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Mensch, Verstand!

Wer mit dem „gesunden Menschenverstand“ argumentiert, bedient sich in Wirklichkeit nur einer Scheinargumentation. Denn die Irrenden sind immer die Anderen.

Wissen Sie, was Wladimir Putin, Angela Merkel, Konrad Adenauer, Bernd Lucke, Henryk M. Broder, Klaus Kelle und viele andere völlig unterschiedliche Menschen gemeinsam haben? Auf den ersten Blick fällt Ihnen dazu vermutlich nicht viel ein. Aber in einem Punkt stimmen sie zu 100 Prozent überein. Sie berufen sich bei den von ihnen vertretenen Behauptungen, Meinungen und Ansichten gerne auf den „gesunden Menschenverstand“.

Der gesunde Menschenverstand war schon immer ein beliebtes Argumentationsmittel. In vielen politischen Reden, aber auch in privaten Diskussionen. „Ich bin zwar kein Jurist, aber das sagt einem ja schon der gesunde Menschenverstand, dass der Mann die Frau umgebracht hat.“ Oder: „Ich bin zwar kein Pädagoge, aber dass das mit der Inklusion nicht funktionieren kann, sagt einem schon der gesunde Menschenverstand.“

Der gesunde Menschenverstand sagt gerne was, manchmal mahnt er auch oder er fordert sogar. Der muss schwer aktiv sein, der Gute.

Jeder meint, er habe ihn

Das Blöde an diesem eifrigen Ratgeber ist allerdings, dass er mit sich selbst nicht so einig zu sein scheint, was denn nun richtig ist und was falsch. Wenn er für alle – auch völlig gegensätzliche – Positionen in Anspruch genommen werden kann, dann muss er zwangsläufig irgendwo völlig daneben liegen. Ja, wird jemand, der von seinem persönlichen gesunden Menschenverstand schwärmt, nun einwenden, nicht ich, die anderen irren alle. Das ist ja das verrückte an dem Phänomen. Jeder meint, er habe diesen gesunden Menschenverstand. Dann muss ja zwingend derjenige der Andersdenkenden krank oder auch ungesund sein. Wer für sich den gesunden Menschenverstand heranzieht, spricht die Wahrheit. Punkt. Das macht den Begriff so sexy, aber auch so gefährlich – falls er auf fruchtbaren Boden fällt.

Die monströsesten Verbrechen wurden mit „gesundem Menschenverstand“ begründet. Wer hätte denn Rudolf Hess bei seiner Rede in Stockholm am 14.5.1935 widersprochen, wo er sagte:

„Eine spätere Geschichtsschreibung wird anerkennen, was Hitler für die Konsolidierung nicht nur der deutschen, sondern auch der europäischen Verhältnisse dadurch getan hat, daß er einen ebenso entschiedenen, wie klaren Weg der deutschen Politik einschlug und daß er vor aller Welt aussprach, was ist.
So wie in der Innenpolitik Deutschlands hat er auch in der Außenpolitik den gesunden Menschenverstand ausschlaggebend zur Geltung gebracht. Für Deutschland hat Adolf Hitler durch Taten dieses gesunden Menschenverstandes die Gesundung gebracht. Ich bin der Überzeugung, daß er auch in der Außenpolitik durch die Anwendung des gleichen Prinzips klarere und gesündere Verhältnisse schafft, die helfen werden, der Welt diese notwendige Beruhigung zu bringen.“

Das hat dann prima geklappt, diese Beruhigung der Welt.

Wie man in dieser Rede sehen kann, ist der „gesunde Menschenverstand“ der Zwillingsbruder des „gesunden Volksempfindens“, der es sogar mal bis ins Strafgesetzbuch geschafft hatte. 1935 lautete § 2 StGB auf einmal: „Bestraft wird, wer eine Tat begeht, die das Gesetz für strafbar erklärt oder die nach dem Grundgedanken eines Strafgesetzes und nach gesundem Volksempfinden Bestrafung verdient.“ Die Interpretation dessen, was dann auf gesundem Menschenverstand beruhendes gesundes Volksempfinden ist, unternahm dann eine von Freisler angefeuerte Unrechtsjustiz, die im Namen des Führers mit gutem Gewissen,„freudig und pflichtgetreu“, in grauenerregender Weise Unrecht sprachen.

Ein verbaler Geschmacksverstärker.

Die Verwendung des Begriffs „gesunder Menschenverstand“ in einer Debatte ist mir schon aus diesem Grund immer etwas unheimlich. Auch, wenn er von einem Menschen wie Klaus Kelle, der in brauner Hinsicht völlig unverdächtig ist, verwendet wird. Das sagt mir mein gesunder … Nein, natürlich nicht. Ich käme niemals auf die Idee, diesen Begriff für mich zu verwenden. Natürlich wird ein Wort nicht deshalb zum Unwort, weil es von den Nazis missbraucht wurde. Natürlich gab es den Begriff schon früher, seit dem 18. Jahrhundert, und selbstverständlich darf jeder der mag ihn auch verwenden. Wird auch gemacht. Von allen möglichen Menschen. Muss aber auch nicht sein.

Als Beleg für die Richtigkeit einer Aussage taugt er ebenso wenig wie die Berufung auf göttliche Eingebung oder Meinungsumfragen. Was glauben Sie, was Ihnen der gesunde Menschenverstand oder das ebensolche Volksempfinden im Mittelalter erzählt hätten, wenn Sie auf die abstruse Idee gekommen wären, dass die Erde sich um die Sonne dreht? So ein Unfug. Sie wären wahlweise als Ketzer oder als Vollidiot angesehen worden.

Goethe meinte: „Des Menschenverstandes angewiesenes Gebiet und Erbteil ist der Bezirk des Tuns und Handelns. Tätig wird er sich selten verirren; das höhere Denken, Schließen und Urteilen jedoch ist nicht seine Sache.“ Und da ist was dran.

Wer keine besseren Argumente für eine Behauptung als den gesunden Menschenverstand hat, kann mir gestohlen bleiben. Ich empfinde das als Scheinargumentation und Propagandamittel, nicht als etwas, was Bedeutung hätte. Der gesunde Menschenverstand ist nichts anderes als ein verbaler Geschmacksverstärker. Weil „meiner Meinung nach“, „nach meinem Gefühl, meinem Geschmack, meiner Ansicht nach“ zu schwach klingt?

Da lag er mal wieder voll daneben

Gerade in der öffentlichen Diskussion von Ermittlungs- und Strafverfahren ersetzt der „gesunde Menschenverstand“ gerne mal gerichtsfeste Beweise. Der berühmte Hundewerfer von Düsseldorf, dem die „Dogmen“ mit ihrem gesunden Menschenverstand mindestens ein Lebenslang wünschten), wurde übrigens freigesprochen.
Da lag der gesunde Menschenverstand mal wieder voll daneben. Seine Anhänger werden – auch ohne in der Sitzung gewesen zu sein – behaupten, das Urteil sei falsch. Im gesunden Menschenverstand bringen sich Vorurteile und Ressentiments schnell zum Höhepunkt und zeugen mitunter seltsame Schimären. Ob Chemtrails, Reichsflugscheiben, Aluhut oder sonstige wildeste Verschwörungstheorien, alles wird mit gesundem Menschenverstand ebenso begründet wie verlacht.

Der Schritt vom ernsthaft so empfundenen gesunden Menschenverstand zum Niedermachen anderer Meinungen und anderer Menschen ist so klein, weil der Gesunde sich ja im Besitz der einen Wahrheit befindet, die niemand der bei Verstand ist leugnen kann. Die Irren und die Irrenden sind immer die anderen. Auf der einen wie auf der anderen Seite.

Der gesunde Menschenverstand hat – wusste mal wieder keiner (eine Redensart des kürzlich verstorbenen Dr. Axel Stoll, eines der unterhaltsamsten Neuschwabenländers) – in Deutschland sogar eine eigene Partei. Nein, nicht die AfD, sondern die „Partei gesunder Menschenverstand Deutschland“. Kannte ich gar nicht. Hätte die wirklich den Heil und Gewissheit bringenden gesunden Menschenverstand, dann hätte sie wohl ein paar Stimmen bekommen. Hat sie aber nicht. Der Wähler ist halt doof. Oder sein Menschenverstand hat ein Update bekommen.

Den Ursprung des gesunden Menschenverstandes hat Albert Einstein so beschrieben: „Der gesunde Menschenverstand ist die Summe aller Vorurteile, die sich bis zum 18. Lebensjahr im Bewusstsein festgesetzt haben“. Ob das nun genau so richtig ist, weiß ich nicht, aber es klingt nicht übel.

Karl Marx nannte den gesunden Menschenverstand eine „Form historischer Dummheit“ und ein „Instrument der herrschenden Klasse“.

Den katholischen Freunden des vermeintlich gesunden Menschenverstandes, zu denen ich auch den guten Klaus Kelle zähle, der sogar „Bahn frei für gesunden Menschenverstand und ein bisschen mehr Freiheit!“ zu seinem Blog-Motto ausgegeben hat, gebe ich noch ein Zitat von Papst Franziskus mit auf den Weg: „Der Herr befreie uns von der Versuchung des gesunden Menschenverstands.“

Da kann ich mich nur anschließen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Heinrich Schmitz: Keine Macht dem Mob

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