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Im Zweifel gegen Israel

Die deutschen Medien versagen mal wieder bei der Israel-Berichterstattung. Eine Medienkritik.

Benjamin Netanjahu darf sich glücklich schätzen: Kaum ein anderer Mensch erhält derart viele wertvolle Ratschläge wie der israelische Premier dieser Tage. Und das von Leuten, die dem ehemaligen Elitesoldaten, MIT- und Harvard-Absolventen und erfolgreichen Politiker intellektuell maßlos überlegen sind:

„Netanjahu müsste seinen rassistischen Außenminister feuern, er müsste Verhältnismäßigkeit lernen. Dazu hat Benjamin Netanjahu leider nicht das Format. Also muss Berlin ihm klarmachen: unsere Solidarität gilt dem Staat Israel, nicht der stümperhaften, friedensgefährdenden Politik eines nicht besonders smarten Ministerpräsidenten.“

Das schreibt der besonders smarte Christoph Plate, seines Zeichens immerhin Politologe mit Master der Uni Hamburg und Mitglied der Chefredaktion der im Allgäu weltberühmten „Schwäbischen Zeitung“.

„Wenn Benjamin Netanjahu es will, werden wir Deutsche Teil der israelischen Innenpolitik. Wir werden hineingezogen in einen Krieg, der gar nicht unserer sein kann. Um wenig anderes als um israelische Innenpolitik geht es bei den Gefechten im Gazastreifen. Die Luftangriffe der Israelis, die Raketen des islamischen Jihad gegen Tel Aviv dienen der Profilierung eines rat- und ideenlosen Regierungschefs.“

So übersichtlich scheint die Gemengelage, von Leutkirch aus betrachtet.

Selbst der „Spiegel“ scheitert bei der korrekten Berichterstattung

Wobei man Plate zugestehen muss: Selbst der „Spiegel“ schafft es in seiner aktuellen Ausgabe nicht, auch nur die Eskalationsstufen des Konflikts vollständig wiederzugeben.

Der aktuelle Krieg begann mit der Aufrüstung der Hamas durch Iran mit Fajr-5-Raketen, die über dem Großraum Tel Aviv und Jerusalem großteils abgefangen werden konnten. Spätestens seit dem 25.10., als die Fajr-5-Fabrik Yarmouk in der Nähe der sudanesischen Hauptstadt Khartum angegriffen wurde, weiß auch die israelische Bevölkerung von dieser nicht hinnehmbaren Bedrohung des Kernlands. Diese Tatsache ist der einzige Hintergrund der Waffenruhe, auf die der Hamas-Kommandeur Ahmad Dschabaris angeblich so erpicht war. In Wirklichkeit konnte er die konkurrierenden Terrormilizen in Gaza keine Minute lang von Angriffen auf Israel abhalten.

Der Topos „Wahlkampftrick“ – also die implizite Kritik daran, dass israelische Politik im Gegensatz zu der der Gegner tatsächlich die Wünsche der Bürger zu berücksichtigen hat, findet sich an vielerlei Stellen. Die insolvente „Frankfurter Rundschau“ titelt mit buchstäblich letzter Tinte: „Netanjahu ist ein Kriegsgewinnler“. Die „Süddeutsche“: „Es gibt einen Grund dafür, dass Israel gerade jetzt den großen Schlag führt – es herrscht Wahlkampf und Regierungschef Netanjahu zeigt sich so als zupackender Führer.“

Im Kommentar schreibt ARD-Korrespondenten Torsten Teichmann unter der Überschrift „Netanjahu geht es um den Machterhalt“:

„Dass sich seitdem [2004, d. Red.] für die Menschen im Süden Israels nichts Grundlegendes geändert hat, ist unhaltbar. Trotzdem finden israelische Politiker auf die Bitte nach mehr Sicherheit immer die gleiche, ungenügende Antwort: mehr Militär.“

Einen Alternativvorschlag bleibt Teichmann schuldig. Da ist Kollegin Ulrike Putz von „Spiegel Online“ schon konkreter. Ein Ende der Angriffe auf Israel im Tausch gegen das Ende der Blockade ist die ultimative Lösung:

„Israel verlöre so zwar die Kontrolle über die Ein- und Ausfuhr, würde aber langfristig profitieren. Denn wenn der ungehinderte Warenfluss im Gaza-Streifen künftig ein Wirtschaftsleben garantieren würde, könnte sich das Leben dort normalisieren.“

Dass ein vitales Wirtschaftsleben weitaus mehr Voraussetzungen benötigt als freien Warenfluss, könnte Frau Putz als selbst betroffenes Opfer der libanesischen Korruption und Vetternwirtschaft an ihrem Wohnort Beirut immerhin ahnen.

Die Berichterstattung der deutschen Medien wäre nicht vollständig ohne ein paar knackige Täter-Opfer-Umkehrungen. Das „Handelsblatt“ titelt: „Bei israelischen Luftangriffen sterben Frauen und Kinder. Die Hamas rächt sich und feuert Raketen auf Tel Aviv.“ Die „taz“ twittert: „In der Nacht hat Israel die Angriffe auf den Gazastreifen fortgesetzt. Die Palästinenser schlagen zurück.“. Der „Stern“: „Israel soll seit Mitternacht 100 Ziele im Gazastreifen bombardiert haben. Die islamistische Hamas antwortet ihrerseits mit Geschossen.“

Ein präziser Einsatz

Bis zum Montagnachmittag griff Israel über 1.000 Ziele im Gaza-Streifen aus der Luft an und tötete dabei 91 Menschen. Wie viele der Opfer tatsächlich Zivilisten sind, ist naturgemäß noch unklar. Aber man muss eine Tatsache festhalten, von der nirgends zu lesen oder zu hören war: Diese Zahlen allein belegen, dass zu diesem Zeitpunkt die Operation „Säule der Verteidigung“ der präziseste und „gegnerische“ Zivilisten am effektivsten schonende Militäreinsatz in der gesamten Menschheitsgeschichte ist.

Niemals zuvor ist es irgendeiner Streitmacht gelungen, unter auch nur ansatzweise vergleichbar schwierigen Bedingungen – legitime militärische Ziele wurden in einem extrem dicht besiedelten Gebiet in voller Absicht neben oder unter zivilen Einrichtungen errichtet – vergleichbare Erfolge bei ähnlich geringen Todesopfern zu erreichen, weder der Bundeswehr in Afghanistan noch den USA beim Drohnenkrieg in Pakistan. Was statt dieser einordnenden Information aber in praktisch allen Medien zu vernehmen war: die Mahnung, an „beide Seiten“, Zivilisten zu schonen. Was impliziert, dass Israel ebenso dieser Ermahnung bedürfe wie die Hamas, deren übliches Vorgehen das doppelte Kriegsverbrechen ist, sich hinter Zivilisten zu verschanzen, während sie Zivilisten angreift.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Charlotte Knobloch, Stephan Hallmann, Andreas Backhaus.

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