Jede Partei ist für das Volk da und nicht für sich selbst. Konrad Adenauer

Unter Sportsfreunden

In der Debatte um einen Boykott der Fußball-EM in der Ukraine trifft Wunschdenken auf Wirklichkeit. Der Sport ist längst kein Fair Play mehr. Und dazu haben Politik wie Sportfunktionäre gleichermaßen beigetragen.

Mal angenommen, Deutschland schafft es bei der Fußball-EM bis ins Finale: Ob Philipp Lahm bei der Siegerehrung in Kiew Viktor Janukowitsch die Hand reichen wird? Egal, wie diese Szene ausgeht – so oder so könnte es ein fragwürdiger Moment werden. Sechs Wochen vor dem ersten Anpfiff der Fußball-EM herrscht große Aufregung darüber, wo Sport aufhört und wo Politik anfängt, was aus Julia Timoschenko wird und wie es um die Demokratie in der Ukraine bestellt ist. Und über allem schwebt die Frage nach einem Boykott. Es ist richtig, dass wir uns diese Fragen stellen. Falsch ist nur unsere Perspektive. Denn das Beispiel Ukraine zeigt: Das Problem ist (zunächst) nicht Kiew, das Problem sind die Sportverbände und ihre Funktionäre.

Sport und Politik, das eine kann nicht ohne das andere

Wieder einmal haben sie mit der Ukraine ihre Spiele in ein Land vergeben, das weit davon entfernt ist, ein Rechtsstaat zu sein. In ein Land, dessen Politiker sich wenig um die Rechte ihrer Bürger scheren und dessen Gesellschaft von korrupten Strukturen durchzogen ist. Zwar mag die politische Situation 2007 bei der EM-Vergabe nach Kiew eine andere gewesen sein. Nichtsdestotrotz beweisen UEFA, FIFA und Co. einmal mehr: Die Politik eines Landes, das sie als Austragungsort ihrer Spiele wählen, ignorieren sie nur allzu konsequent. Man erinnere sich an Olympia 2008 in China, die Formel 1 in Bahrain und die Eishockey-WM 2014 in Weißrussland. Die Leidenschaft des Diktators Lukaschenko für die Puckjäger mag dem Internationalen Eishockey-Verband ebenso bekannt sein wie dessen Gleichgültigkeit gegenüber der Niederschlagung von Protesten. Sportfunktionäre wissen besser als alle anderen, wie sehr der Sport von der Politik abhängt; wie sehr das eine nicht ohne das andere kann. Dieses Geben und Nehmen spielt sich weit entfernt ab vom Märchen „Sport als politikfreier Raum“.

Mit Olympia, Fußball-EM und Formel 1 geht ein enormer PR- und Tourismuseffekt einher. An diesem verdienen Sportverbände und Sponsoren genauso gut wie die Staaten, die um deren Gunst buhlen. Fragen nach universellen Menschenrechten, nach Presse- und Meinungsfreiheit legen einen hässlichen Grauschleier über die bunten Hochglanzbilder, die es gemäß dem Friede-Freude-Image des Sportbetriebs zu erzeugen gilt. Wer wie die Sportverbände von Fairness, Völkerverständigung und Moral spricht, aber nicht nach seinen eigenen Worten handelt, schafft einen unüberbrückbaren Widerspruch. Letzten Endes macht er den Sport unglaubwürdig. Da zudem etliche Sportverbände intransparent, autokratisch und in manchen Fällen korrupt agieren, werden Sportveranstaltungen in politischen Unrechtsstaaten genauso Symptom einer bedenklichen Fehlsteuerung des organisierten Sports sein wie ausbleibende Äußerungen seiner Protagonisten.

Fair Play darf keine leere Floskel sein

Was also tun, jetzt wo es schon zu spät ist, die Fußball-EM abzusagen? Boykottieren? Zuhausebleiben wie die EU-Kommission? Die Nationalspieler zu Menschenrechtsaktivisten machen? Sportverbände und Politik sind zu gleichen Teilen in der Pflicht: Eine Politik, die den Sport subventioniert, muss Druck ausüben können auf die Sportverbände. Sportpolitiker, die ihre Verantwortung erkennen, sollten den Verbänden Kriterien diktieren, nach denen sie ihre Spiele nur in ein Land vergeben können, solange dieses universale Menschenrechte nicht verhöhnt.

Die Sportverbände können in ihren Verträgen auf Rücktrittsrechte pochen, solange ein Land gegen elementare und dem Sport innewohnende Gesetze verstößt. Fair Play darf auch im gesellschaftlichen Umfeld eines Sportereignisses nicht hohle Floskel sein. Zwar macht die supranationale Organisation von Sportverbänden die Sache nicht einfacher. Ebenso wenig kann man von der UEFA erwarten, die Strafgesetzbücher seiner Gastgeberländer zu studieren. Das aber braucht sie auch nicht, um zu sehen, ob in einem Land Recht oder Willkür regiert. Menschenrechte sind nicht verhandelbar. Den Sportverbänden würde es gut zu Gesicht stehen, sich das in Erinnerung zu rufen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jürgen Mittag, Philipp Mißfelder.

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