Wir sollten uns nicht von Größe, sondern von Komplexität beeindrucken lassen. Martin Rees

Unterm Strich gerecht

In einer gerechten Gesellschaft müssen das Rechtssystem und das Rechtsbewusstsein zusammenpassen. Daher führen höhere Strafen auch nicht gleich zu größerer Abschreckung und damit weniger Straftaten.

„Erfunden“ hat die Denkfigur des Homo oeconomicus der englische Ökonom und Sozialphilosoph John Stuart Mill: Die Politische Ökonomie „beschäftigt sich mit dem Menschen lediglich in seiner Eigenschaft als ein Wesen, das Reichtum besitzen möchte und die relative Effizienz der Mittel zum Erreichen dieses Zieles beurteilen kann“, sie will „zeigen, welchen Verlauf die Handlungen der in einem gesellschaftlichen Zustand lebenden Menschen zwangsläufig nehmen würden, wenn alles, was die Menschen tun, nur von diesem Motiv bestimmt würde“. Bei vielen späteren Liberalen wurde daraus aber eine anthropologische, arg verkürzte Vorstellung vom Menschen als einem geborenen Egoisten. Die heutigen Vertreter des Ansatzes sprechen daher meist von einem „Als-ob“-Konstrukt, das universell die „Logik“ einer Wahlhandlungssituation aufzeige, aber kein Menschenbild sei. Diese Universalität des ökonomischen Ansatzes hat aber ihren Preis, nämlich die Gefahr, dass sie zur Universalität der Weltwahrnehmung wird.

Die Rechnung eines Kriminellen

Nehmen wir das Beispiel der Kriminalität: Der Homo oeconomicus criminalis will mit seiner Straftat einen möglichst hohen Überschuss des Ertrages über die zur Ausführung erforderlichen Kosten erwirtschaften. Dazu gehören neben den direkten Kosten krimineller Aktivität auch noch der Erwartungswert einer möglichen Bestrafung, etwa das Produkt aus Strafhöhe und der Wahrscheinlichkeit, entdeckt und verurteilt zu werden. Hinzu kommen Prozesskosten, zivilrechtliche Forderungen und oft der Verlust der „Beute“. Nach dieser Logik bedeutet Verbrechensbekämpfung, die Erträge von Straftaten zu senken und ihre Kosten zu erhöhen.

Für den Staat besonders billig erscheint hierbei die Strafverschärfung, während erhöhte Entdeckungswahrscheinlichkeiten personalintensiv und damit teuer sind. Wäre es da nicht genial, die Strafhöhe zu vervierfachen, das Justizpersonal zu halbieren und so mit weniger Geld mehr Straftäter abzuschrecken? Aber hohe Strafen sind zugleich Ausdruck hoher gesellschaftlicher Missbilligung und verlangen daher auch einen entsprechenden Verfolgungsdruck, sonst sind sie unglaubwürdig. Die Strafverfolgung würde zum Lotteriespiel verkommen. Der ertappte Verbrecher hätte kein Unrechtsbewusstsein mehr, nur noch das Gefühl, Pech gehabt zu haben. Und man müsste vor allem leicht vertuschbare Straftaten besonders streng bestrafen, auch wenn es nur kleinere Vergehen sind, sonst ist der Erwartungswert zu niedrig. Kurzum: Rechtssystem und Rechtsbewusstein würden zusammenbrechen.

Wandel zum Homo culturalis

Niemand fordert im Ernst eine solche Justiz, doch man sieht hier wie in vielen anderen Fällen, dass der Homo oeconomicus zu kurz greift. Deswegen muss er zum Homo culturalis erweitert werden, für den Sinn und Angemessenheit des Handelns ebenso wichtig sind wie das Ergebnis. Eine ironische Pointe des Homo oeconomicus ist übrigens: Vor allem Wirtschaftsliberale arbeiten gerne mit diesem Ansatz, der die Machbarkeit menschlicher Verhältnisse und menschlichen Verhaltens durch Setzen geeigneter Beschränkungen und Anreize nahelegt. Diese Vorstellung ist aber nicht nur fehlerhaft, sondern auch zutiefst illiberal.

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