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Die Modellschreiner der Volkswirtschaft

Trotz der verheerenden Auswirkungen der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise ist eine kritische Diskussion über die Schwächen der Ökonomie ausgeblieben. Vielmehr kassieren die Wirtschaftsinstitute für Fehlprognosen noch immer kräftig Geld.

Gibt es eigentlich irgendeinen Erkenntnisgewinn, den die Wirtschaftswissenschaften vor oder nach dem Ausbruch der globalen Finanzkrise zu Papier gebracht haben? Irgendeine Umkehr zu mehr Demut und Bescheidenheit bei Prognosen und Analysen? Zweifel an der Betrachtung der Welt in Aggregatzuständen?

Nur leise Wortmeldungen statt kritischer Diskussion

Bis auf eine leise Wortmeldung über die zweifelhafte Validität der Vorhersagen von Wachstumsraten und dem Vorschlag eines einzigen Professors nach dem Lehman-Crash, Aussagen über die zukünftige Entwicklung von Volkswirtschaften vielleicht einmal auszusetzen – mit entsprechend empörten Zurechtweisungen von Fachkollegen – gab es keine fundamental kritische Diskussion über die methodischen Schwächen der Ökonomie. Es wäre also an der Zeit, Ökonomie neu zu denken, wie es sich der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaften auf seiner zweitägigen Fachveranstaltung, die heute in Frankfurt beginnt, auf die Fahne geschrieben hat.

Wolfgang Kasper, emeritierter Professor für Nationalökonomie der australischen Universität New South Wales, geht mit den Modellschreinern und Makromechanikern hart ins Gericht. Die VWL-Dünnbrettbohrer mit ihren Ceteris-paribus-Modellen würden fälschlicherweise Quantifizierung mit Wissenschaftlichkeit gleichsetzen. Hier habe sich ein karriereförderndes Kartell herausgebildet. Lehrstuhlkandidaten, die Bürokraten und Minister-Aktivismus kritisieren, hätten nur geringe Chancen im undurchsichtigen universitären Ernennungsdickicht. So etablierten sich Professoren, die sich mit ökonometrischen Gefälligkeitsgutachten und Expertenrat in den Dienst von Politikern und Ministerien stellen. Wichtig wären Denkfabriken, Universitäten und Medien, die nicht vom Steuermäzenatentum abhängig sind.

So kassieren die wichtigsten Wirtschaftsforschungsinstitute, die im Haushaltsplan des Finanzministeriums in der sogenannten „Blauen Liste“ aufgeführt werden, für ihre jährlichen Fehlprognosen rund 41 Millionen Euro. Mit der Modellschreinerei kann man zumindest kräftig Geld kassieren: „Mit solchen ‚vereinfachenden‘ Annahmen lassen sich leicht Modelle bauen. Man verschafft sich genügend viele Variablen wie man Gleichungen hat, um Modelllösungen abzuleiten und ästhetisch ansprechende Resultate und Detaillösungen zu produzieren. Es scheint einfach zu verlockend, mit Modellen Wissen vorzutäuschen, über das in Wirklichkeit niemand verfügen kann. Das befriedigt viele Beobachter mehr als die konfuse, evolutorische Vielfalt der Realität, die die österreichisch-institutionelle Schule im Griff zu behalten versucht. Mit einem geschlossenen, komparativ-statischen Modell kann man den Laien leicht Wissenschaftlichkeit und Politikern zum Handeln einladende Gewissheit vorgaukeln (scientism)“, so Professor Kasper.

Mit Mathematik und irgendwelchen unkritisch hingenommenen statistischen Schätzungen könne man auch leichter und öfter publizieren sowie promovieren. Zeige mir die Zahl der Fachveröffentlichungen und Nobelpreise (als Beispiel könnte man die Preisträger Myron Scholes und Robert Merton heranziehen, die ihre Dummheiten immer noch verbreiten) und ich sage dir, wie wichtig du für die Denkschulen der Wirtschaftswissenschaften bist.

„Wo die Daten nicht ausreichen, da müssen eben ‚dummy variables‘ und andere ökonometrische Tricks herhalten. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie ungern man einmal mühsam erlerntes ökonometrisches Wissenskapital ersatzlos abschreibt, auch wenn man merkt, dass die mathematische Ausdrucksweise ein armseliges, künstliches Esperanto darstellt, das für die wirtschaftspolitische Beratung bei Weitem nicht das Gleiche leisten kann wie das ordnungspolitische Idiom“, so der Einwand von Kasper, den die neue Generation auf den wirtschaftswissenschaftlichen Lehrstühlen wohl nur müde belächelt.

Ohne Zufall entsteht nichts Neues

Aber auch diese Generation wird durch die Herrschaft des Zufalls irgendwann zu einer Ethik der Bescheidenheit gezwungen, wie es der Wissenschaftstheoretiker Klaus Mainzer skizziert hat. Der Laplace’sche Geist eines linearen Managements von Menschen, Unternehmen und Märkten sei zum Scheitern verurteilt. Auch wissenschaftliche Modelle und Theorien seien Produkte unserer Gehirne. „Wir glauben in Zufallsreihen Muster zu erkennen, die keine sind, da die Ereignisse wie beim Roulette unabhängig eintreffen. Wir ignorieren Spekulationsblasen an der Börse, da wir an eine ansteigende Kursentwicklung glauben wollen“, erläutert Professor Mainzer. Es gebe keinen Laplace’schen Geist omnipotenter Berechenbarkeit. In einer zufallsabhängigen Evolution sei kein Platz für Perfektion und optimale Lösungen. Zufällig, spontan und unberechenbar seien auch Einfälle und Innovationen menschlicher Kreativität, die in der Kultur- und Wissenschaftsgeschichte als plötzliche und nicht vorherbestimmte Ereignisse beschrieben werden. Ohne Zufall entstehe nichts Neues. „Nicht immer fallen die Ereignisse und Ergebnisse zu unseren Gunsten aus – das Spektrum reicht von Viren und Krankheiten bis zu verrückten Märkten und Menschen mit krimineller Energie“, resümiert Mainzer. Wenn in Frankfurt die Ökonomie neu gedacht wird, dann hoffentlich nicht im Besserwisser-Modus der liebwertesten Gichtlinge der VWL-Modellschreinerei.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    TomP – 23.01.2012 - 10:31

    Die unfassbaren Dummheiten von Scholes und Merton werden ja immer noch ahnungslosen VWL- Studenten gelehrt und bleiben damit "Stand der "Wissenschaft""! Ebenso unfassbar die Tatsache, dass genau diejenigen “Wirtschaftsexperten”, die die 2008er Krise nicht mal ansatzweise kommen sahen und so etwas gar ausschlossen, jetzt am lautesten schreien, warum genau diese Krise kommen musste!
    Warum halten sich diese Scharlatane der Ökonomie? Ich glaube, das liegt daran, dass die Menschen eine gewissen Sicherheit über ihre Zukunft brauchen- mal mindestens in Form einer Prognose. Das Fatale ist, dass eine keine Zukunftsprognosen geben kann, die nicht nur zufällig richtig sind. Und das ist eben keine schöne Aussicht. Also lieber weiter mit Sinn- armen ifos und dem qualitativ gleichwertigen Wetterbericht.
    Oder der Journalismus schafft es endlich einmal, so ein Thema in angemessener Größe an die breite Öffentlichkeit zu tragen. Genug Horrorpotential verbirgt sich ja drin ;-)

  • Theeuropean-placeholder
    Daniel – 23.01.2012 - 12:16

    Sehr geehrter Herr Sohn,
    mich würde der Wetteinsatz interessieren, um den es anscheinend bei der Wortwahl in ihren Artikeln geht. Die Kombi “liebwerteste Gichtlinge” taucht in wirklich jedem ihrer Artikel beim European auf. Ich kann ihnen nicht sagen warum, aber irgend etwas stößt mich an dieser Wortwahl sehr ab. Wenn es Ihnen nur um die Beschreibung von Personen(-kreisen) geht, die sich mit althergebrachten Meinungen und konservativen Sichtweisen hervortun, dann nennen Sie sie doch einfach beim Namen.

  • Theeuropean-placeholder
    P. Feldmann – 23.01.2012 - 18:07

    Mit viel Gewinn gelesen! Danke!

  • Theeuropean-placeholder
    gsohn – 23.01.2012 - 18:38

    @Daniel ist mir etwas zu pauschal und zudem Geschmackssache. Ich kann es nicht jedem recht machen und will es auch gar nicht. Das ist hier ist eine Kolumne und keine wissenschaftliche Abhandlung. Und ich habe doch klar skizziert, wen ich kritisiere. Dann schau Dir die Blaue Liste des Finanzministeriums an. Findest Du auch als pdf auf meinem Ich sag mal-Blog.

  • Theeuropean-placeholder
    Uli Pfeffer – 24.01.2012 - 16:17

    Ich empfehle dringend Nassim Nicholas Taleb’s “The Black Swan – The Impact of the Highly Improbable” zu lesen.

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