Die Berühmtheit mancher Zeitgenossen hängt mit der Blödheit der Bewunderer zusammen. Heiner Geißler

Herr Richard David Precht: Mehr Nüchternheit, bitte

Feindbilder braucht auch der normale deutsche Intellektuelle. Ohne den pathologischen Fall kann er sich nicht wohlfühlen.

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Precht und Trojanow

Mit großem Interesse bin ich beim Zappen am Sonntag bei der Sendung Precht hängengeblieben. An anderer Stelle erwähnte ich, dass Richard David Precht sich gern zu seinen Fernseh-Diskursrunden Gäste einlädt, die seine Ansichten teilen. Doppelte Meinung hält besser. Nun war es wieder so weit. Illja Trojanow unterhielt sich mit Precht über das Fremde und Fremdenhass.

Trojanow argumentierte, man sei nur auf Patriotismus erpicht, wenn man sich seiner nicht wirklich sicher sei. Dann müsse man aufteilen in „wir“ und „die“. Bedenkenswerter Punkt. Allerdings fiel auf, dass sowohl Precht als auch Trojanow selbst Feindbilder bedurften – und zwar nicht zu knapp. „Wir“, in dem Sinne die Avantgarde und „die“, also der dumme Pöbel von Pegida, AfD und CSU.
Es war amüsant zu sehen, wie beide das Ausgrenzende in Kapitalismus und Patriotismus fanden und selbst als Musterbeispiel für Ausgrenzung gelten können.

In der Philosophie gibt es ein Destillat namens Universalismus, also über die Zeiten geltende Regeln. Diese sind kompatibel mit humanistischen und christlichen Leitbildern. So weit konnte man Trojanow und Precht durchaus folgen, wenn es darum geht, warum es sich verbietet, Menschen auszugrenzen.

Mehr Nüchternheit, bitte

Wenn nicht dauernd die Tendenz durchschimmerte, der eigenen Eitelkeit nachzugeben und auf andere herabzublicken – bei beiden. Das Pathologische trennte sich vom Normalen sozusagen in allem, was beide anführten.

Pathologisch waren Neoliberale, Kapitalisten und Nationalisten, Patrioten, CSU-Wähler und Pegida-Anhänger. Selbst wenn man diese Ansichten teilen wollte, reichte es Precht und Trojanow nicht, nüchtern als falsch zu deklarieren. Es schimmerte stets die Eitelkeit moralischer Überheblichkeit durch. Was verrät dies über ihr Selbstbild, wenn das des Patrioten Minderwertigkeitsgefühle beinhalte, könnte man folgern.

Das Normale und das Pathologische

Ich fühlte mich erinnert an Georges Canguilhems Buch „Das Normale und das Pathologische“. Canguilhem war erst Arzt, und später machte er Karriere als Dekan an der Sorbonne und Wissenschaftsphilosoph. Er war der erste, der Normalität philosophisch untersuchte. Die Trennung in Normales und Pathologisches sah ich in der Debatte Precht-Trojanow bestätigt. Pegidisten, in den Augen Trojanows und Prechts eindeutig pathologische Fälle, müsse man klarmachen, dass sie nicht gegen die Fremden aus Afrika opponieren sollten, sondern gegen die „Zocker“ in Baden-Baden und auf Sylt, also die Reichen in ihren Redouten.

Pegida ist in meinen Augen keine zielführende Veranstaltung. Dennoch machte es sich Trojanow zu einfach, wenn er hier minderbemittelte pathologische Fälle sieht, denen man aus der Perspektive des öffentlichen Intellektuellen nur klarmachen müsse, dass der neoliberale Kotzbrocken eigentlich sowohl an seinem Elend als auch am Klimawandel sowie an den Migrationsbewegungen Schuld trage. Ein fetter Weltschurke also.

Kritisch könnte man anmerken, dass der Neoliberale als Feindbild die Tradition des Finanzjuden der 1930er fortführt. Trojanow und Precht sollten sich Gedanken machen, ob sie auf diese Narration bauen wollen beziehungsweise welche Instinkte sie bei ihren Lesern und Zuschauern damit wiederbeleben und in welcher Tradition mit derlei stehen.

Es ist wohl eine Geschäftsbasis: die moralisch überlegenen Rollenmodelle Trojanow und Precht als Angebote für ihre Leser, die sich in ihnen wiederfinden sollen. Keine Philosophie ohne Moralisieren und keine Literatur ohne Goetheinstitut im Maghreb.

Eines steht allerdings fest: Feindbilder braucht auch der normale deutsche Intellektuelle. Ohne den pathologischen Fall kann er sich nicht wohlfühlen. Das macht ihn zum stinknormalen Menschen. Nicht nur Esser ist besser, sondern bestimmt auch Trojanow und Precht.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Hans-Martin Esser: Zum 90. von Niklas Luhmann

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