Das Netz hat die Spielregeln verändert. Zeynep Tufekci

MC Hetzer?

Ein deutscher Facebook-Promi beleidigt die GDL im Internet aufs Schärfste. 27.000 Menschen gefällt das. Liegt das nur am Tabubruch?

Jan Leyk macht Musik. Jan Leyk verkauft Kleidung. Jan Leyk war mal so etwas wie ein Schauspieler. Jan Leyk war mal im Promi-Big-Brother-Haus. In all diesen Rollen war Jan Leyk mehr oder weniger erfolgreich. Die Rolle seines Lebens hat er aber wohl bei Facebook gefunden.

Mit dem Namen Leyk ist man natürlich für eine Facebook-Karriere prädestiniert. Das Like ist die Währung von Facebook. Von Like zu Leyk ist der Weg nicht weit. Aktuell verfügt er über 1,1 Millionen Facebook-Fans und damit über ein paar mehr als Angela Merkel und nur ein paar weniger als Helene Fischer. Dass er diese Fans im Gegensatz zu Fischer nicht über die Verkäufe seiner Musik erzielt, verrät ein Blick in die Verkaufscharts. Macht aber ja nichts. Der Mann hat diese Fans nun mal. Das sei ihm gegönnt.

Vermutlich beruht dieser Erfolg darauf, dass Leyk seine FB-Seite unter anderem zu hemmungsloser Hetze gegen alles und jeden nutzt.

Im März äußerte er sich zum Ausgang des Edathy-Verfahren:

„Ich hoffe, dass dieser perverse Bastard an jedem Ort auf diesem Planeten bespuckt und mit Steinen beworfen wird…..!!!“

und kündigte an:

„Mein Angebot an den Kinderschutzbund: Ich spende das doppelte von der lächerlichen Strafe Edathys, also 10.000€, wenn ihr dieses beschmutzte Geld eines so erbärmlichen Mannes ablehnt!!!“

Das sind die Sätze, wie sie die vereinigten Hater unter seinen Fans lieben. Dagegen sieht selbst Akif Pirinçci mit seiner bildreichen Sprache wie ein lieber Onkel aus. Gut, er hat Wort gehalten und die Spende gemacht. Ob der Kinderschutzbund sein „sauberes“ Geld in Kenntnis seiner eigenen Verhaltensweisen angenommen hat, weiß ich nicht.

Was Gabriel nicht versteht, versteht auch Leyk nicht

Aktuell hat Leyk sich nun die GDL und deren Vorsitzenden Weselsky vorgeknöpft. Es ist ja nicht schlimm, dass Leyk nicht versteht, dass der rechtmäßige Streik der GDL für deren Überleben notwendig und auch für die Rechte anderer kleiner Gewerkschaften wichtig ist. Da schwimmt er mitten im gesellschaftlichen und medialen Hauptstrom. Das scheint ja sogar der Vorsitzende der früheren Arbeiterpartei SPD nicht zu verstehen, der meinte, der Streik sei für Außenstehende kaum noch nachvollziehbar.

Dass er als Teil der GroKo mit dem beabsichtigten Tarifeinheitsgesetz nicht nur diesen, sondern vermutlich noch viele andere Streiks absolut notwendig gemacht hat, scheint er ebenfalls nicht zu verstehen. Und wenn Gabriel schon nicht versteht, dass die GDL und ihr Chef hier für die Koalitionsfreiheit und das Grundrecht auf Streiks auch für kleine nicht im DGB organisierte Gewerkschaften, also für die Grundrechte von allen organisierten Arbeitnehmern antreten, warum sollte ein Leyk das verstehen. Der sieht nur die stehenden Züge und eine neue Gelegenheit, sich bei seinen Fans beliebt zu machen. Das ist nach dem Zuckerberg’schen Theorem, „Ich werde geliked, also bin ich“, grundsätzlich legitim.

Viel mehr Beleidigung ist kaum vorstellbar

Sein Pamphlet vom 3. Mai 2015 beginnt mit der Anrede

„Liebe GDL, Liebe Lokführer, Lieber Herr Hitl**…..ähhhhh Weselsky“

Und dann legt er los, als wären ihm drohende Strafanzeigen und Schmerzensgeldzahlung völlig egal bzw. als wäre er darauf erpicht, sich erneut strafbar zu machen. Vielleicht zählen Verurteilungen ja in seinem Milieu als Auszeichnungen:

„Habt ihr verpimmelten Vollspasstis so dermaßen viel Langeweile, dass ihr nichts besseres zu tun habt, als eurer kurzbartschnäuzertragenden Osteunuche seinen egozentrischen Kurzgliedwanderweg zu pflastern???“

Da könnte Herr Weselsky mit einer Strafanzeige wegen Beleidigung schnell für ein neues Ermittlungsverfahren gegen Leyk sorgen und sich zivilrechtlich einige Euro an Schmerzensgeld verdienen. Viel mehr Beleidigung ist kaum vorstellbar.

Die Gewerkschaftsmitglieder selbst werden als „hirnlose Analritter“ bezeichnet:

„Aber anstatt einfach glücklich damit zu sein, dass man mit Luft im Kopf trotzdem in der Lage ist an der Gesellschaft teilzunehmen, müsst ihr Analritter jetzt zum wievieltem mal streiken????“

und aufs Übelste beschimpft:

„Ihr unter Alkohol entstandenen Fi**fehler seit einfach nur ein faules, undankbares Halbzeller Pack, dass nichts anderes verdient hat als HARTZ Drölf und eine Sozialabsteige in der ihr euch alle gegenseitig die Poperze auslecken könnt, da die finanziellen Mittel für Toilettenpapier vom Staat gekürzt worden sind….!!!“

und am Ende aufgefordert, sich kollektiv umzubringen:

„Setzt euch alle gleichzeitig in eine langen Zug wo jedermann Platz findet und fahrt einfach in irgendeine Richtung die gerade auf Grund von Brückenbau gesperrt ist!!!!
Reservierungskosten gehen auf mich!!!“

Dass der Rechtschreibgott ihm bei der Verteilung der Satzzeichen zu viele Frage- und Ausrufezeichen, dafür aber zu wenige Kommata gegeben hat – geschenkt.

Ob das nun eine strafbare Volksverhetzung der GDL-Mitglieder oder nur eine Beleidigung Weselskys ist, wird wohl ein Ermittlungsverfahren klären. Das muss nicht zwingend so sein, weil das Grundrecht der Meinungsfreiheit recht weit geht und auch drastische Worte unter bestimmten Umständen schützen kann. Bei der Beleidigung Weselskys wüsste ich allerdings nicht, mit welcher Auslegung Leyk sich da noch herauswinden könnte. Gerade wer schon mit der Strafjustiz zu tun hatte, sollte vielleicht den Ball mal etwas flacher halten. Da dürfte schon eine Verurteilung drin sein. Aber das soll hier dieses Mal gar nicht das Thema sein.

One-Man-Pegida

Viel spannender scheint mir die Frage, was über eine Million Menschen dazu veranlasst, sich einem derartigen Hassprediger als Fans anzuschließen. Betrachten die den als ihr persönliches Sprachrohr, als einen mutigen Kämpfer für das Gute, als einen, der sich traut, auszusprechen, was viele denken? Ist Leyk eine One-Man-Pegida? Denken also viele nur noch im Hassmodus?

Soll das eine neue Kunstform sein, andere Menschen verbal niederzumachen? Eine Art Proll-Rappen ohne Musik? Oder finden die „Fans“ das einfach nur lustig, wie Leyk sich selbst blamiert?

Ist der Leyk wirklich so primitiv oder spielt er geschickt den Primitiven für seine Likes? Dieser Hasstext über die GDL und Weselsky sammelte bis Donnerstag locker über 27.000 Likes ein und wurde fast 3.000 Mal geteilt. Das ist zwar bei über 1 Million Fans relativ wenig, aber immerhin kündigen ihm diejenigen, denen das vielleicht nicht gefällt, nicht die Fanfreundschaft. Warum? Was fasziniert Menschen daran?

Ist es der „Er hat Penis gesagt“-Effekt aus dem Kindergarten? Alle kichern und freuen sich über den Regelverstoß? Kann sein. Oder steckt da doch mehr dahinter?

Ist es so, wie Alexander Wallasch einmal mutmaßte, dass diese Internethasskommentatoren im realen Leben völlig harmlose Zeitgenossen sind? Wird da nur ein Ventil für das dampfende Hirn geöffnet, aus dem die heiße Luft relativ unschädlich entweichen kann? Oder ist dieser, durch die asozialen Hetzwerke millionenfach verbreitete verbale Hass, nur eine Vorstufe von ganz realer Gewalt gegen die Gedissten? Was wäre denn, wenn gewaltbereite Dumpfköpfe unter den Leykern diese Verbalattacken zum Anlass nähmen, echte Gewalt auszuüben? Sagt Leyk dann: „Oh das tut mir aber leid, war doch nur Spaß“, oder übernimmt er dann stolz die Kosten der Verteidigung seines durchgeknallten, von ihm aufgehetzten Fans? Macht er sich überhaupt Gedanken darüber, dass er vielleicht für viele RTLII-Geschädigte ein Vorbild sein könnte?

Facebook’sches Like-Gift

Ist das „nur“ eine neue entfesselte Diskussionskultur im Internet oder ein Vorgeschmack darauf, wie es in Zukunft auf den Straßen zugeht? Leyk ist ja nicht alleine mit dieser Hassrhetorik, er ist nur der bekannteste Y-Promi (seine eigenen Worte), der so vom Leder zieht. Bei Leyk persönlich scheinen sich ja Worte und Taten im Einklang zu befinden. Seine Aggressionen scheinen nicht auf Verbalattacken bei Facebook beschränkt zu sein. Oft hat er Hals. Vielleicht machen ihn ja gerade die Vorstrafen bei seinen Fans so beliebt wie Lutz Bachmann bei den Pegidas.

Nun ist es zwar grundsätzlich positiv, wenn Vorbestrafte einen Weg zurück in die Gesellschaft finden und sich aktiv am gesellschaftlichen Diskurs beteiligen. Es ist auch schön, wenn sie eine Arbeit finden und damit Erfolg haben. Ich sehe allerdings die Gefahr, dass Menschen wie Leyk sich an der zweifelhaften Popularität derart aufgeilen, dass sie immer stärkere Dosen des Facebook’schen Like-Giftes benötigen und damit dann irgendwann wieder die Justiz beschäftigen.

Wenn Wallasch meint, Facebook sei etwas Ähnliches wie es früher der Stammtisch in der Kneipe war, bedeutet das nicht zwingend, dass diese Hasstiraden völlig ungefährlich wären. Manches Unheil hat aus einer Kneipe heraus seinen Lauf genommen. Ich bin gespannt, ob und wann sich Leyk einer Partei anschließt oder gleich selbst eine gründet, oder ob es ihm auf Dauer genügt, MC Hetzer zu sein.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Heinrich Schmitz: Keine Macht dem Mob

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