Pornografie gibt es bereits, seit der erste Höhlenmensch anzügliche Bilder an die Höhlenwand malte. Cindy Gallop

Schöne neue Welt?

Das Sat.1-Experiment „Newtopia“ läuft jetzt seit hundert Tagen. Zwischenbilanz eines bekennenden Trash-TV-Sehers.

Kennen Sie Candy, auch Biber gescholten? Vati, Diellza? Nein? Vielleicht auch besser so. Das sind Pioniere. Also jetzt keine echten Pioniere, die etwas entdecken, einen neuen Planeten oder auch nur ein neu gefundenes Eiland besiedeln. Mehr so etwas wie Freiluft-Big-Brother-Teilnehmer. Das Format heißt „Newtopia“ und läuft im Vorabendprogramm bei Sat.1.

Als bekennender Trash-TV-Seher, und seit Rainer Langhans im Dschungelcamp war, auch Mitglied einer schon legendären geheimen Facebookgruppe, musste ich das also sehen.

Angeblich sollten 15 Pioniere eine neue Gesellschaftsform auf einem Stück Land in Brandenburg entwickeln.

„15 Pioniere haben die Möglichkeit, ihre eigene, vielleicht bessere Welt zu erschaffen. Am Anfang gibt es nichts: keine Gesetze und keine Regeln.“ (Newtopia.de)

Das interessierte mich mal ganz unabhängig vom reinen Unterhaltungs- und Entspannungsaspekt. Wie regeln 15 Menschen, die für längere Zeit auf mehr oder weniger engem Raum zusammenleben müssen, ihre Gesellschaft?

Jetzt sind etwas mehr als hundert Tage rum. Zeit für eine Zwischenbilanz.

Bisher ist von einer Struktur oder gar einer neuen, besseren Welt nichts zu bemerken. Das Startkapital von 5000 Euro war schnell ausgegeben, nach welchen Kriterien, blieb eher schleierhaft. Neben diesem Geld bekamen die Teilnehmer zwei Kühe, 25 Hühner und ein Handy mit 25 Euro Startguthaben. Weil diese Anfangsfinanzierung schnell verplempert war, mussten die „Pioniere“ wohl oder übel die Gesetze der „alten“ kapitalistischen Welt übernehmen und Geld verdienen. Die Ideen waren dazu bisher eher bescheiden. Die Produktion von Holzkisten in limitierter Auflage war zwar eine brauchbare Idee, die Preiskalkulation allerdings eine mittlere Katastrophe. Und das, obwohl sich zwei „Manager“, ein nörgeliger Key Account Manager Derk und ein schleimiger Privat Jet Broker Peymen – ja der heißt wirklich so, hat den Laden aber schon verlassen – um die Finanzen der Gruppe kümmern. Dazu musste natürlich erst mal ein Laptop her. Vielleicht hätte es auch eine Kladde getan.

Autonomes Candyland und deutsche Gesetze

Wäre es nach besagtem Candy gegangen, dann wäre – außer Massen von Kaffee – vermutlich gar nichts gekauft worden. Konsum ist nicht sein Ding. Dieser ewige Student aus Berlin – Politologie, Philosophie, ich weiß es nicht genau – und Fan der freien Liebe, schien als Einziger das „Experiment“ ernst nehmen zu wollen, zog sich aber, als er merkte, dass der Rest der neuen Gesellschaft schlicht in der alten Gesellschaftsordnung verharrte, in einen alten Bauwagen zurück, in dem er sein autonomes Candyland installierte. Wäre ein sympathischer Ansatz gewesen, wenn er nicht der Restgruppe den Kaffee und die Lebensmittel weggetrunken beziehungsweise -gegessen hätte und eher eine Art Schmarotzerphilosophie verfolgte. Außerdem neigte er zu verbalen Totalausfällen gegenüber weiblichen Teilnehmern, die er bevorzugt als „Fotzen“ bezeichnete.

Dass diese neue Gesellschaft nicht mal auf ihrem kleinen Grundstück eigene Regeln aufstellen kann, selbst wenn sie dazu mal gemeinschaftlich den Arsch hoch bekäme, merkten die Teilnehmer schnell. Plötzlich stand ein freundlich, aber bestimmt auftretender Bürgermeister auf dem Gelände und untersagte dem bekennenden Wald- und Wildpinkler Candy das Urinieren im Freien. Ansonsten wurde ein Ordnungsgeld angedroht.

Tja, so ist das nun mal. Weder die Reichsbürger noch die Newtopia-Pioniere können auf dem Staatsgebiet der Bundesrepublik Deutschland ihre eigenen Gesetze machen. Da gelten eben die deutschen Gesetze. Ohne Ausnahme.

Boykottversuch und Massenexodus

Deshalb müssen auch zu jedem „Event“ – selbst die überflüssigen Anglizismen müssen wohl überall in der schönen neuen Welt dabei sein – Dixi-Klos aufgestellt werden, und wenn eine Imbissbude gebaut werden soll, gelten die üblichen Hygiene-Vorschriften.

Der recht sympathische Boykott-Versuch der Pioniere bezüglich einer monatlichen Nominierung mit anschließendem Rauswurf für einen von ihnen scheiterte nach vollmundigen Solidaritätsbekundungen kläglich am Produzenten des Formats, der auf der Einhaltung der vertraglichen Regelungen bestand. Es folgte ein Massenexodus. Dabei wäre dieser Minderheitenschutz für Unangepasste und eigentlich gruppenuntaugliche Pioniere ein erster Schritt gegen die Ausgrenzungsgesellschaft gewesen. Chance vertan.

Danach kamen neue Bewohner, die ganz ersichtlich nach dem Unterhaltungswert ausgesucht wurden. Ein homophober Bodybuilder Yasin, der Homosexualität für eine Art Downsyndrom hält und meint: „Einen Anführer braucht jeder Mensch und ich stelle mich gern zur Verfügung“, eine passionierte Jägerin in einem vegan angehauchten „Ach-die-armen-Tiere“- Umfeld. Nachdem der Mister Weiß-der-Teufel-was deutlich gemacht hatte, dass er nicht „angeschwult“ werden will, kam natürlich ein netter Schwuler zu der Gruppe. Ein Schelm, wer da Absicht hinter vermutet. Es fehlt jetzt noch eine nymphomane Prostituierte, die für 1000 Euro die Nacht im ehemaligen Candyland Freier empfängt oder ein Transgendermensch. Oder Ronald Pofalla, der alles beendet.

Und dann, nachdem er wegen einer im Suff erfolgten körperlichen Auseinandersetzung und erneutem Fotzen-Geschrei aus dem Camp geflogen war, kam auch Candy-Man wieder. Sein Candyland ist jetzt eine Übernachtungsmöglichkeit für Tagestouristen (150 Euro für zwei Personen) und seine Beliebtheit bei den Zuschauern, die „16. Pionier“ genannt werden, wohl größer als bei den anderen 15 Pionieren.

Personell und materiell gähnende Leere

Okay. Jetzt kann man das als reine Unterhaltungssendung betrachten, bei der von der Produktion Menschen aufeinandergehetzt werden, die sich im realen Leben eher aus dem Weg gingen. Dschungelcamp ohne Challenge. Vielleicht ganz unterhaltsam, aber mangels ekliger Aufgaben und guter Texter wie Micky Beisenherz um Klassen weniger lustig als der echte Dschungel.

Für den angekündigten Aufbau einer Gesellschaftsalternative fehlen alle Voraussetzungen. Personell und materiell herrscht da gähnende Leere.

Die Pioniere können nun einmal bestehende Gesetze nicht aufheben und zum Beispiel Körperstrafen für Regelverstöße einführen. Sie können auch bestehende Strafgesetze nicht außer Kraft setzen. Sie können nicht mal ungestraft in den Wald kacken. Die werden noch ganz schön blöd gucken, wenn das Finanzamt von ihnen die erste Steuererklärung für ihre diversen Handelsgeschäfte sehen will. Vielleicht sind sie dann noch vor Griechenland pleite. Trotzdem kommen sie nicht aus der EU und nicht mal aus Deutschland raus.

Sie sind auf das bestehende System angewiesen und vertraglich gebunden. Und sie können keine eigenen Gesetze erlassen. Selbst wenn es nur interne Regeln wären, fehlt es an einem wesentlichen Element, der Sanktionsmöglichkeit. Was auch immer die Mehrheit – und es scheint sich um ein am Mehrheitsprinzip orientiertes Modell zu handeln, was die Pioniere da praktizieren – beschließt, sie können nichts machen, wenn jemand gegen die Regeln verstößt. Jedes Gesetz, das eine Wirkung haben soll, benötigt die Kombination aus Tatbestand und Rechtsfolge, vereinfacht ein Wenn-Dann.

Ich habe mir als 16. Pionier schon mal ein praktikables Newtopia-Gesetz gebastelt, das auch noch funktioniert: Wenn da innerhalb der nächsten vier Wochen keine Struktur reinkommt, dann gucke ich das einfach nicht mehr.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Heinrich Schmitz: Keine Macht dem Mob

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