Man soll nicht glauben, dass die Ehe einfacher ist als der Zölibat. Joseph Ratzinger

Schatz, wir müssen reden

So verführerisch der Vorschlag einer vorgeschriebenen Entscheidung zur Organspende klingt, so undurchführbar ist er in der Praxis. Denn das Überreichen von Informationsbroschüren und ein Kreuzchen auf einem Fragebogen sind nicht mit einer informierten Entscheidung gleichzusetzen.

Der Vorschlag von Volker Kauder scheint angesichts des Mangels an Spenderorganen in Deutschland zunächst einleuchtend und dem Bürger zumutbar. Ihm verbleibt weiterhin die Entscheidung, eine Organspende abzulehnen oder eine Erklärung zu verweigern. Das unterscheidet den Vorschlag von der sogenannten Widerspruchslösung, die Menschen per se zum Organspender erklärt und so unverhältnismäßig weit in das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen eingreift.

Es bedarf gründlicher Aufklärung

Bei genauerem Hinsehen erweist sich der Vorschlag von Volker Kauder aber als problematisch. Das Bundesinnenministerium hat bereits erklärt, dass die Information über Organspende schon aus rechtlichen Gründen nicht den Ausweisstellen überlassen werden kann. Im Gegensatz zu einer Organspende-Erklärung ist das Ausstellen eines Passes oder Personalausweises eine hoheitliche Aufgabe.

Aber auch andere Gründe sprechen gegen eine solche Verknüpfung. Der Entscheidung, seine Organe zu spenden, sollte immer eine gründliche Aufklärung über die Tragweite und die Folgen dieser Entscheidung vorausgehen. Viele Menschen mögen sich spontan zur Spende einer Niere oder ihres Herzens nach dem Tod bereiterklären. Wenn sie jedoch erfahren, dass auch Knochen, Bauchfell, Sehnen und Teile der Augen entnommen werden können, würden sie vermutlich ihre pauschale Einwilligung einschränken oder präzisieren. Für eine selbstbestimmte Entscheidung ist ein fundiertes Hintergrundwissen also unabdingbar.

Aufklärung braucht Zeit und qualifiziertes Personal

Das Überreichen von Informationsbroschüren und ein Kreuzchen auf einem Fragebogen sind nicht mit einer informierten Entscheidung gleichzusetzen. Eine gute Aufklärung braucht Zeit und fachlich qualifiziertes Personal. Beamte in einer Meldebehörde haben sicherlich weder die Zeit noch die Ausbildung, eine gute Aufklärung zu leisten.

Zudem könnte der behördliche Rahmen einen gefühlten Druck auf die Bürger ausüben, ihr Einverständnis zu einer Organspende zu geben. Diesen möglichen Druck befürchtet auch das Bundesinnenministerium. Und die Kritik ist berechtigt. Wenn wir zu forsch an dieses sensible Thema herangehen, könnten sich Bürger vom Staat gegängelt fühlen und im Zweifel mit Ablehnung reagieren. Die Folge wären nicht mehr, sondern weniger Organspenden. Insofern ist es kontraproduktiv, wenn ein Vertreter der Initiative Pro Organspende fordert, die Organspende müsse "Teil des Lifestyles unserer Gesellschaft“ werden und die Verweigerung "zum No-Go“.

Der Schlüssel zu einer größeren Zahl von Organspenden liegt in einer besseren Organisation. Spanien macht es vor. Viel wichtiger als die Diskussion über "Entscheidungslösungen“ ist die Schaffung von hauptamtlichen Transplantationsbeauftragten in Kliniken. Diese sind geschult darin, behutsame Gespräche mit Angehörigen über eine mögliche Organspende zu führen. Zudem müssen auch kleinere Krankenhäuser mehr dazu angehalten werden, potenzielle Organspender zu melden. Dabei spielt auch eine bessere Entlohnung eine Rolle, weil sonst die Organentnahme für sie zum Verlustgeschäft werden kann.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Peter Liese, Bernhard Felmberg, Rainer Beckmann.

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