Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Ingeborg Bachmann

„Kino is ein Ort für alle“

Mit “Berlin Calling” erreichte der Regisseur Hannes Stöhr Technofreunde und Technoskeptiker. Mittlerweile hat sich der Film verselbstständigt und wird in Argentinien neu übersetzt. Der Clou: Die Übersetzer sprechen kein Wort Deutsch.

The European: Ihr Film “Berlin Calling” zeigt das wechselseitige Leben eines elektronischen Komponisten in den 2000er-Jahren. Woher nahmen Sie die Inspiration?
Stöhr: Als ich als 20-Jähriger Anfang der 1990er nach Berlin gekommen bin, stand ich im Tresor und hab vieles zum ersten Mal wahrgenommen: Ostberlin, die Musik und diese veränderte politische Lage. Ich war gefesselt und wollte das unbedingt filmisch festhalten. Allerdings war ich zu dieser Zeit noch an der Filmschule, die Idee musste also warten und reifen.

Später – immer wieder begleitet von meiner damaligen Idee – wollte ich ein Buch schreiben über die Weiterentwicklung der elektronischen Musik. Die Anfangsidee war schlicht: ein Komponist, der am Rechner elektronische Musik produziert. Zu dieser Zeit habe ich sehr gerne Paul Kalkbrenners Album “Self” gehört und ihm das Drehbuch geschickt, weil ich gerne wollte, dass er den Soundtrack macht. Da er in der Techno-Szene viel stärker involviert ist als ich, haben wir auch gemeinsam am Thema gearbeitet. Da er die Figur sehr spannend fand, tauchte irgendwann die Frage auf, ob er nicht auch meinen Protagonisten, den DJ Ickarus, spielen sollte, und das Ergebnis zeigt ganz klar: Paul ist dieser Film. Natürlich braucht jeder gute Stürmer ein gutes Team hinter sich und das waren wir, glaube ich.

The European: Wen hat Sie beim Filmemachen im Blick, Technojünger jeder Generation?
Stöhr: Kino ist für mich ein Ort für alle. Ich habe versucht, mit “Berlin Calling” einen generationsübergreifenden Film zu machen. Es gab Vorführungen, da waren viele Mütter, die mir alle CDs der elektronischen Musik ihrer Söhne zugesteckt hatten. Wir hatten auch Zuschauer, die noch nie was von elektronischer Musik gehört hatten. Manch einer hat mit unserem Film die elektronische Musik sicher neu für sich entdeckt.

The European: Haben Sie mit dem internationalen Erfolg gerechnet?
Stöhr: Der Film lief in Deutschland eher langsam an. Das haben wir uns so erklärt, dass unsere Zielgruppe eher vor dem PC oder im Club als im Kino anzutreffen ist. Der Film kommt also langsam, aber er kommt: Nun läuft er schon die 58. Woche, und das ist kein alleiniges Berlin-Phänomen, auch Städte wie Dresden, Hamburg oder Hannover haben ihn immer noch im Programm. Das Musikerporträt lief in Ungarn, Polen, Österreich und Italien im Kino und es scheint, es kommen noch ein paar Länder dazu. Die USA-Premiere auf dem Miami Filmfestival war auch super. Elektronische Musik “Made in Germany” ist ein Exportschlager und Paul Kalkbrenners Soundtrack läuft ja mittlerweile überall.

The European: Wie bewerben Sie andere Märkte?
Stöhr: Facebook und YouTube sind grenzenlos. Als wir nach Miami kamen mit dem Film, kannten viele über YouTube schon die Musik, ebenso in L.A. Die neuen Wege der Sharing-Generation, die haben überraschend gut funktioniert. Der Musiker am Laptop ist ein Symbol für viele, die zu Hause auch Musik machen. Den Bloggern ist egal, wann der Film ins Kino kam, sie schreiben über ihn, sobald sie ihn gesehen haben. Das ist auch gut so.

The European: Nun ist auch die DVD im Handel erhältlich, potenziert sich der Erfolg?
Stöhr: Auf eine verkaufte DVD kommen 50 Schwarzdownloads, schätzen wir, das vermehrt sich rasend schnell. Es gibt argentinische, russische und chinesische Server und überall kann man den Film downloaden, das können wir auch nicht verhindern. So gibt es zum Beispiel in Argentinien noch keine spanische Version. Aber er wurde jetzt anscheinend übersetzt, also frei untertitelt.

Das Problem dabei ist: Der Übersetzer konnte anscheinend kein Wort Deutsch. So sitzen also in einer argentinischen Bar 30 Leute und hören “Berlin Calling” mit völlig neuem Inhalt, wurde mir berichtet. Zentral soll angeblich die Parkplatzsuche sein. Unser Film ist ja ein Indie-Projekt, die Verbreitung über DVD ist also wesentlich stärker, und obwohl der Film downgeloadet wird, kaufen ihn manche Leute trotzdem.

The European: Wo sehen Sie die Zukunft der elektronischen Komponisten?
Stöhr: Elektronische Musik eignet sich hervorragend zum Teilen, es wird gemixt und wieder gemixt, vervielfältigt und wieder verändert. Das wird auch in dem Film sehr deutlich, Paul mit seinem Rechner. So sieht heute ein symbolhaftes Künstlerporträt aus: Weltmusik wird vom Künstler in alleiniger Arbeit auf dem Laptop produziert.

Die Demokratisierung der Produktionsmittel ist eine tolle Möglichkeit. Das künstlerische Gespür muss natürlich weiterhin vom Künstler kommen: Tüfteleien, Harmonie und Dramaturgie. Um großartige Musik zu schaffen, braucht es eben die Kreativität eines Paul Kalkbrenners, ein Major-Label braucht es aber nicht mehr, und das ist gut so.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Daniel Libeskind: „Als ich Europa bereiste, umfuhr ich Deutschland absichtlich“

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