Wenn wir ein bisschen mehr schwäbische Hausfrau mit auf den Weg nehmen, dann können wir das System stabiler gestalten. Josef Ackermann

Die Ehre zwischen den Beinen

Über strenge Moralvorstellungen herrschen viele Irrtümer. Zum Beispiel, dass es sie nur im Islam gibt.

„Gewalt im Namen der Ehre“ ist kein neuer Hollywoodstreifen über Mafiamorde, sondern ein schmales, rotes Bändchen aus der Reihe „Thema“ des Passagen Verlags aus Wien.

Nina Scholz, die mir erstmalig durch ihr gemeinsames Buch mit Heiko Heinisch aufgefallen war, dokumentiert darin unter anderem eine Podiumsdiskussion aus dem Dezember 2013 über Menschenrechtsverletzungen, deren Ursache spezielle Ehrvorstellungen von Einwanderern aus konservativen Milieus islamisch geprägter Gesellschaften sind. Klingt vielleicht erst mal etwas öde. Ist es aber nicht.

Die Beiträge der drei Diskussionsteilnehmer Moni Libisch, Ercan Nik Nafs und Ahmad Monsour sind nicht nur eine aufschlussreiche Bestandsaufnahme der alltäglichen Menschenrechtsverletzungen im „Namen der Ehre“, deren negativer Höhepunkt die sogenannten Ehrenmorde sind, sondern auch eine Suche nach Möglichkeiten, diese künftig einzudämmen. Die drei Beiträge werden ergänzt um einen Essay der Herausgeberin Nina Scholz selbst.

Moni Libisch stellt zunächst das Konzept der Ehre in traditionellen Familien aus der Türkei und dessen Wandel in der „Diaspora“ dar. Interessant für mich war insbesondere die Erklärung des aus drei unterschiedlichen, aber ineinandergreifenden Teilaspekten bestehenden traditionellen türkischen Ehrbegriffes, der mit dem heutigen deutschen Begriff der „Ehre“ so gut wie nichts gemeinsam hat. Von den einzelnen Teilaspekten Şeref, Namus und Saygi – die man am ehesten vielleicht noch mit „Ansehen“, „guter Name“ und „Respekt oder Ehrerbietung“ übersetzen könnte – und deren unmittelbare Auswirkungen auf die völlig unterschiedliche Erziehung von Jungen und Mädchen war mir bisher nicht allzu viel bekannt. Während der Ehrbegriff sich in der westlichen Welt überwiegend auf das Individuum und dessen berufliche oder sonstige Leistungen bezieht, ist die Ehre der traditionellen Familien aus der Türkei ein auf das Kollektiv der Familie bezogener Wert. Das hat zur Folge, dass „ehrloses“ Verhalten einzelner Familienmitglieder zu einem Ehrverlust des gesamten Kollektivs führt und daher dessen Reaktion erfordert. Gerade für Mädchen und Frauen kann dies zu ganz erheblichen Menschenrechtsverletzungen bis hin zum Tod führen.

Religionsimmanente Jungfrauen-Überhöhung

Der Beitrag des Kinder- und Jugendanwalts der Stadt Wien, Ercan Nik Nafs, fällt zwar gegenüber den anderen Beiträgen etwas ab, gibt aber einige Einblicke in die Jugendarbeit von „back on stage 10“. Nach einer Darstellung des Ist-Zustandes erklärt Nafs die Schwierigkeiten, diese kulturell und religiös tradierten Rollenbilder zumindest etwas aufzuweichen. Sexualität als Tabuthema und deren überhöhter Stellenwert für die Familienehre machen es auch den erfahrenen Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeitern außerordentlich schwer, überhaupt einen Zugang zu den Betroffenen zu finden.

Ahmad Mansours Beitrag stellt vor allem die Arbeit von „HEROES – Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre und für Gleichberechtigung“ vor. Durch die Schulung von Jungen aus Familien mit Migrationshintergrund zu HEROES, die Gleichaltrige ansprechen und versuchen, in Workshops mit diesen über die Rechte der Mädchen und Frauen und das eigene Rollenbild ins Gespräch zu kommen, öffnen sich ganz andere Möglichkeiten, als dies bei klassischer Jugendarbeit der Fall wäre.

Nina H. Scholz beendet das Buch mit einem Essay über die Jungfräulichkeit als Schlüsselbegriff des Ehrverständnisses traditioneller muslimischer Familien. Auch wenn diese Traditionen bereits aus Zeiten stammen, als es den Koran noch gar nicht gab – und sie damit nicht originär islamisch sein können – gibt doch die Übernahme dieser Traditionen in die islamische Religion diesen eine religiöse Verstärkung. „Das verbietet der Islam“ ist jedenfalls eine Antwort, die die Autorin von Jugendlichen am häufigsten zu hören bekommt. Wie viele davon glauben, im Paradies warteten 72 Jungfrauen auf sie und ob sie das erstrebenswert finden, weiß der Teufel. Dass diese religionsimmanente Jungfrauen-Überhöhung – „Die Ehre des Mannes liegt zwischen den Beinen seiner Frau“ – nicht nur negative Auswirkungen auf die Erziehung der Mädchen, sondern auch auf die der Jungen hat, kann nicht verwundern. Auch die Jungen haben bei einer Zwangsheirat keine Wahl und die eigene Schwester ständig überwachen zu müssen, ist garantiert auch nicht lustig. Für homosexuelle Männer ist ein entspanntes Leben in der Familie ebenfalls selten möglich.

Viele Risiken

Nina H. Scholz weist darauf hin, dass mit der Beteiligung der offiziellen Islamverbände als bevorzugte Ansprechpartner für staatliche Stellen im Hinblick auf Fragen von Bildung und Erziehung vermutlich der Bock zum Gärtner gemacht wird. Diese Verbände propagieren überwiegend einen stockkonservativen Islam, der genau die problematischen Vorstellungen bezüglich Jungfräulichkeit und Sexualmoral fördert und die befremdlichen Rollenmuster bestärkt. Da müsste noch mal nachgedacht werden.

Das Buch ist informativ und absolut lesenswert. Es birgt allerdings zwei Risiken:

*Risiko 1
Es besteht die Gefahr, dass dieses Buch Beifall aus der falschen, nämlich der ganz rechten Ecke der nationalistischen Islamhasser bekommt, weil es deren Ressentiments gegenüber Muslimen zu bestätigen scheint. Das tut es allerdings gar nicht, sondern es betont, dass die geschilderten Probleme sich natürlich nicht auf alle Muslime, sondern nur auf die traditionellen Milieus beziehen. Gleichzeitig ist zu erwarten, dass das Buch vonseiten des linken oder auch liberalen Milieus als islamophob kritisiert werden könnte, weil es grundlegende Probleme offen benennt. Davor haben sich gerade Linke und Liberale aus Angst davor, in die rechte Ecke gestellt zu werden, bisher gerne gedrückt und damit einen umgekehrten Rassismus befördert. Es ist gut, dass die Herausgeberin und die Autoren diese Risiken auf sich genommen haben. Das Buch ist – auch wenn es nur ein Anfang sein kann – ein wichtiger Beitrag für den Kampf um die Menschenrechte aller Bürger. Auch und gerade die der muslimischen Bürger.

*Risiko 2
Es besteht die Gefahr, dass Leser denken könnten, die in dem Buch geschilderten Probleme seien exklusive Probleme von Muslimen. So etwas gäbe es außerhalb der muslimischen Community gar nicht. Weit gefehlt. Verklemmte Sexualmoral ist unter Anhängern anderer Religionen keineswegs unbekannt. Auch da gibt es erwachsene Männer, die ihre Langzeitverlobte nicht anrühren, weil sie daran glauben, dass Gott ihnen das verboten hätte, und dass es eine Sünde wäre, mit ihr vor der kirchlichen Hochzeit Geschlechtsverkehr zu haben. Wer meint, angesichts der verstaubten Moralvorstellungen der islamischen Traditionalisten auf einem hohen Ross sitzen zu müssen, der sollte ganz flink auf ein Mini-Shetlandpony umsatteln. So wurde der § 175 StGB, mit dem Homosexuelle strafrechtlich verfolgt wurden, in Deutschland erst 1994 aus dem Strafgesetz entfernt. Das Phänomen der kollektiven „Familienehre“ ist auch bei nichtmuslimischen Familien noch durchaus verbreitet, wenn auch meistens nicht mit der teilweise gruseligen Stringenz. Den Spruch „Was sollen die Leute denn über uns sagen?“ habe ich oft genug selbst noch in den 1970er-Jahren von meinen Eltern gehört, wenn ich meine Freundin über Nacht mit nach Hause bringen wollte. Das ist auch hier alles noch nicht so lange her.

Ganz gleich, welcher Prophet

Außerdem gibt es insbesondere ultrachristliche Kreise, die die strengen Moralvorstellungen der 1950er-Jahre gerne wieder zurück haben wollen. Denen schon die von Papst Franziskus angeregte Diskussion über die Sexualmoral in der katholischen Kirche ein Gräuel ist. Sex nur in der Ehe, sonst droht die Hölle, Hölle, Hölle.

Wer das nicht glauben möchte, kann ja mal z.B. bei Gloria.tv oder bei wahreliebewartet.de vorbeisurfen. Muss aber nicht sein. Was ich damit sagen wollte, ist nur, dass eine bestimmte restriktive und repressive Moral keine Spezialität des Islam ist. Es ist auch nicht grundsätzlich problematisch, wenn Religionsgemeinschaften ihre eigenen Moralvorstellungen haben, es wird nur dann problematisch, wenn dadurch Menschenrechtsverletzungen entstehen und gegen Strafgesetze verstoßen wird. Zwangsehen, Nötigungen, Körperverletzungen und Tötungen sind unter keinem Gesichtspunkt akzeptabel. Weder unter dem der Religion noch dem der Tradition.

Die Strafjustiz ist da erst zuständig, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Straftaten muss eine an Menschenrechten orientierte Gesellschaft nach Möglichkeit verhindern, ganz gleich, welcher Prophet da andere Regeln aufgestellt hat. Im Übrigen mag ja jeder glauben, was ihm so in den Sinn kommt. Und dagegen, dass jemand für sich selbst entscheidet, bestimmte Regeln einzuhalten – ohne die anderen aufzuzwingen –, spricht auch nichts.

Das Verhindern von Menschenrechtsverletzungen geht am besten durch Aufklärung und Bildung, durch Hinterfragen traditioneller Glaubens- und Moralvorstellungen und Schaffen einer echten Religionsfreiheit. Dass die im Grundgesetz verankert ist, hilft keinem Menschen, der aufgrund dieser vorsintflutlichen Ehrvorstellungen tatsächlich oder auch nur in einem familiären Überwachungsnetz eingesperrt ist. Daran etwas zu ändern, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, der nur derjenige gewachsen ist, der auch die aktuellen Hintergründe kennt.

Hier kann das kleine Buch mit seinen 96 Seiten eine wertvolle Hilfe für jeden Interessierten sein. Für Kindergärtner, Lehrer, Sozialarbeiter, Bewährungshelfer, Staatsanwälte, Rechtsanwälte, Jugendrichter und gerade auch Politiker (wer die jeweilige weibliche Bezeichnung vermisst, mag sie mitdenken) sollte es eine Pflichtlektüre sein. Und Nina Scholz sollte unbedingt an diesem Thema dranbleiben. Da geht noch mehr.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Heinrich Schmitz: Keine Macht dem Mob

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