Völler

Das Töten jenseits der Gestade Europas

Wenn die Regierung eines Landes verbrecherische und grausame Geschehnisse befiehlt und dazu noch den „Heiligen Krieg“ gegen Christen von Feindstaaten propagiert, reicht es dann aus, „aufrichtigen Respekt vor den Opfern zu zeigen“ und „sich vor ihnen zu verneigen“? Oder ist mehr nötig? Es geht auch um deutsche Geschichte.

Immerhin, das Wort „Völkermord“ ist jetzt offiziell. Die Mitglieder des Bundestages und der Bundesregierung wären aber gut beraten, wenn sie über eindeutige Formulierungen gegenüber den Armeniern nachdächten. Denn es geht um mehr. Eine Verneigung vor den Opfern des Völkermords – allen Opfern! – könnte der Impuls sein, sich den deutschen Schuldanteil an den Genoziden des 20. Jahrhunderts stärker als bisher vor Augen zu führen.

Offenbar steckten die Abgeordneten des Bundestages am 2. Juni 2016 noch zu sehr in den Gefilden türkischer Rücksichtnahme und waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um auch zur Empathie für die Nachfahren der Opfer befähigt zu sein. Erinnert man sich daran, wie wenig angemessen sich der Bundestag noch vor einem Jahr in der Frage der Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern verhalten hat, wird die Halbherzigkeit noch deutlicher. Statt zum 100. Jahrestag des Genozid-Beginns eine klare und unmissverständliche Anerkennungs-Position einzunehmen und die entsprechende Botschaft zu senden, hat man 2015 Vorwände erfunden und Widerstände aufgebaut, die Entscheidung auf die lange Bank geschoben und sich in einer Weise schwer getan, die dem verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Geschichte nicht gerecht werden kann.

Genötigt, von Völkermord zu reden

Das gilt größtenteils auch für die Reden vom 2. Juni 2016. Es ist ein Allgemeinplatz: Respekt vor Opfern sollte man immer haben, ob es sich dabei um Griechen, Russen, Franzosen, Italiener oder Belgier handelt. Viel wichtiger aber ist die Frage: Was macht den Respekt aus? Die Ermordung? Der Opferstatus? Oder was sonst? Darauf sind die Redner eine Antwort schuldig geblieben. Eine Formulierung, die Dr. Christoph Bergner (CDU), Mitglied des Auswärtigen Ausschusses, vortrug, wirkt entlarvend: „Wir fühlen uns genötigt, von Völkermord zu reden.“ Das liest sich – gerade vor dem Hintergrund, dass Deutschland Beihilfe zum Völkermord an den Armeniern geleistet hat – deplaziert, beschämend und den Opfern gegenüber respektlos und demütigend. Nicht aus freien Stücken, sondern weil er sich von jemandem oder von etwas dazu gezwungen sieht, spricht Bergner, ohne es aber eigentlich zu wollen, von Völkermord. Statt Tatsachen anzuerkennen, erfolgt die Flucht in stillose Wortwendungen. Wie verräterisch Sprache doch auch in diesem Falle ist.

Und wenn Hans-Peter Uhl (CSU), ebenfalls Mitglied des Auswärtigen Ausschusses, dann auch noch „Achtung und Respekt vor dem großen türkischen Volk“ beschwört, so wird das, was man anerkennt, vollends zur Farce. Fehlte nur noch, dass Uhl auf die von Hellmut von Moltke in die deutsche Literatur eingeführte Figur des „ritterlichen Türken, des einzigen Gentleman im Orient“ zurückgegriffen hätte. Nun steht außer Frage, dass es auch edle und menschlich fühlende Türken gab und gibt. Selbst in den Schreckensjahren 1915 und 1916 hat es solche gegeben, und kein vernünftiger Mensch wird ihnen die Achtung versagen. Aber sie waren leider Ausnahmen – ähnlich wie im deutschen Volk, als im Dritten Reich die Juden ausgegrenzt, gejagt und ermordet worden sind.

Doch das ändert nichts an Uhls offensichtlicher Verblendung. Würde er sich angesichts einer Resolution zur Anerkennung des Holocaust der Nationalsozialisten hinstellen und „Achtung und Respekt vor dem großen deutschen Volk“ anmahnen? Und wie würden wohl die Opfer und deren Hinterbliebene darauf reagieren? Vor dem Hintergrund solcher Geschichtsvergessenheit dürfte es ratsam sein, die unheilvolle Geschichte der Deutschen und der Genozide noch etwas genauer zu betrachten.

Die frühen deutschen Völkermorde

Deutschland hat die ersten beiden Genozide des 20. Jahrhunderts zu verantworten. Der erste geschah an den Herero, Nama und weiteren in Namibia in den Jahren 1904 bis 1908 in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika unter General Lothar von Trotha, dabei unterstützt von Generalstabschef Alfred Graf von Schlieffen und Kaiser Wilhelm II.; etwa 80.000 Tote sind zu beklagen. Der zweite Genozid traf die Wambunga, Wapogoro, Wasgara und Wangoni im Zusammenhang mit dem „Maji-Maji“-Aufstand der Jahren 1905 und 1906 in der Kolonie Deutsch-Ostafrika unter Gouverneur Gustav Adolf Graf von Götzen. Es war die erste gemeinsame Erhebung schwarzafrikanischer Völker gegen weiße Herrschaft, und von Götzen wandte jene Kriegsführung an, die wir heute als „Strategie der Verbrannten Erde“ bezeichnen.

Götzen ließ die Rückzugsgebiete der Aufständischen systematisch einäschern, Rädelsführer standrechtlich hinrichten, gefangene Kämpfer bestrafen sowie Frauen und Kinder in Konzentrationslagersippenhaft nehmen. Des Weiteren wurden unzählige Dörfer niedergebrannt, Felder, Vorräte und Vieh vernichtet sowie Brunnen zugeschüttet und vergiftet. Der in Kauf genommenen Flüchtlings- und Hungerkatastrophe fielen etwa 200.000 Menschen unter der Zivilbevölkerung zum Opfer.

Über die Urheberschaft des im Zweiten Weltkrieg an den Juden Europas sowie Sinti und Roma begangenen Genozids muss hier nichts gesagt werden. Deutschland hat im 20. Jahrhundert drei Völkermorde verursacht und ist zudem an dem Genozid des osmanischen Verbündeten im Ersten Weltkrieg an den Christen im osmanischen Staatsgebiet sowie dem 1914 bis 1918 osmanisch besetzten Nordwest-Iran beteiligt gewesen. Eine überaus traurige und weltgeschichtlich einmalige Bilanz von Serien- und Wiederholungstäterschaft. Und jedes Mal war es so, dass die Täter entweder völlig ungeschoren geblieben sind oder nur ein sehr kleiner Teil zur Verantwortung gezogen wurde. Die Vorwürfe des Satirikers Oliver Welke vom 3. Juni 2016 in der „heute-Show“ des ZDF und des Hamburger Historikers Jürgen Zimmerer im „Spiegel“ vom 4. Juni 2016 an den Bundestag, sich einer Doppelmoral zu befleißigen, sind sehr ernst zu nehmen.

Nichts spricht dagegen, die Türkei aufzufordern, die Verbrechen an den Christen des Osmanischen Reiches als Völkermord anzuerkennen. Aber wer selbst im Glashaus unzureichend aufgearbeiteter Staatsverbrechen sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen oder andere belehren wollen, wie man mit der Vergangenheit ins Reine kommt. Was den Genozid an den Herero betrifft, so hat es der Bundestag selbst 112 Jahre danach nicht geschafft, die 2015 immerhin in Aussicht gestellte interfraktionelle Resolution zur Anerkennung des ureigenen deutschen Verbrechens an den Herero auf den Weg zu bringen, geschweige denn abstimmen zu lassen. Mehr dazu ist dem sehr gelungenen Sketch Geschichtsstunde zu entnehmen. Und man fragt sich, wer denn die Resolution so nachhaltig torpediert? Dieselben Kräfte wie bei der Anerkennung des Genozids an den Armeniern – das Bundeskanzleramt, das Auswärtige Amt, obwohl sich Frank-Walter Steinmeier seit 2012 für eine legislative Anerkennung des Genozids in „Deutsch-Südwest“ einsetzt, und die Fraktionsvorsitzenden der Großen Koalition? Wie lange wollen die Abgeordneten das noch hinnehmen? Fürchtet man Restitutionsklagen von Nachfahren der Opfer?

Jede armenische Familie ist in irgendeiner Weise von dem Völkermord von 1915/16 betroffen – falls sie nicht zur Gänze ausgelöscht wurde. Vor diesem Hintergrund bei einer Debatte über den Genozid an den Armeniern das „große türkische Volk“ hochleben zu lassen und die anwesenden Armenier zu ignorieren, ist nicht nur fahrlässig und unangemessen, es wirkt geradezu wie eine Verhöhnung und Beleidigung der Opfer.

Cem Özdemir, der späte Held

Anders Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Sein Eintreten für die Anerkennung des Genozids brachte ihm von verhetzten Türken Morddrohungen und den Ruf ein, Armenier zu sein. In seiner Rede konterte er: „Ich empfinde es nicht beleidigend, als Armenier bezeichnet zu werden!“ Özdemir hat damit als deutscher Staatsbürger türkischer Herkunft – sein Vater gehörte der tscherkessischen Minderheit an – großen Mut bewiesen, und es gebührt ihm dafür Anerkennung. Interessant aber ist, was er nicht gesagt hat. Bis vor wenigen Jahren gehörte er zu jenen Politikern, die eine Anerkennung des Genozids vehement ablehnten. So etwa 2001 mit der Begründung, eine solche Entscheidung würde der demokratischen Entwicklung in der Türkei schaden. Die Armenier haben ihn damals weniger interessiert, und auch ihm war die Rücksichtnahme auf die Türkei, wenn auch aus anderen Gründen als der deutschen Regierung, wichtiger als die Wahrheit.

In einem Schreiben an die Deutsch-Armenische Gesellschaft vom 3. April 2002 ließ Cem Özdemir, damals innenpolitischer Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen und zugleich Vorsitzender der Deutsch-Türkischen Parlamentariergruppe, keinen Zweifel daran, „dass den Armeniern in den Jahren 1915/16 unbeschreibliches Leid zugefügt worden ist.“ Eine Resolution des Bundestages hielt er aber nicht für „die [uns] geeignete Form, der ermordeten Armenier zu gedenken.“ Für wen sprach er damals? Für die „Grünen“ oder für die Deutsch-Türkische Parlamentariergruppe? Für die ermordeten Armenier tat er es jedenfalls nicht, zumindest hatte er ihre Nachfahren nicht befragt. Dennoch wusste er offenbar bestens darüber Bescheid, „welches die adäquate Form“ gewesen wäre, ihrer zu gedenken. Auf keinen Fall aber mit einer Resolution des Bundestages, womit er sich – wie die anderen deutschen Politiker – in einen Gegensatz zu vielen anderen Parlamentariern der Welt brachte. Und auch er verfiel der Gebetsmühle von der „Aufgabe der Geschichtswissenschaft“ – getreu der peinlich billig wirkenden Begründung, der Bundestag sei „keine Historikerkonferenz“.

Seit einigen Jahren hat sich Cem Özdemir offenbar aber eines Besseren belehren lassen. Aber warum räumt er seinen Irrtum nicht ein und verdeutlicht, dass er frühere Vorurteile überwunden und sich gewandelt hat? Solch eine Erklärung wäre schon deshalb angebracht, weil durch die jahrzehntelange Verschleppung der Anerkennung des Völkermordes durch die deutschen Regierungen und Politiker die in unserem Lande lebenden Armenier, Aramäer und alle anderen Christen des Orients immer wieder vor den Kopf gestoßen worden sind. Viele sind daran verzweifelt, mussten machtlos zusehen, wie Türken in Deutschland ihr Leid verhöhnten und als Lüge bezeichneten. Deutsche Regierungen und Politiker sind dafür verantwortlich. In der Bundestagsdebatte ist diese Schuld nicht zur Sprache gebracht worden.

Noch weit wichtiger aber wäre eine solche Erklärung für andere türkeistämmige Deutsche, die wie Cem Özdemir von den meinungsbildenden Instanzen Elternhaus, Schule und Medien – in diesem Fall jeweils türkisch – ein Geschichtsbild vermittelt bekommen haben, in dem die Vernichtung indigener christlicher Volksgruppen im Namen türkischen Staatsinteresses und „nationaler Sicherheit“ bis heute als patriotische Tat gerechtfertigt werden. Dass man Vor- und Fehlurteile überwinden kann, dafür könnte Cem Özdemir ein anschauliches Beispiel geben.

Realistisch schätzte der „Zentralrat der Armenier in Deutschland“ den Stellenwert der aktuellen Resolution von 2016 als ein „wichtiges Signal“ ein. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Die Umstände ihres Zustandekommens und die Bundestagsdebatte vom 2. Juni lassen ein anderes Urteil nicht zu.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: The European Redaktion, Reinhard Olt.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Armenien, Genozid

Kolumne

Medium_fb37e95e9c
von Sebastian Sigler
24.04.2017

Debatte

Nach dem Völkermord-Votum des Bundestages

Medium_f59479d406

Bundesregierung übt sich weiterhin im Wegducken

Der Bundesverband der Aramäer in Deutschland begrüßt die breite überfraktionelle Zustimmung zur gestrigen Völkermord-Resolution im Deutschen Bundestag. Das schreckliche Verbrechen an Armeniern, Ara... weiterlesen

Medium_04ec3ce837
von Daniyel Demir
04.06.2016

Kolumne

Medium_fb37e95e9c
von Sebastian Sigler
01.06.2016
meistgelesen / meistkommentiert