Die CDU hat ihre an die Finanzmärkte ausgeliehenen immateriellen Werte niemals zurückgefordert. Frank Schirrmacher

Aufruf zur Meuterei

Zum Glück leben wir in einer Demokratie. Man kann schreiben und sagen, was man will. Politiker sind ihren Wählern verpflichtet und nicht einem Kaiser, einem Führer oder einer sich als alternativlos präsentierenden Kanzlerin. Diese Kanzlerin muss zurücktreten.

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Und da fängt mein direkter Appell an die Abgeordneten der CDU- Bundestagsfraktion an.

Überlegen Sie sich sehr genau, ob sie mit einer Kanzlerin Merkel nach der nächsten Wahl noch Ihr Mandat haben werden. Rechnet man die CSU-Abgeordneten heraus, werden 30 Prozent der jetzigen Unionsparlamentarier nach der nächsten Wahl ihr Mandat verlieren und damit auch ihren Job.

Im Gegensatz zur SPD-Abgeordneten Petra Hinz werden Sie aber abrupt am Wahlabend Ihr Mandat verlieren und sich nicht per Verhandlung aussuchen, wann es Ihnen denn genehm ist.
Sollte die CSU selbständig werden und Ihnen, liebe CDU-Abgeordnete, als direkter Konkurrent in allen 16 Bundesländern bei der Bundestagswahl gegenübertreten, werden wohl 40-50 Prozent von Ihnen Ihren Job im Bundestag verlieren.

Die CSU und besonders Horst Seehofer erkennt den Kairos der Geschichte. Sollte die CSU antreten, werden die Kollegen von der CSU, die dann Konkurrenten werden, mit doppelter oder gar dreifacher Mannstärke in Berlin vertreten sein.

Fragen Sie sich selbst, warum die CSU sich diese Chance entgehen lassen sollte, Ihre Fraktion aus dem Stand zu verdoppeln. Vielleicht hätten Sie, liebe CDU-Parlamentarier, ja viel bessere Chancen, wenn Sie der Kanzlerin nahelegten, nächste UN-Generalsekretärin zu werden und als Kanzlerin zu demissionieren. Erst dann wird Seehofer aufhören beziehungsweise erst dann wird die Union wieder wählbar für einige Ihrer ehemaligen Wähler.

Sie, Angela Merkel, vertritt ja seit Jahren lieber die Interessen der Welt als die ihres Landes, ist somit längst in anderen Dimensionen. Ich unterstelle, dass sie sich auch nicht sonderlich für die Niederungen der Wahlkreise interessiert, also für Ihre Arbeit. Da man Sie, liebe CDU-Abgeordnete, ja mit Druck auf Linie zu bringen versucht, sollten Sie sich fragen, ob der eigentliche Druck nicht vom Wähler ausgeht. Merkel kann Sie kaltstellen, wenn Sie unbequem sind, aber das Mandat und Ihren Job kann Ihnen nur der Wähler nehmen. Und der wird es tun, seien Sie sich sicher.

Handeln Sie!

Was haben Sie von einer Nibelungentreue gegenüber der Kanzlerin, wenn Sie nächstes Jahr arbeitslos sind?! Sind Sie der CDU beigetreten, um den entsetzten Wählerinnen und Wählern in Ihrem Wahlkreis zu erzählen, dass Deutschland seine Grenzen nicht schützen könne, also gegenüber einer Zuwanderung aus undemokratisch erzogenen Kreisen wehrlos sei?

Sind Sie in die CDU gegangen, um Ihre Wähler zu belehren oder – wie es heute heißt – die Dinge zu erklären? Sind Sie in die CDU gegangen, damit Ihnen die Grünen in Ihrem Wahlkreis sagen, welch tolle Politik Sie mit der sogenannten Energiewende nebst Grenzöffnung vollbracht hätten? Sind Sie der Überzeugung, dass es eine Haftung für die maroden Staaten und Banken Südeuropas geben muss, obwohl das gerade Ihre Wähler extrem belastet und jeder getroffenen Vereinbarung zuwiderläuft?

Wenn Sie das alles glauben, weiß ich nicht, warum Sie in die CDU gegangen sind, das wäre nicht die Partei der Wahl gewesen, in der ich Sie dann vermutet hätte. Selbst verließ ich die Partei 2014, als sie noch 44 Prozent in den Umfragen aufwies, weil ich merkte, dass etwas nicht stimmt – und zwar auf allen Ebenen in der Partei.

In der CDU setzt man auf eine – wie es Ökonomen nennen – Substitutionselastizität, die dazu führt, dass man immer dieselbe Partei wählt, egal was sie macht. Ähnlich bei Produkten, die man kauft, egal wie teuer diese sind, beispielsweise Benzin. In der CDU mag es viel mehr Bereitschaft als in SPD und FDP geben, die Partei treu zu wählen, auch wenn man ganz andere Politik macht. Wäre man gemein, würde man sagen, in der CDU ist die Annahme weit verbreitet, die eigenen Wähler seien treudoofes Stimmvieh. Genau darauf baut Merkel, wenn sie jetzt mit ein paar Placebos enttäuschte Wähler wieder einsammeln will.

Heutzutage würde ich mich aber nicht mehr darauf verlassen. Die AfD geht nicht von allein weg. Sie hat in Umfragen bereits 12-15 Prozent, und die Erfahrung lehrt, dass sie am Wahltag regelmäßig 3-5 Prozent mehr erzielt als in den Erhebungen, weil sich ihre Sympathisanten in Meinungsumfragen seltener offenbaren. Sie, liebe CDU-Abgeordnete, haben noch 13 Monate bis zur Wahl, um einen Kandidaten aufzubieten, mit dem Sie Ihren Job behalten.

Angela Merkel wird das nicht sein, besonders, wenn Sie Hinterbänkler sind, rate ich Ihnen, sich jetzt schon einen neuen Job zu suchen. Geben Sie ihr die Möglichkeit, in Ruhe und Würde abzutreten und nach New York als UN-Generalsekretärin zu gehen. Nur so lässt sich Seehofer abhalten, in Ihrem Wahlkreis zu wildern. Er hat mit Merkel noch eine offene Rechnung, wird auch auf seinen potentiellen Nachfolger Söder, den er nicht mag, keine Rücksicht nehmen. Er wird antreten mit eigenen Kandidaten und rücksichtslos sein.

Die andere Möglichkeit wäre, dass Sie sich selbst der CSU anschlössen, schließlich benötigt diese Partei umgehend Politiker für die nächste Legislaturperiode. Auf CSU-Ticket werden Sie sicherer in den Bundestag einfahren als mit CDU-Karte, besonders als Hinterbänkler. So retten Sie Ihren Job und müssen sich nicht weiterhin demütigende Fragen in Ihrem Wahlkreis gefallen lassen, warum Sie nicht Widerstand leisten gegen eine absolut untragbare Politik oder warum Sie nicht gleich zu den Grünen gegangen sind.

Wie demütigend es ist, in der CDU um die Kanzlerin herumzuschawenzeln, sieht man an Norbert Röttgen. Er hat viel Kredit beim Wähler verloren und gibt, wie ich es sehe, ein trauriges. um nicht zu sagen erbärmliches, Bild ab. Es hat fast Dschungelcampniveau, da er den Kakao, durch den Merkel ihn zog, mit Wonne trinkt.

Der Mann merkte 2005 als Muttis Klügster an, er hätte gern einen Ministerposten, sonst ginge er in die freie Wirtschaft. 2009 erhörte ihn die Kanzlerin endlich, um ihn 2012 wieder aus dem Amt zu jagen und durch ihren neuen Adlatus Altmaier zu ersetzen.

Merkel ist illoyal

Sie, Angela Merkel, ist knallhart illoyal, es heißt also gar nichts, ihr Günstling zu sein. Sind Sie einem Illoyalen gegenüber loyal, ist das ein Nachteil. Dass Röttgen nach all den Demütigungen immer noch zu Merkel hält, nur um im nächsten Kabinett eine Rolle zu spielen, halte ich für erbarmungswürdig. Offensichtlich reißt sich die freie Wirtschaft nicht allzu sehr um ihn. Er hat den Zeitpunkt verpasst, die Leine zu ziehen, ganz im Gegensatz zu Friedrich Merz.

Röttgen wollte auf Nummer Sicher gehen und verlor gerade deshalb alles. Er wollte gleichzeitig Bundesumweltminister UND Ministerpräsidentenkandidat in NRW sein. Diese Rückversicherung stürzte ihn ins Bodenlose. Erst ging der Wähler, dann die Mutti. Wer besonders sicher sein will, verliert seinen Job, denken Sie daran.

Wenn Sie, lieber CDU-Abgeordneter, die Kanzlerin besonders eifrig verteidigen, um Karriere zu machen, wie Matthias Zimmer, der Merkel-Kritiker mit Druck angeht, sollten Sie in sich gehen und wissen, dass die Treusten der Treuen bei einem Machtwechsel gar keine Karriere machen werden. Sind Sie sich wirklich sicher, dass es klug ist, Loyalität gegenüber Merkel zu simulieren, wenn Sie danach gerade deshalb keine Karriere mehr machen werden. Merkel wird nicht ewig Kanzlerin bleiben, so viel ist sicher.

Ihre Karriere verdankt wiederum Merkel einer Illoyalität gegen über dem ewigen Kanzler Helmut Kohl, als sie einen Abschiedsbrief an den Kanzlerriesen aus der Pfalz schrieb, nämlich in der FAZ im Winter 1999/2000. Eiskalt erkannte sie den Kairos, anders als zögernde Unionskollegen damals. Auch Christian Lindner hielt nicht zum damals unhaltbaren Philipp Rösler.

Wer den Unhaltbaren hält, wird dies sehr bereuen und möglicherweise seine Existenzgrundlage verlieren. Denken Sie daran, wenn Sie Ihren Job behalten wollen. Schnell werden sich Ihre Kollegen von Merkel abwenden, seien Sie sich sicher, dass die neue CDU-Führung auf unkritische Merkel-Fans keineswegs setzen wird. Spätestens Ihre Wähler, liebe CDU Abgeordnete, werden Sie hieran erinnern.

Wenn Sie als Wähler diesen Artikel möglichst häufig in sozialen Netzwerken teilen, wird er Wirkung zeigen. Zu Merkel sage ich – frei nach Gorbatschow: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Oder einfach: „Wahltag ist Zahltag.“ Merkel wird weich fallen, im Gegensatz zu anderen in der Union. Sichern Sie also Ihren Job, liebe CDU-Abgeordnete, indem Sie der Kanzlerin deren nehmen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Hans-Martin Esser: Sie erziehen uns lauter Öko-Weicheier

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