Es gibt in Europa keine Bereitschaft sich des Krieges von 1914 gemeinsam zu erinnern. Christopher Clark

Was uns zusammenhält

Die Äußerungen Christian Lindners zu den Kirchen sind falsch. Sie tragen nicht zur Lösung der großen gesellschaftspolitischen Herausforderungen bei.

Unsere Kultur ist seit Jahrhunderten durch das Christentum geprägt, gegründet auf der in der hebräischen Bibel formulierten Vorstellung von der Ebenbildlichkeit Gottes zu den Menschen. Diese Auffassung stand gemeinsam mit dem Gottesbezug in der Präambel des Grundgesetzes eindeutig "Pate“ für die in Artikel 1 festgelegte Unantastbarkeit der Menschenwürde. Daraus eine antiislamische Spitze herauszulesen geht am Kern vorbei: Das Christentum ist keine Staatsreligion – die Religiosität jedes Politikers ist Privatsache. Aber ein christlicher Politiker wird sich für Solidarität, für Nächstenliebe und für Menschenrechte einsetzen. Das bezieht gerade die Schwachen, die Bedürftigen, die Fremden, die zu integrieren sind, ein.

Was die Gesellschaft zusammenhält

Die Orientierungsmarken des Christlichen als Leitlinien und Orientierungspunkte sind in Zeiten gesellschaftlichen Wandels unverzichtbar. Sie geben aktuelle Antworten auf die Frage, was unsere Gesellschaft zusammenhält – sei es im sozialen Bereich, der Seelsorge oder im interkulturellen Dialog mit seiner Bedeutung für die Integration von Menschen aus anderen Kulturkreisen in unsere Gesellschaft.

Lindners Kritik ist weder für unsere Gesellschaft noch die FDP repräsentativ. Er nimmt damit auch in seiner eigenen Partei eine Außenseiterposition ein: Beispielhaft sei nur die Gründung der Gruppe "Christen in der FDP-Bundestagsfraktion“ im vergangenen Jahr genannt, die in eine diametral andere Richtung geht als jene, die Lindner nun meint, vorgeben zu müssen. Weitere Beispiele ließen sich anfügen.

Politische Verantwortung aus christlicher Überzeugung ist bei der FDP vorhanden, wenn auch traditionell nicht so stark wie in der Union. Lindner führt die FDP auf einen gefährlichen Pfad, der offensichtlich auch im linken Spektrum in Mode kommt.

Auch für FDP-Wähler hat das Christliche Gewicht

Lindner muss sich fragen, ob er den richtigen Kurs für die FDP einschlägt. Ein Kurswechsel von einer liberalen zu einer laizistischen Partei würde zu einer weiteren Wählererosion für die FDP führen. Bei der Bundestagswahl 2009 waren 34 Prozent ihrer Wähler katholisch, 33 Prozent evangelisch, 26 Prozent konfessionslos. Im Vergleich zu 2005 gab es nur geringfügige Veränderungen. Die FDP liegt damit kontinuierlich im Bevölkerungsdurchschnitt. Auch wenn die konfessionellen FDP-Wähler eine geringe Bindung an die Kirchen haben – gemessen am Kirchgang –, so wird doch deutlich, dass auch für FDP-Wähler das Christliche Gewicht hat.

Vor allem in der Integrationsdebatte geht seine Kritik fehl. Muslime haben eine starke Bindung an Glaube und Religion. Für sie ist der Islam identitätsstiftend. Eine laizistische Gesellschaft ohne nennenswerte Rolle der christlichen Kirchen und den gesellschaftlichen Einfluss religiöser Überzeugungen würde bei muslimischen Mitbürgern auf Unverständnis und Ablehnung treffen. Demgemäß stellen die christlichen Kirchen kein Hindernis, sondern eine wesentliche Hilfe zur Integration dar – als Ansprechpartner im interreligiösen und interkulturellen Dialog.

Auch wenn ihre Äußerungen zu den Kreuzen im öffentlichen Raum problematisch waren, so hat die niedersächsische Sozialministerin und Muslimin Aygül Özkan sehr deutlich gemacht, dass es die christlichen Werte waren, die sie zu einem Eintritt in die CDU bewegt haben. Der Erfolg der CDU über die letzten 60 Jahre wäre kaum erklärbar, wenn ihr Bezug auf die christlichen Wurzeln unserer Kultur und auf das christliche Menschenbild tatsächlich so "exkludierend“ wäre. Nein, er ist integrativ. Allein dieses Beispiel widerspricht den Auffassungen Lindners mehr als plastisch!

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Hans-Martin Esser, Bernhard Felmberg, Stefan Ruppert.

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