Die EU muss ein langfristiges strategisches Ziel definieren. Wolfgang Ischinger

Kritik tolerieren, Toleranz kritisieren

Der Islam muss Kritik vertragen so wie jede andere Religion auch. Aber es gibt eine klare Grenze.

Darf man den Islam kritisieren oder über den Islam Witze machen? Diese Fragen werden in regelmäßigen Abständen virulent; ; waren es 2005 ein paar Karikaturen in Dänemark, so sind der aktuelle Auslöser ein paar “böse” Bemerkungen des Kabarettist Dieter Nuhr. Die Frage, ob eine Religion kritisiert und verspottet werden darf, wird ausschließlich im Zusammenhang mit dem Islam gestellt. Niemand fragt, ob das Christentum kritisiert werden darf.

Kritik an der christlichen Religion und ihren Kirchen, bis hin zu vehementer Ablehnung wird von den Allermeisten vielmehr als selbstverständlich angesehen. Ohne die scharfe Religionskritik von Denis Diderot und Paul Henri Thiry d’Holbach bis zu Karlheinz Deschners Kriminalgeschichte des Christentums wäre Europa heute ein anderes.

Wer seine Religion auslebt, muss Konfrontationen in Kauf nehmen

Ein religiöses Bekenntnis ist zunächst nichts anderes als eine Meinungsäußerung im Sinne von „mein Glaube ist gut und richtig“. In einer pluralistischen Gesellschaft ist diese allerdings nicht höher zu bewerten und kann kein höheres Recht auf Öffentlichkeit beanspruchen als ihr Gegenteil. Wenn ein Muslim oder eine Muslimin in Gegenwart eines Atheisten vom Propheten des Islam schwärmt, wird er/sie damit leben müssen, dass der Atheist die Existenz von Propheten prinzipiell abstreitet: Wo kein Gott, da auch kein Prophet. Davon mögen sich Muslimin und Muslim beleidigt fühlen; aber manche ihrer Glaubensinhalte könnten die Anhänger anderer Religionen ebenfalls empören.

So etwa, dass Jesus nur Prophet, also nicht Gottes Sohn und noch dazu nicht am Kreuz gestorben sei. Wir leben nicht mehr in monoreligiösen Gesellschaften und der Versuch, die eigene Religion unter Schutz zu stellen, könnte letztlich nur totalitär durchgesetzt werden, was in allen mehrheitlich islamischen Staaten der Fall ist. In einer pluralistischen, multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft ist Schutz vor Kritik nicht zu haben.

Religionen, Weltanschauungen, wissenschaftliche Theorien – kurz: jegliche Denk- und Vorstellungskomplexe sind nicht wertfrei. Sie rufen naturgemäß entweder Anerkennung/Zustimmung oder Kritik/Ablehnung hervor und sind somit von vornherein Auslöser von Diskussion und Wertung. In der pluralistischen Gesellschaft stehen weder Tradition noch Religion außerhalb von Beobachtung und Kritik. Traditions- und Religionskritik sind vielmehr Ausdruck demokratischer Gesellschaften, ja mehr noch, sie sind konstitutive Merkmale der Moderne schlechthin.

Religionen und Weltanschauungen dürfen nicht nur kritisiert werden, sie können rundheraus abgelehnt werden und ihre Anhänger müssen sich gefallen lassen, dass diese Ablehnung genauso Teil des öffentlichen Diskurses ist, wie die religiöse Verehrung selbst. Wer seine Religion öffentlich auslebt, muss die daraus resultierenden Konfrontationen aushalten können, muss ertragen können, dass die eigene Religion mit kritischen und gegebenenfalls auch mit spöttischen Augen betrachtet wird. Wer sich von diesem Blick beleidigt fühlt, fühlt sich letztlich von der Existenz des Anderen beleidigt.

Kritik am Islam als moderne Fassung von „Ausländer raus“.

Die Grenze der Religionskritik wird dort überschritten, wo es nicht mehr um Kritik an einem religiösen System geht, um Glaubensinhalte und Rituale, sondern um die Diffamierung von Menschen, die einem Glauben anhängen. Wo unterstellt wird, ALLE Muslime würden zur Gewalt neigen oder Taqiyya begehen (Andersgläubige gezielt belügen), weil ihnen das der Koran vorschreibe, geht es nicht mehr um Kritik an der Religion, sondern um Ressentiment gegenüber Menschen. Die Grenze zwischen Kritik an einem Denkgebäude und Ressentiment wird in der rechten Islamkritik nicht nur überschritten, sie ist inexistent, beides schwimmt gewollt ineinander. Die Kritik am Islam dient dann letztlich nur als moderne Fassung des altbekannten „Ausländer raus“.

Ähnliches gilt auf der anderen Seite aber auch für jene, die jegliche Islamkritik mit dem Vorwurf der Islamophobie kontern. Auch sie unterscheiden nicht zwischen Kritik an einer Religion und Feindschaft gegenüber Menschen, sondern setzen im Begriff der Islamophobie beides in eins; jede Kritik am Islam wird zur Ausländerfeindschaft umgedeutet.

Den Islam und seine Anhänger/innen vor Kritik schützen zu wollen, ist nicht Zeichen von Toleranz, sondern dafür, dass der Blick sich nicht grundsätzlich von jenem der Rechten unterscheidet: Muslime werden als Gruppe wahrgenommen, die aufgrund ihres „Andersseins“ nicht kritisiert werden darf, sondern beständig in Schutz genommen werden muss – ein paternalistischer und zudem exklusiver Ansatz. Er schließt die Anderen aus, stellt sie unter Sonderstatus und leistet damit dem rechten Diskurs Vorschub. Inklusion muss sich von diesem kollektivistischen Blick lösen, der die Gesellschaft in kulturelle Gruppen fragmentiert. Den verschiedenen Menschen der Gesellschaft, unabhängig von Herkunft, Religion und Weltanschauung als gleichwertigen Mitgliedern der Gesellschaft auf Augenhöhe zu begegnen, bedeutet, sie und ihre Ansichten ernst zu nehmen.

Nicht diejenigen, die den Islam aus einer aufgeklärten Position heraus kritisieren oder sich über ihn lustig machen, stützen die rechte Propaganda, sondern diejenigen, die jede Kritik am Islam in die rechte Ecke stellen und selbst Islamkritikerinnen und -kritiker mit islamischem Familienhintergrund als „Zeugen der Anklage“ diffamieren. Das Problem ist nicht die offene Kritik am Islam, sondern der Versuch, diese Kritik zu unterbinden, denn er zementiert Kollektive und lässt, wenn er erfolgreich ist, die Rechten als einzige Akteure auf diesem Feld zurück.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Julian Tumasewitsch Baranyan , Henning Beermann, The European.

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