Der Blog ist die moderne Zeichnung. Ai Weiwei

Arbeit ist das viertel Leben

Schon Aristoteles wusste: Ohne Müßiggang geht es nicht. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir vor dieser Erkenntnis die Augen verschlossen. Mit einer einzigen Maßnahme können wir das korrigieren.

Arbeit verschwindet nicht, sie verändert sich nur. Es gibt zwar heute mehr Jobs denn je, viele Stellen wandern aber aus Industrieländern in ärmere Regionen ab. Dieser Wandel bringt die Arbeitnehmer in Bedrängnis, denn ihre Arbeitsverhältnisse werden zusehends instabiler und ihre Löhne befinden sich im freien Fall.

Die Automatisierung ist dabei nicht das Problem der europäischen Arbeitswelt. Der technologische Fortschritt verdrängt und verschiebt zwar verschiedene Berufe, schafft aber ebenfalls neue Jobs. Die Problematik der heutigen Arbeitsgesellschaft liegt tiefer, nämlich in der Globalisierung.

Als die Neoliberalen in den 1980er-Jahren die Kontrolle über die Wirtschafts- und Sozialpolitik an sich rissen, eröffneten sie mit ihren liberalen Strategien einen globalen Arbeitsmarkt. Fast über Nacht verdreifachte sich die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte, als Millionen von Menschen aus Schwellenländern wie China und Indien in Konkurrenz mit Europäern und Amerikanern traten.

Konsumorgien und Plutokratie der Milliardäre

Die Flexibilität des europäischen Arbeitsmarktes, die hierdurch entstand, hatte aber teils verheerende Folgen für das rasant größer werdende Prekariat. Löhne, Zuschüsse und staatliche Hilfe gingen zurück. Die Regierungen wussten natürlich, dass die Liberalisierung des Arbeitsmarktes steigende Ungerechtigkeit und Instabilität für Millionen von Bürgern mit sich bringen würde und mussten zwischen zwei Optionen wählen.

Sie hätten entscheiden können, dass die Gewinner dieser Liberalisierung, also diejenigen, die ihre Einkünfte aus dem Aktien- und Profitgeschäft beziehen, diese mit dem Rest der Gesellschaft teilen sollten. Das hätte die Plutokratie der Milliardäre – wie man sie heute kennt – verhindern können. Doch die Regierungen gingen stattdessen einen verhängnisvollen Deal mit ihren Bevölkerungen ein. Um die schrumpfenden Löhne zu vertuschen, finanzierten sie eine Konsumorgie, die durch billige Kredite und Subventionen befeuert wurde. 2008 scheiterte dieser Teufelspakt.

Seitdem haben nahezu alle Länder Löhne, Zuschüsse und staatliche Sicherheitsnetze verkleinert, um gegen andere Länder am Arbeitsmarkt zu bestehen. Es findet eine große Anpassung statt. Der globale Arbeitsmarkt treibt Löhne und Volkseinkommen in den Schwellenländern nach oben und drückt diese in den Industrieländern weiter nach unten. Durchschnittliche Reallöhne in Europa, Japan und den USA werden nicht einmal annähernd zu früheren Höhenflügen zurückfinden.

Soziale Unruhen werden folgen

Das wachsende Prekariat sieht einer Zukunft entgegen, in der Arbeit nur noch sehr gering entlohnt wird. Wenn Sozialhilfen auch weiterhin nach dem Modell des 20. Jahrhunderts funktionieren, wird die untere soziale Schicht chronischem wirtschaftlichen Druck ausgesetzt sein. Frust und Ärger steigen, soziale Unruhen werden folgen.

Es gibt jedoch eine Alternative: ihre Umsetzung wird nicht einfach und wir müssen erkennen, dass auch unsere Familie und Freunde irgendwann zum Prekariat zählen könnten. Der Sozialschutz muss deshalb so reformiert werden, dass jeder das Anrecht auf ein Minimum von wirtschaftlichem Schutz in Form eines bedingungslosen Grundeinkommens hat, um ein Leben in Würde zu führen. Kritiker des Konzeptes argumentieren gerne, dass ein solches Unterfangen unfinanzierbar sei. Doch die Realität sieht anders aus.

Enorme Mengen an Fördergeld werden an Firmen, Mittelstandsfamilien und Interessenverbände vergeben. Mit den Geldern könnte man problemlos jedem ein monatliches Grundeinkommen sichern. Des Weiteren wurden in der Finanzkrise schlecht geführte Banken mit Milliarden Euro unterstützt, und so das verschwenderische Leben vieler Banker ermöglicht. Die Unterstützung der Bedürftigen wäre sicherlich weiser gewesen.

Weniger Arbeit, mehr Freizeit

Kritiker behaupten ebenfalls gerne, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen den Leuten ohne Gegenleistung Geld schenkt. Solche Argumente sind jedoch scheinheilig: Auch Spitzenverdiener kriegen etwas umsonst – wenn sie erben. Viele haben sich ein Vermögen aufgebaut, das nicht auf Fleiß und Talent beruht, sondern auf einer Politik, die ausgewählte Tätigkeiten mit gigantischen Summen belohnt.

Es gibt aber auch eine ethische Antwort auf diese Streitfrage. Erinnern wir uns an Thomas Paine: Der gesellschaftliche Wohlstand beruht weitaus mehr auf den Beiträgen unserer Vorfahren als auf unseren eigenen Leistungen. Wir können jedoch unmöglich festhalten, wessen Vorfahren mehr, und wessen weniger zum Wohlstand beigetragen haben. Es wäre demnach nur fair, wenn wir alle durch eine Sozialdividende von diesem Erbe profitieren könnten.

Es wird ebenso gerne behauptet, ein Grundeinkommen mache faul. Das ist eine Beleidigung aller Menschen! Fast jeder strebt nach mehr und nur eine Minderheit wird sich mit dem Grundeinkommen zufrieden geben. Das wäre auch nicht weiter schlimm. Denn diese Ausnahmen zu identifizieren und ihnen Arbeit aufzuzwingen, wäre teurer, als sie einfach in Ruhe zu lassen.

Psychologen haben bewiesen, dass Menschen mit einem gewissen Maß an Sozialschutz deutlich altruistischer, toleranter und produktiver sind. Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde uns wieder die Kontrolle über unsere Zeitaufteilung geben, die wir heute vermissen. Wir müssen gemeinnützige Arbeit wieder respektieren und fördern. Selbst Aristoteles wusste schon, dass wir Menschen ein wenig aergia, ein wenig Untätigkeit brauchen, um uns über das Politische zu informieren, zu debattieren und aktiv einzugreifen.

Das bedingungslose Grundeinkommen würde uns Zeit geben, uns um Gesellschaft und Natur zu kümmern. Die Forderung sollte demnach klar sein: Weniger Arbeit, mehr ausgewählte Beschäftigung und Freizeit! Das bedingungslose Grundeinkommen ist ein wichtiger Schritt auf diesem Weg.

Übersetzung aus dem Englischen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Rainer Nahrendorf, Friederike Spiecker, Werner Eichhorst.

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