Wir werden sehen, ob junge Leute wirklich besser sind, nur weil sie jung sind. Michel Friedman

Brandstifter und keine Feuerlöscher

Viele islamische Länder und Verbände distanzieren sich lautstark von den Gräueltaten des IS. Doch dahinter steckt leider mehr Kalkül als moralische Überzeugung.

Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD), sagte in der ZDF-Sendung „Menschen bei Maischberger“, der IS habe nichts mit dem Islam zu tun. Ein Satz, der in den letzten Monaten häufig zu hören ist. Es gibt keinen einzigen islamischen Staat und kaum eine islamische Organisation, die sich nicht vom IS und seinen Gräueltaten distanzieren.

Das Motiv hinter der Distanzierung ist nicht unbedingt ein anderes Islamverständnis. Wenn Staaten wie Saudi-Arabien und konservative bis islamistische Organisationen den IS ablehnen, dann stehen dahinter eher machtpolitische Erwägungen. Durch die Ausrufung des Kalifats und dem damit verbundenen Anspruch, Zentralorgan für alle Muslime der Welt zu sein, greift der IS die Autorität Saudi-Arabiens als Hüter der heiligen Stätten des Islam an, ebenso wie die theologische Autorität islamischer Gelehrter. Der Unterschied zwischen dem Islam Saudi-Arabiens und des IS ist eher ein quantitativer als ein qualitativer. Beide bevorzugen Geschlechterapartheid, eine scharf gezogenen Grenze zwischen den wahren Gläubigen und den „Ungläubigen“ und die gleichen grausamen Körperstrafen.

Wo genau verläuft die Grenze?

Wenn sich so viele lautstark distanzieren, rückt eine Frage ins Zentrum: Wenn IS tatsächlich nichts mit dem Islam zu tun haben sollte, suggeriert das, dass es eine klar definierte Grenze des Islam gibt und sich der IS außerhalb dieser Grenze bewegt. Aber wo genau verläuft diese Grenze? Wer die Probleme erst beim IS sieht, braucht sich mit religiös-ideologischen Fundierung anderer Gruppen gar nicht erst beschäftigen: Was ist mit Saudi-Arabien? Was mit den von Saudi-Arabien finanzierten Moscheegemeinden in Europa? Gehört das Mullah-Regime im Iran zum Islam? Die Muslimbrüder? Die Hamas? Die Salafisten?

Ist IS nicht vielmehr ein Symptom eines Islam, der nicht bereit ist, sich kritisch mit sich selbst zu befassen? Ist IS nicht letztlich ein Kind jener Hauptströmung des Islam, die in verschiedenen Abstufungen in Europa und weltweit vertreten und in vielen Moscheen Europas gepredigt wird – also eines politischen Islam?

IS sei, so die Politikwissenschaftlerin Elham Manea, das Produkt eines Diskurses, der die islamische Welt seit Jahrzehnten dominiere, der Intoleranz gegenüber allem predige, das anders sei. IS steigert die Ideologie des politischen Islam ins Extreme – während sich die Welt und die meisten Muslime an die „sanftere“ Variante des politischen Islam bereits gewöhnt haben.

Es ist keine Frage, dass das Vorgehen des IS bei der Mehrheit der Muslime ernsthaftes Entsetzen auslöst. Das sollte aber nicht den Blick auf die ideologischen Gemeinsamkeiten verstellen und auch nicht auf die gesellschaftlichen Zustände in der islamischen Welt. Es gibt kein einziges mehrheitlich islamisches Land, das nicht mehr oder weniger autoritär regiert würde und in dem religiöse Minderheiten gleichgestellt wären. Es gibt kaum eine religiöse Autorität, die sich für eine Gleichstellung ohne Wenn und Aber einsetzen würde. Im Gegenteil.

Über islamische Satellitenkanäle und Zeitungen – vornehmlich aus der arabischen Welt, zum Teil auch aus der Türkei – wird der politische Islam in die Wohnzimmer und Köpfe europäischer Muslime und Musliminnen getragen. Moscheen, islamische Privatschulen und -kindergärten und vor allem die großen Islamverbände sind an der Verbreitung des politischen Islam in Europa beteiligt. Viele dieser Einrichtungen werden mit Geld aus Saudi-Arabien und den Golfstaaten finanziert, und Teile der Verbände stehen in einem Naheverhältnis zu diesen Staaten oder zu islamistischen Organisationen wie der Muslimbruderschaft. Es wäre naiv anzunehmen, dass das keinen Einfluss auf den von ihnen propagierten Islam hat.

Unterstützung durch Deutschland und Österreich

Paradoxerweise bieten sich die Brandstifter der letzten Jahrzehnte nun als Feuerlöscher an. Es wäre ein Fehler, dieses Angebot anzunehmen. Die Islamverbände sind nicht die Lösung des Problems, sie sind das Problem. Solange sie jede Kritik von sich weisen, theologische Debatten blockieren und jede kritische Auseinandersetzung über ein anderes, modernes Islamverständnis abwürgen, wäre die Politik gut beraten, die Zusammenarbeit mit diesen Verbänden zu überdenken, die ohnehin nur eine Minderheit von ca. 10-15 Prozent der Muslime vertreten.

Eine Politik, die sich fast ausschließlich auf die Islamverbände stützt, drängt jene, die sich für eine demokratische und offene Gesellschaft engagieren, an den Rand. Statt immer mehr konservative bis islamistische Mitglieder in die Parteien zu integrieren und damit den politischen Islam zu stärken, würde es dem Kampf gegen den Extremismus mehr dienen, jene Organisationen zu stärken, die ein liberales und offenes Verständnis der Religion propagieren oder die auf einer nichtreligiösen Basis gegründet wurden.

Ländern wie Saudi-Arabien oder Katar, die weltweit religiöse Einrichtungen finanzieren, sollte, ebenso wie den islamistischen Organisationen wie der Muslimbruderschaft, die Möglichkeit entzogen werden, in Europa weitere Einrichtungen zu planen und zu bauen. Doch Deutschland und Österreich ermöglichen dem saudischen Regime und anderen Scharia-Staaten umstandslos die Errichtung von Moscheen, Schulen und Kulturzentren. Das wohl skurrilste Beispiel ist das 2012 im Wiener Stadtzentrum errichtete saudische Prestigeprojekt: Das König Abdullah Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog.

Es ist an der Zeit, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und zu realisieren, dass der Preis für saudisches Öl und saudische Aufträge an die heimische Wirtschaft zu hoch ist, wenn damit gleichzeitig der saudische Einfluss auf europäische Muslime ermöglicht und die islamistische Propaganda ins Land geholt werden.

Die ungekürzte Version dieses Textes finden Sie auf der Website von Heiko Heinisch.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Christoph Schenkel, Dennis Schmidt-Bordemann, Adrian Lobe.

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