Einen gerechten Krieg gibt es nicht. Robert Sedlatzek-Müller

Ich missbillige, was du sagst

Ob politisch korrekt oder inkorrekt, auf beiden Seiten wird mächtig geheuchelt. Da wird ein schwarzer Rassismuskritiker schon mal zum Rassisten gemacht.

Da hat sich die politisch korrekte Linke mal ein schönes Ei ins Nest gelegt: Wer das bundesrepublikanische Feuilleton halbwegs aufmerksam verfolgt, wird kaum an der skurrilen Posse um eine studentische Preisverleihung vorbeigekommen sein, für die sich das „Referat für Gleichstellung und Lebensweisenpolitik des Student_innenRats der Universität Leipzig“ verantwortlich zeigt.

Für deren mit dem beknackten Namen „Der Preis ist heiß* – oder auch nicht!“ betitelten „Award“ für rassistische Werbung wurde nämlich Marius Jung nominiert, nicht einfach nur Comedian, Rassismus-Kritiker, oder Mensch mit schwarzer Hautfarbe, sondern – man gibt sich ja gern die volle Dröhnung – gleich alles auf einmal: Ein schwarzer Komiker, der sich gegen Rassismus engagiert. Und der, beziehungsweise das Cover seines Buches Singen können die alle – Handbuch für Negerfreunde soll nun also rassistisch sein, weil es Menschen schwarzer Hautfarbe unzulässig objektiviere.

Verzerrtes Verständnis von Meinungsfreiheit

Marius Jung nimmt es mit Humor und wäre sogar bereit gewesen, den Preis persönlich zu akzeptieren, derweil lacht man quer durch alle politischen Lager über die Leipziger Rassismusexegeten. Ja, sogar die Linke lacht. „Don’t judge a book by its cover“, bei dieser Feststellung könnte man es beinahe bewenden lassen. Allerdings lassen sich an der vorschnellen Diffamierung des Komikers Jung so deutlich die ritualisierten Verfahrensweisen nachvollziehen, auf denen mittlerweile der gesamte Diskurs um Political Correctness aufbaut, dass es eine Schande wäre, die Gelegenheit ungenutzt zu lassen.

Denn dieser Diskurs ist aufseiten der politisch Korrekten geprägt von sprachmagischem Denken, moralisierender Selbstüberhöhung und Paternalismus gegenüber angeblich diskriminierten Subjekten. Und auf der Seite der politisch Inkorrekten vom Jargon der Empörung, einem verzerrten Verständnis von Meinungsfreiheit und einem ständig überzeichneten Bedrohungsszenario. Auf beiden auf Seiten wird dabei, wie noch zu zeigen ist, gehörig geheuchelt.

Keine Odyssee, keine Bibel

Die Aktion „Der Preis ist heiß* – oder auch nicht!“ solle „gezielt die Sichtbarmachung und das Empowerment von Meinungen und Empfindungen“ fördern, die in der „vorherrschenden, patriarchal geprägten Mehrheitsgesellschaft oftmals ungehört bleiben oder gänzlich verdrängt werden“, erklärt das „Referat für Gleichstellung und Lebensweisenpolitik“ im schönsten PC-Slang. Die Nominierung von Jung wird dabei folgendermaßen begründet: „Wir sahen die Problematik darin, dass jenes Titelbild in einer Alltagssituation – wie zum Beispiel beim Gang in einen Buchladen – Menschen, die evtl. nicht der weißen Mehrheitsgesellschaft angehören, triggert und somit eine negative Lesart dieses Buchcovers möglich ist.“ Auch das Wort „Neger“ erregte natürlich Anstoß bei den Juroren.

Sich anstelle dieser oberflächlichen Betrachtung eingehend über Buch und Autor zu informieren, hielten die Leipziger nicht für notwendig. Was Rassismus ist, bestimmt der Antirassist. Menschen, die die eigene Rassismusdefinition nicht teilen, müssen vor sich selbst geschützt werden. Paradox: Ginge es nach dem Willen des „Referats für Gleichstellung und Lebensweisenpolitik“, wäre ein schwarzer Autor, dessen provokative Titelgestaltung eine erkennbar antirassistische Absicht verfolgte, „ungehört geblieben oder gänzlich verdrängt“.

Und mit seiner Herangehensweise befindet sich der StuRa Leipzig in guter Gesellschaft. Als etwa im vergangenen Jahr der Thienemann Verlag daran ging, das Wort „Negerlein“ aus Otfried Preußlers Die kleine Hexe zu tilgen (der Vater von Pippi Langstrumpf ist schon seit 2009 kein „Negerkönig“ mehr), berichteten führende Medien größtenteils wohlwollend. Und schon seit Jahrzehnten wird der Klassiker der antirassistischen Literatur, Mark Twains Huckleberry Finn, Opfer von Kampagnen, die sich aufgrund des Protagonisten „Nigger Jim“ erfolgreich für die Verbannung aus zahlreichen Bibliotheken, Schulen sowie für entschärfte Versionen einsetzen.

Gerade etabliert sich in den USA eine starke Initiative, mit dem Ziel, Studenten die Lektüre aller Texte, die Gewalt, Rassismus u.Ä. darstellen, freizustellen. Ihr liebe Leut’, geht’s noch? Während jahrhundertelang linke und liberale Demokraten sich im Geheimen trafen, um verbotene Bücher zu lesen und gegen die Zensur zu kämpfen, stehen Studenten heute auf, um sich mit Material, das das eigene Denken und die liebgewonnenen Gewohnheiten herausfordert, nicht mehr auseinandersetzen zu müssen! Kein Othello mehr, kein Kaufmann von Venedig, kein Mohr des Zaren, keine Odyssee, keine Bibel.

Am Anfang war das böse Wort

Entscheidend ist, dass es in der Diskussion um political correctness eigentlich nie um konkrete Inhalte geht, sondern um die Sprache an sich, welcher aus sich selbst heraus eine unheimliche Macht zugeschrieben wird. Nicht wer, wo, wann und in welchem Kontext „Neger“ sagt ist wichtig, kritikwürdig ist das Wort selbst. Auch wer über Rassisten spricht, darf sich der Sprache des Rassisten nicht bedienen, wie im Frühjahr der chaotische Verlauf einer Podiumsdiskussion der „Taz“ bewies. Wie Khomeini, der Die Satanischen Verse nicht gelesen haben musste, um Rushdie zu verurteilen, reicht dem politisch Korrekten ein halbnackter schwarzer Mann und das Wort „Neger“, um Jung zum Rassisten zu machen. In der jüngeren Geistesgeschichte entspringen solche Vorstellungen postmodernen Welterklärungen, nach der die Sprache das Denken forme, strukturell erinnert das Ganze stark an die Tabuisierung bestimmter Begriffe und Ideen durch Religionen. Manch ein Leser wird sich womöglich an die Jehova-Szene aus „Das Leben des Brian“ erinnert fühlen. Political correctness ist so verstanden religiöse Sprachmagie: Am Anfang war das böse Wort.

Aber auch in profanerem Sinne dient die political correctness der Seelenhygiene der politisch Korrekten. Wo statt über Inhalte, Moral in erster Linie über Sprache definiert wird, hat es der, der das richtige Sprechen gelernt hat, leicht, sich über den zu erheben, der den Jargon nicht beherrscht. Wer noch immer nicht gelernt hat, dass man nicht mehr „Mohrenkopf“ oder „Zigeunerschnitzel“ sagt, findet sich schnell im Zentrum eines Sturmes der Empörung, wer dagegen weiß, dass man nicht mehr von „Ausländern“, sondern von „Menschen mit Migrationshintergrund“ spricht, dem wird gern nachgesehen, wenn er seine Kinder lieber auf die Waldorfschule mit einem Migrantenanteil von 2,8 Prozent schickt als auf eine staatliche Schule. Wer die richtige Sprache beherrscht, darf Wasser predigen und Wein trinken: Wer jedoch, auch in den besten Absichten, „falsch“ spricht, findet sich schnell mit Nazis und anderen „Ewiggestrigen“ in einer Ecke wieder.

Euphemismen verklären

Und der Jargon ist ein bildungsbürgerlich linker, er versichert die Eingeweihten darüber, dass man sich nicht mit den Proleten gemein macht. In alldem geht es bei näherer Betrachtung keineswegs darum, tatsächlich Rassismus zu bekämpfen. Auch das legt die Diskussion um Jung offen: Wenn dieser etwa darauf hinweist, dass er sich durch Texte wie Pippi Langstrumpf nicht ausgegrenzt, sondern eher wahrgenommen gefühlt hat, ist er ein Störenfried im politisch korrekten Diskurs. Auffallend oft fallen zudem dem Wahn von der reinen Sprache eben Werke wie das von Jung zum Opfer. Huckleberry Finn, Othello, auch Der Kaufmann von Venedig: All das sind Texte, die stereotype Bilder und Wendungen einsetzen, um rassistische Vorstellungen transparent zu machen und gleichzeitig zu kritisieren. Die rituelle Sprachpflege ist wichtiger als das übergeordnete Ziel des Antirassismus, in dessen Dienst sie doch angeblich stehen soll. Radikal zu Ende gedacht wird so jede Kritik unmöglich. Aus dem Vater von Pippi Langstrumpf wird der Südseekönig, aus „Nigger Jim“ wird Jim mit Migrationshintergrund (oder man streicht ihn, wie bereits 1955 das CBS ganz!), und die Nazis in Schindlers Liste sprächen am besten von „Mitbürgern jüdischen Glaubens“. Euphemismen verklären dann allerorten die Vergangenheit, Rassisten, die sich der richtigen sprachlichen Codes bedienen, hetzen derweil munter weiter.

Konsistent ist der sprachmagische Antirassismus der political correctness, nebenbei bemerkt, auch nicht. Was haben wir uns nicht alle bemüht, das Wort „Eskimo“, welches angeblich „Rohfleischfresser“ bedeute, durch das „neutrale“ Inuit zu ersetzen. Ein hartnäckiger Mythos der politischen Korrektheit, der von neueren sprachwissenschaftlichen Erkenntnissen längst überholt ist:

Die frühere linguistische Herleitung aus der Sprache der Anishinabe ashkipok, „Rohfleischesser“ (englisch: eaters of raw meat) und aus ähnlichen Wörtern verwandter Indianersprachen gilt heute als widerlegt und lässt sich daher nicht mehr vertreten. Diese frühere Worterklärung führte bei den Inuit zur Ablehnung des Wortes „Eskimo“, weil sie „Rohfleischesser“ als abwertend empfanden.

Orwells Neusprech wird beschworen

Ähnlich ritualisiert wie die Empörungen der political correctness laufen aber mittlerweile auch die Reaktionen der politisch Inkorrekten ab, in den Kommentarspalten der großen Zeitungen und auf der entsprechend benannten Webpräsenz „Political Incorrect“ ebenso wie bei den Bestsellerautoren Thilo Sarrazin und Akif Pirinçci. Spiegelbildlich spricht man der Sprache eine ähnliche Macht zu wie der politisch korrekte Diskurs, dass die Bezeichnung „Neger“ für Schwarze heute als pejorativ besetzt gilt, wird zum Untergang des Abendlandes stilisiert. George Orwells Neusprech wird beschworen, und stets interpretiert man die Tatsache, dass nicht jede Pöbelei unwidersprochen bleibt, als Einschränkung der Meinungsfreiheit. Dabei sollte auch klar sein: Natürlich ist „Neger“ heute nicht einfach ein neutraler Begriff, der die gleichen Konnotationen wie „schwarz“ beinhaltet. Ebenso wie „Kanake“ nicht einfach die hawaiianische Bezeichnung für Mensch ist und Holocaust sehr viel mehr und Schlimmeres bedeutet als das griechische Holókauston – „vollständig verbrannt“.

Vor einigen Wochen machte ich auf Facebook einen harmlosen Witz über die im besten Falle sehr unglückliche Marketingaktion „88“ von Ariel. 88 – das ist unter Nazis ein beliebtes Zahlensymbol für „Heil Hitler“. Umgehend wurde mir vorgeworfen, ein Sprachverbot für Zahlenkombinationen zu befürworten, ein Gegner der Meinungsfreiheit, kurz einer dieser „politisch Korrekten“ zu sein. Doch darum ging es nicht. Wo Werbefachleute so schlecht mit dem Puls der Zeit verbunden sind, dass sie die Fallstricke einer Werbung mit von Rechtsradikalen genutzter Zahlensymbolik nicht erkennen können, müssen sie die Kritik vertragen. So einfach ist das.

Nacht im Knast

Die Reaktionen aber legen nahe, dass politisch Inkorrekte es mit der Meinungsfreiheit im Zweifelsfall auch so genau nicht nehmen. Auch hier sollen (in diesem Fall durch Beschämung) Sprech- und damit Denkverbote etabliert werden. Wer wie der neue Held der political incorrectness, Akif Pirinçci, seine Gegner durchgängig auf unterstem Niveau beleidigt, wer seine Kritik an Mainstream und politisch korrekter Sprache in der pubertären Weise eines Bushido formuliert, wer wie in dem mittlerweile berühmt-berüchtigten Text „Das Schlachten hat begonnen“ mit einer „evolutionären“ Auslese der Starken und Gewalttätigen gegenüber dem verweichlichten westlichen Zeitgeist kokettiert, dem fehlt alleine die Macht, um seine ganz eigene Version der politischen Korrektheit durchzusetzen:

Wenn in der Türkei vier oder fünf Deutsche aus türkenfeindlichen Motiven einen Türken erschlagen hätten, wären sie innerhalb von zehn Minuten von herbeigeeilten Passanten an ihren Eiern an der nächsten Straßenlaterne aufgehängt worden. Wenn sie das überlebt hätten, wären sie in der anschließenden Nacht im Knast von „Landsmännern“ des Getöteten in die ewigen Jagdgründe befördert worden, und wenn auch das nicht gelungen wäre, hätten sie eine derart hohe Haftstrafe bekommen, wie es hierzulande nur noch bei Steuerbetrug der Fall ist.

Meinungsfreiheit ist nicht, unwidersprochen schwätzen zu können

Das war nicht immer so. Political correctness ist ein weit älteres Phänomen, als es der heutige Sprachgebrauch nahelegt. In den 1950er-Jahren wurde der heutige Klassiker Der Fänger im Roggen von als vulgär empfundener Jugendsprache gereinigt und an zahlreichen Schulen als Lektüre verhindert. Bereits gegen Anfang des 20. Jahrhunderts entging James Joyce’ Ulysses nur sehr knapp einem Verbot als Pornographie, ähnlich umstritten war noch früher Flauberts Madame Bovary. Und auch Klaus Wowereits Ausspruch „Ich bin schwul, und das ist auch gut so“ wäre in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren wohl noch unsagbar gewesen.

Früher war vieles anders, die Zeiten, in denen es besser war, aber sind eng abgesteckt. Wem es ernsthaft um bessere Zeiten zu tun ist, der hätte sich vielleicht einzig auf jenen kleinen Satz Tallentyres zu besinnen, der heute gerne Voltaire zugeschrieben wird: „Ich missbillige, was du sagst, aber würde bis auf den Tod dein Recht verteidigen, es zu sagen.“

Political correctness macht daraus in etwa das Folgende: „Ich missbillige, was du sagst, aber wenn du unseren Jargon beherrschst, kannst du sagen, was du willst.“ Der politisch Inkorrekte wandelt den Satz in dieser Weise ab: „Ich missbillige, was du sagst, aber wenn ich gut gelaunt bin, lass ich es dir vielleicht heute noch durch gehen, du linksversiffter Grün-Apostel.“

Dabei gibt es am Original doch eigentlich nichts zu deuteln. Meinungsfreiheit beinhaltet nicht die Freiheit, unwidersprochen schwätzen zu können. Meinungsfreiheit schützt vor staatlicher Zensur, nicht vor Kritik. Und die Bedeutung von Begriffen entsteht im Kontext ihrer Benutzung. Sprache hat keine ihr stets innewohnende magische Kraft. Sie ist aber auch nicht per se neutral.

Das wird man doch noch sagen dürfen!

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