Wir können eine Menge von China lernen. Dmitri Medwedew

„Die NBA reizt mich nicht“

Heiko Schaffartzik, Point Guard beim Basketball-Giganten Alba Berlin, gilt als einer der besten deutschen Spieler. Mit Alexandra Schade spricht er über den Unterschied zwischen deutschem und amerikanischem Basketball, seine Heimatstadt Berlin und die Meisterschaft 2012.

The European: Warum spielen Sie so gerne Basketball, dass Sie es zu Ihrem Beruf gemacht haben? Warum ist das der beste Beruf der Welt?
Schaffartzik: Ich kann schwer sagen, ob es der beste Beruf der Welt ist, weil ich noch keinen anderen Beruf ausgeübt habe. Basketball war etwas, was ich gerne gemacht habe, seitdem ich ungefähr vier Jahre alt war. Es ist ein Klischee, aber bei mir war es wirklich so: Ich konnte mein Hobby zum Beruf machen.

The European: Dennoch ist Basketball in Deutschland noch immer eine Randsportart und wenig präsent. Woran liegt das?
Schaffartzik: Alle anderen Sportarten in Deutschland zusammen stehen im Schatten von Fußball. Das wird sich wahrscheinlich auch niemals ändern. Die andere Sache ist, dass es den Verantwortlichen bis jetzt noch nicht gelungen ist, Basketball als Fernsehsportart bekannt zu machen. Das fehlt noch, damit Basketball aus der Randsportartenwelt heraustritt.

„Die jungen Spieler gehen neben Nowitzki unter“

The European: Dirk Nowitzki hingegen kennt fast jedes Kind. Ist das aus Ihrer Sicht eher ein Fluch oder ein Segen, was den Basketball in Deutschland betrifft?
Schaffartzik: Ich glaube, es ist beides gleichzeitig. Es ist einerseits ein großer Segen, weil sich dadurch Menschen mit Basketball identifizieren und beschäftigen, die ansonsten niemals etwas damit zu tun haben würden. Andererseits ist es ein Fluch, weil zum Beispiel weniger auf die Jugend achtgegeben wird. Man muss sich nur einmal die letzte EM anschauen. Da hatten wir echt ziemlich großes Potenzial, auch von den jungen Spielern her. Und das ist alles so ein bisschen untergegangen, weil eben Dirk Nowitzki dabei war.

The European: Ab der nächsten Saison wird die Deutschenquote in der Liga erhöht; sechs von zwölf Spielern müssen dann Deutsche sein. Einerseits haben Quoten immer einen negativen Beigeschmack, andererseits werden Sie als deutscher Basketballer vermutlich bis zum Ende Ihrer Karriere nicht mehr arbeitslos. Wie stehen Sie zu dieser Regelung?
Schaffartzik: Ich glaube, es ist ein notwendiger Schritt. Es ist einerseits notwendig für die Deutschen, dass sie gefördert werden und dass die jungen Spieler spielen müssen. Andererseits ist es auch wichtig für die deutsche Basketballliga. Man braucht sich nur mal die Euroleague oder den Eurocup anzuschauen – da fliegen die deutschen Mannschaften regelmäßig in der ersten Runde raus. Die kriegen immer auf die Fresse. Der Unterschied ist, dass die Mannschaften aus den anderen Ländern eher europäischen Basketball spielen. Auch aus diesem Grund ist es meiner Ansicht nach wichtig, dass so eine Reformierung eintritt – damit die BBL eine Chance hat, sich international durchzusetzen. Denn der Anspruch dieser Beko BBL ist es ja, bis 2020 die beste Liga in Europa zu sein. Das ist halt schwer, wenn man immer in der ersten Runde rausfliegt.

The European: Sie haben gesagt, dass die anderen Mannschaften europäischen Basketball spielen. Was ist das und was wird dann in der BBL gespielt?
Schaffartzik: Beim europäischen Basketball ist alles eher auf Team-Basketball ausgerichtet. Der Ball wird viel mehr von einer Seite zur anderen bewegt und in der Verteidigung arbeiten alle mehr zusammen. Beim amerikanischen Basketball gibt es die Tendenz, dass vier Leute draußen stehen und dabei zugucken, wie einer eins gegen eins gegen einen anderen spielt. Das ist so ein bisschen die Sache, die passiert, wenn zu viele Amerikaner in einer Mannschaft sind.

The European: Warum ändert man das dann nicht? Das Problem ist ja offensichtlich bekannt. Dann könnte man sich ja darauf einstellen.
Schaffartzik: Ja, aber das ist nicht so leicht. Einerseits ist es einfach so, dass amerikanische Spieler im Durchschnitt wesentlich talentierter sind als europäische Spieler. Die können mehr mit dem Ball, sind athletischer, können besser werfen etc. Man muss irgendwie versuchen, einen Mittelweg zu finden und es ist immer ein sehr schmaler Grat, auf dem man sich bewegt; einerseits will man, dass die europäisch spielen, aber andererseits will man nicht, dass diese individuellen Fähigkeiten untergehen.

„Ich habe vor Jahren aufgehört zu lesen, was Leute über mich im Internet schreiben“

The European: Zurück zur Quote: Glauben Sie, dass diese auch der Nationalmannschaft Auftrieb gibt?
Schaffartzik: Ich gehe davon aus. Es ist eine Sache, dass mehr Leute spielen müssen, aber es ist auch immer eine Sache, was für eine Rolle diese Deutschen innerhalb der Nationalmannschaft spielen. Das ist in der Vergangenheit ein großes Problem gewesen. Da hat man im Sommer zwölf Spieler versammelt, die es alle gewohnt waren, in ihren jeweiligen Vereinen Rollenspieler zu sein. Dann war das Problem: Wer soll jetzt die Punkte machen? Wer soll die Verantwortung übernehmen? Zum Glück hatte man Dirk Nowitzki, der die Kohlen aus dem Feuer geholt hat.

The European: Wenn sich keiner traute, dann war Dirk ja noch da. So sah es zumindest im Fernsehen aus.
Schaffartzik: Ja, das ist so. Das ist auch ein Teil von Segen und Fluch, wovon wir vorhin gesprochen haben. Einerseits ist es wunderbar für den deutschen Basketball, dass wir so einen Spieler haben, der das macht. Andererseits ist es natürlich so, dass die anderen Spieler dann niemals lernen, Verantwortung zu übernehmen.

The European: Gerade nach Niederlagen hagelt es im Internet oft derbe Kritik. Lesen Sie so etwas?
Schaffartzik: Nee, das interessiert mich nicht. Ich habe schon vor ein paar Jahren aufgehört, mich mit dem zu beschäftigen, was Menschen im Internet schreiben und als ihre persönliche Meinung darstellen.

The European: Wie ist das eigentlich in der Halle? Der Fanblock schreit und trommelt während des gesamten Spiels. Bekommen Sie davon etwas mit?
Schaffartzik: Natürlich, wir kriegen das total mit. Ich finde das super, wie die da andauernd anfeuern.

The European: Sie sind Berliner. Zeigen Sie denn Ihren Nicht-Berliner Teamkollegen, wenn sie neu sind, die Stadt oder macht jeder sein Ding?
Schaffartzik: Ich versuche, den Leuten Tipps zu geben für Restaurants oder Clubs, aber es ist jedem selbst überlassen, ob er das letztendlich machen will. Ein paar meiner Teamkollegen gehen in die Restaurants, die ich ihnen empfehle, und freuen sich, dass sie mit ihrer Frau etwas Gutes gefunden haben. Ich habe aber genauso gut Teamkollegen, die einfach nur zu Hause in ihrer Wohnung bleiben und da ist es eigentlich egal, ob wir in Berlin sind oder in Quakenbrück. Das ist ja auch nicht schlimm. Macht halt jeder auf seine Art.

The European: Was sind Ihre Lieblingsplätze?
Schaffartzik: Ich bin in Steglitz aufgewachsen, aber leider ist es so, dass der Westen im Großen und Ganzen nicht mehr so richtig punktet. Ich mag Kreuzberg echt. Es gibt viele gute Restaurants, wo man gut essen kann. Es gibt viele namenlose Bars, wo es wirklich überhaupt nicht darum geht, gesehen zu werden. Das ist genau mein Ding. Ab und zu gehe ich nach Mitte. Das ist so der Radius, in dem ich mich bewege.

„Die NBA reizt mich nicht“

The European: Sie haben auch schon einmal im Ausland gespielt, in der Türkei. Würde es Sie reizen, noch einmal ins Ausland zu gehen oder würden Sie Ihre restliche Karriere am liebsten nur für Alba spielen?
Schaffartzik: Theoretisch würde ich natürlich immer gern in Berlin bleiben, aber es spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Ich bin 28. Ich weiß nicht, wie lange ich diesen Beruf noch ausüben kann. Da geht es natürlich auch darum, Geld zu verdienen. Das heißt nicht, dass ich dahin gehe, wo ich am meisten Geld verdienen kann. So bin ich nicht gestrickt. Ich weiß, dass es wichtigere Sachen gibt, aber es ist ein Faktor in der Gleichung. Was das Ausland angeht – früher hatte ich einen starken Drang danach, neue Kulturen zu erleben. Letzten Endes habe ich aber durch den Türkeiaufenthalt, aber auch durch Reisen so viel mitbekommen, dass es zumindest zu diesem Zeitpunkt meines Lebens nicht mehr so faszinierend für mich ist, dass ich sage, ich will unbedingt ins Ausland.

The European: Viele Basketballer träumen den großen Traum der NBA. Wie ist das bei Ihnen?
Schaffartzik: Das ist für mich kein Traum. NBA hört sich für mich überhaupt nicht reizvoll an. So wie ich das aus der Ferne sehe, wird man dort fürs Basketballspielen heroisiert und ist in der Hinsicht kein normaler Mensch mehr. Das ist eine Sache, die mich stören würde. Und die andere Sache ist: Das Spiel ist ein ganz anderes. Die spielen da viel mehr eins gegen eins.

The European: Ist Alba ein besonderer Verein?
Schaffartzik: Alba hat eine lange und große Tradition. Das macht Alba Berlin anders. Es gibt auch eine andere Marketingpräsenz. Die Marke Alba ist automatisch verbunden mit Berlin. Jeder, der Hertha hört, weiß, es geht um Berlin. Jeder, der Alba hört, weiß, es geht um Berlin. Das macht den Verein für mich zu etwas Besonderem.

The European: Wer wird Deutscher Meister 2012?
Schaffartzik: Das kann ich leider nicht sagen. Ich würde sagen, Bamberg hat die besten Chancen, es zu werden, aber ich glaube Alba Berlin, wenn die ihre Sachen zusammenkriegen, dann können sie ein sehr ernster Konkurrent werden und könnten das schaffen.

The European: Also läuft es wie im vorigen Jahr wieder auf Alba gegen Bamberg hinaus?
Schaffartzik: Ich glaube, es kommt auf diese beiden Mannschaften an. Wenn diese beiden Mannschaften ihr Potenzial abrufen, dann haben die anderen eigentlich keine Chance.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Berlin, Basketball, Alba-berlin

Kolumne

Medium_6e13940c51
von Alexandra Schade
18.03.2012
meistgelesen / meistkommentiert