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Das bisschen Inzest

Hatten Sie etwa schon mal die Idee, mit Ihrer Schwester oder Ihrem Bruder in die Kiste zu steigen? Dem Ethikrat zufolge muss das nicht anstößig sein. Der Politik hingegen stößt es sauer auf.

Da hat der Ethikrat aber mal für Aufsehen gesorgt. In seiner Stellungnahme zum Inzestverbot empfahl die Mehrheit des Deutschen Ethikrats am 24.9.2014 bezogen auf den Geschwisterinzest eine Revision des § 173 StGB. Lediglich 9 der 26 Mitglieder des Ethikrates formulierten eine abweichende Meinung.

Angesichts der tatsächlichen Bedeutung dieser Vorschrift – im Schnitt kommt es zu rund 10 Verurteilungen pro Jahr – kann man sich zwar durchaus fragen, ob der Ethikrat gerade nichts Besseres zu tun hatte, als sich zu diesem Zeitpunkt zu diesem Thema zu äußern. Andererseits zeigt die öffentliche Diskussion angesichts dieser Empfehlung, dass sowohl in der Politik als auch in der Öffentlichkeit offenbar ganz merkwürdige Vorstellungen über die Aufgaben des Strafrechts herrschen.

Sowohl das von Heiko Maas (SPD) geführte Justizministerium als auch Vertreter der CDU lehnten umgehend ab, der Empfehlung des Ethikrates zu folgen. Stephan Mayer, innenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, meinte gegenüber der „Bild“: „Die Empfehlung ist skandalös – Inzest unter Geschwistern und nahen Verwandten steht nicht ohne Grund unter Strafe.“ Es wird „gewettert“. Der familienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Marcus Weinberg, meinte, Kinder und Jugendliche müssten sich darauf verlassen können, „dass Sexualkontakte zwischen Eltern und Kindern sowie zwischen Geschwistern rechtlich verboten und gesellschaftlich geächtet sind“. Gerade diese Stellungnahme zeigt, dass die immerhin 91-seitige Stellungnahme des Ethikrates entweder nicht gelesen oder aber nicht richtig verstanden wurde.

Grund genug, sich das Ganze mal etwas genauer anzusehen.

Reflexion statt vorschneller Ablehnung

Sexualkontakte zwischen Eltern und Kindern oder Jugendlichen werden von der Empfehlung nämlich gar nicht erfasst und – da wird der familienpolitische Sprecher staunen – bei minderjährigen Geschwistern wird der einvernehmliche Geschlechtsverkehr auch heute nicht bestraft.

Wenigstens die Vorschrift, um die es geht, könnte man sich, bevor man vor die Presse tritt und Stellungnahmen abgibt, ja mal ansehen.

§ 173
Beischlaf zwischen Verwandten
(1) Wer mit einem leiblichen Abkömmling den Beischlaf vollzieht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Wer mit einem leiblichen Verwandten aufsteigender Linie den Beischlaf vollzieht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft; dies gilt auch dann, wenn das Verwandtschaftsverhältnis erloschen ist. Ebenso werden leibliche Geschwister bestraft, die miteinander den Beischlaf vollziehen.
(3) Abkömmlinge und Geschwister werden nicht nach dieser Vorschrift bestraft, wenn sie zur Zeit der Tat noch nicht achtzehn Jahre alt waren.

Da der Ethikrat lediglich empfahl, den Geschwisterinzest volljähriger Geschwister von der Strafbarkeit auszunehmen, ging diese Kritik komplett ins Leere. Macht aber nichts. Hauptsache, man hat mal was gesagt, von dem man annimmt, dass es die Mehrheit der Bürger gut findet.

Statt vorschneller Ablehnung wäre es allerdings seriöser, sich einmal ernsthaft mit der Empfehlung des Ethikrates auseinanderzusetzen. Dann könnte man ja immer noch anderer Meinung sein, diese aber vielleicht auch mit Argumenten unterfüttern.

Wie schon die Seltenheit der pro Jahr aufgefallenen Fälle belegt, ist der Geschwisterinzest ein gesellschaftliches Tabu. Hatten Sie etwa schon mal die Idee, mit Ihrer Schwester oder Ihrem Bruder in die Kiste zu steigen? Sehen Sie, ich auch nicht und die allermeisten anderen Menschen eben auch nicht. Es kommt ohnehin sehr selten vor, dass Menschen, die als Kinder zusammen aufgewachsen sind, als Erwachsene eine wechselseitige sexuelle Anziehung verspüren. Und das auch, wenn sie gar nicht miteinander verwandt sind. Inzestuöse Beziehungen sind sowohl in der Tier- als auch der Menschenwelt seltene Ausnahmen. In der Evolutionstheorie spricht man von einer Hypothese einer genetischen Verankerung der Inzestscheu. Macht ja auch Sinn.

Es ist ja auch nicht so, dass es in den vielen Ländern, in denen der Geschwisterinzest nicht unter Strafe steht (z.B. Argentinien, Belgien, Brasilien, Japan, Luxemburg, Niederlande, Portugal, Türkei), zu einer Schwemme von inzestuösen Geschwisterpaaren gekommen wäre. Dass für die meisten von uns alle Japaner gleich aussehen, hat damit garantiert nichts zu tun.

Nun gut, in Deutschland ist es eben zurzeit verboten. Das durfte der mittlerweile berühmte Patrick S., der 2005 vom Amtsgericht Leipzig zu einer zweieinhalbjährigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, am eigenen Leib erfahren. Sowohl das Bundesverfassungsgericht als auch der Europäische Gerichtshof hielten die Strafvorschrift für weder verfassungs- noch menschenrechtswidrig.

Das bedeutet nun aber nicht, dass der Gesetzgeber das nicht ändern könnte und der Geschwisterinzest zwingend verboten bleiben müsste.

Ein opferloser Delikt?

Strafgesetze dienen dem Schutz von Rechtsgütern. Beim Geschwisterinzest, der übrigens nur von Geschwistern unterschiedlichen Geschlechts begangen werden kann, weil der im Gesetz verwendete Begriff „Beischlaf“ eine Vereinigung von männlichen und weiblichen Geschlechtsteilen voraussetzt, ist es gar nicht so einfach, ein verletztes Rechtsgut zu erkennen. Es wird vielfach von einem opferlosen Delikt gesprochen.

Schwule Brüder und lesbische Schwestern haben also vom Gesetzgeber nichts zu befürchten. Schon merkwürdig, dass CDU und SPD diese Diskriminierung von Heterosexuellen gegenüber Homosexuellen nicht bemängeln. Außerdem muss es sich um leiblich verwandte Geschwister handeln. Zwei Adoptivgeschwister, die zwar rechtlich, aber nicht leiblich miteinander verwandt sind, können auch straflos miteinander schlafen. Da nur der Vaginalverkehr von Geschwistern unter Strafe steht, sind alle anderen Formen des Verkehrs wie Anal- oder Oralverkehr nicht verboten. Das Argument, die sexuelle Geschwisterliebe störe möglicherweise den familiären Zusammenhalt, kann daher nicht wirklich greifen. Auch hier wundert man sich wieder, dass gerade die CDU die Benachteiligung des Vaginalverkehrs gegenüber dem Analverkehr nicht rügt.

Das deutet allerdings darauf hin, dass es möglicherweise bei dem Verbot des Geschwisterinzests um die Abwehr von genetischen Schäden beim eventuell entstehenden Nachwuchs gehen könnte. Und ja, dass Inzuchtkinder ein erhöhtes Risiko von genetischen Schäden haben, ist richtig. Das kann man in einsamen Regionen mit langen Wintern oder bei manchen Mitgliedern des Hochadels auch heute gelegentlich noch sehen.

Nun gibt es allerdings auch für andere Risikoträger von Erbkrankheiten kein strafbewehrtes Verbot des Geschlechtsverkehrs oder der Vermehrung. Und gerade Vertreter der Union und der Kirchen forderten schon ein Verbot der pränatalen Diagnostik.

Irgendwie irre, oder?

Sexualität ist ein grundrechtlich geschützter Kernbereich der privaten Lebensführung. Es geht den Staat nichts an, was in den Betten oder auch auf den Teppichen oder Küchentischen seiner Bürger passiert, solange das unter erwachsenen, gleichberechtigten autonomen Partnern freiwillig und ohne Zwang oder Gewalt passiert.

Stellen Sie sich vor, zwei leibliche Geschwister, die im Säuglingsalter getrennt und jeweils von anderen Eltern adoptiert wurden, verlieben sich als Erwachsene ineinander und schlafen miteinander. Ja, Pilcher, werden Sie sagen, verbotene Liebe usw. Stimmt. Aber diese Fälle gibt es. Oder auch die Fälle, in denen Papa gerne mal ein Auswärtsspiel gemacht und neben seinen ehelichen Kindern auch ein paar außereheliche Fortpflanzungen vorgenommen hat, möglicherweise mit ebenfalls verheirateten Frauen, deren gehörnte Ehemänner sich als stolze Väter der Kinder wähnen. Die könnten sogar verheiratet sein und Kinder haben. In dem Moment, wo es durch einen Zufall herauskäme, dass sie Geschwister sind, würden sie sich mit jedem Geschlechtsverkehr strafbar machen. Die 17-jährigen Zwillinge, die am Vorabend des Tages, an dem sie 18 werden, kurz vor 24 Uhr straflosen Geschlechtsverkehr haben, müssten eine Sekunde vor Mitternacht damit aufhören, weil sie sich ab diesem Moment einer möglichen Freiheitsstrafe ausgesetzt sähen. Irgendwie irre, oder?

Vielleicht lesen unsere schnell ablehnenden Politiker mal die Stellungnahme des Ethikrates ohne moralinsauren Schaum vor dem Mund. Dann könnten sie erkennen, dass die dort dargestellte Mehrheitsmeinung sehr gut begründet ist und die Streichung des § 173 Abs. 2 Satz 2 StGB keinen Schaden anrichten würde.

Oder glauben Sie, auch nur ein Mensch käme wegen einer Aufhebung des Verbotes auf die Idee, sein Sexualverhalten zu ändern?

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Heinrich Schmitz: Keine Macht dem Mob

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