Von oben herab

von Hasan Karaca6.02.2011Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Religion hat ihr eigenes Verständnis von Aufklärung. Es ist daher kurzsichtig, eine aufgeklärte islamische Theologie zu fordern. Das Insistieren auf den Idealen der Aufklärung dient vor allem der Selbstgewissheit des Westens.

Ein großes Thema in einen kurzen Text zu packen gleicht einem Irrsinn. Wo fängt man an? Natürlich mittendrin, wie es sich für eine anständige Kurzgeschichte gehört. “Wir haben dir das Buch herabgesandt, auf dass du die Streitigkeit unter ihnen [den christlichen und jüdischen Gelehrten] aufklärst“ (Koran 16/64), behauptet der Koran von sich. Er versteht sich als einen Text der Aufklärung, der die Zeit des Unwissens (Djahiliyya) endgültig beendet hat. In der Tat beginnt mit dem Koran eine Zeit der – nicht allein – geistigen Blüte auf der Arabischen Halbinsel. In allen Wissenschaftsbereichen wird produziert, die Perser werden rezipiert, die Griechen übersetzt, wichtiger aber, es herrscht eine immense Selbstdynamik, der gegenüber das europäische Mittelalter in der Tat als dunkel erscheint, eine Bezeichnung, die es sonst nicht ohne Weiteres verdient.

Ein Moment der geistigen Blüte

Bedarf es folglich keiner weiteren Aufklärung? Dagegen steht, dass Aufklärung ein endloser Prozess ist, während die islamische Kultur eine Stagnation um das 12. bis 13. Jh. erlebt habe. Wohlgemerkt die Kultur, denn der politisch-militärische Erfolg lässt sich auch weiterhin messen in anwachsenden Quadratkilometern. Von Stagnation zu sprechen bleibt schwierig angesichts der zahlreichen Gelehrten, die weiterhin Werke schufen. Die Werke nach der Jahrtausendwende sind trotzdem anders als ihre Vorgänger. Der Unterschied liegt aber nicht in den Inhalten oder der Qualität der Abhandlungen. Man spürt ihnen vielmehr die Gemütlichkeit an, die nicht zuletzt die Quadratkilometer verliehen haben müssen. Ähnlich ist der Unterschied, wenn man Aristoteles mit seinen Vorgängern vergleicht: die Sicherheit, die einem nur ein Großer, der große Alexander, verleihen kann. Der Verlust der Gemütlichkeit bringt andere Stimmen. Die islamischen Theologen der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert haben andere, der Gegenwart nähere Fragen. Das Zusammenspiel von Wissen und Macht setzt sich anders.

Wer ist hier aufgeklärt?

Und vielleicht ist die Debatte um den Islam und die Aufklärung in Deutschland am ehesten unter diesem Gesichtspunkt zu verstehen. Das Engagement der Etablierung islamisch-theologischer Studiengänge in Deutschland als ordentliche Fächer, die “Einführung von islamischem Religionsunterricht an deutschen Schulen(Link)”:http://www.theeuropean.de/alexander-kissler/4611-islam-an-deutschen-hochschulen sind Resultate einer Wissensmachtpolitik, die zu analysieren interessant bleibt. Es ist mehr als die vergleichsweise schlichte Forderung nach einer Aufklärung des Islams, vermeintlich sicher im Selbstanspruch, aufgeklärter zu sein. Bereits die berühmte Regensburgrede des Papstes hat gezeigt, dass darüber Zweifel herrschen. In diesen Staatsakten findet sich der Wunsch, mit der Bestimmung des Islams eine Selbstdefinition und -gewissheit zu erlangen. Vermutlich werden die ordentlichen Theologien einen Islam aus deutscher Hand produzieren, der dem europäischen Selbstanspruch an Aufklärung und Rationalität gerecht wird und damit das Selbstwertgefühl Europas erneut belebt. Die Theologien werden aber auch Entropien schaffen, andere Interpretationen werden sich an der universitären Theologie brechen und als nicht mehr zeitgerecht, nicht aufgeklärt und nicht rational erscheinen. Doch der Zweck wäre erfüllt, als Selbstbestimmung wie auch als Grenzüberschreitung via Gesetz. Über den Diskurs zur islamischen Lehre werden alte Gesetzesstrukturen aufgebrochen und neu gelegt. Die Frage darf also nicht lauten, wie der Islam zur Aufklärung steht, sondern wie aufgeklärt eine Macht agieren kann, die einer Religion mit Anspruch auf Rationalität, Wissensfundiertheit und Aufgeklärtheit gegenübertritt.

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