Mit Europa und den USA endet die Welt nicht. Wladimir Putin

Ohne geiles CMS keine geilen Medien

In den klassischen Medien scheitern Innovationen oft nur an kleinen Dingen. Gerade im Umgang mit Podcasts zeigt sich das.

Schon kleine technische Variationen, Erweiterungen und minimale Änderungen der Rahmenbedingungen können etwas völlig Neues auslösen, konstatieren die Podcast-Pioniere Tim Pritlove und Philip Banse in der von Pritlove produzierten Sendung „Lautsprecher“. Das gilt für gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen, schlägt aber bei den klassischen Massenmedien in viel größerer Wucht ein. Beim Podcasting entstanden in den vergangenen zehn Jahren völlig neue Formate, auch wenn das Radio nicht neu erfunden wurde.

Es setzt sich eine neue Kommunikationshaltung durch, die tradierte Ausdrucksformen wie das Radio-Feature aufleben lässt. „Der Aufwand, mit dem im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Features produziert werden, sprengt die Vorstellungen der allermeisten Hörer“, so der erfahrene Radio-Mann Banse. Man sitzt dafür eine Woche im Studio mit Regisseur, Produzent und Profi-Sprechern, produziert täglich um die acht Stunden, zaubert ein Stück über die Dauer von einer Stunde, präsentiert es recht lieblos auf der Website und macht es nach der Ausstrahlung noch eine Woche abrufbar, wenn die Suche in der Mediathek überhaupt zum Erfolg führt. Danach wird depubliziert und das war es.

Freigeistige Podcaster

Für die Audio-Graswurzelbewegung ein Anlass zum Ändern. „Wir schmeißen alles weg, was wir aus dem Radio kennen und fangen neu an“, so das Podcast-Credo von Banse. Kein Zeitbegrenzung, keine Techniker hinter der Scheibe, keine Startzeit, kein Ablaufdatum, keine Redaktion, vor der man irgendetwas rechtfertigen muss. Man genießt die Freiheit, im Radio-Journalismus Blindflüge zu starten und zu schauen, wo man landet. Es entstehen Außenaufnahmen mit interessanten Leuten an spannenden Orten. Man erzeugt bei der Renaissance der Radio-Reportage Bilder im Kopf über Geräusche und alles mit kleinen sowie preiswerten Geräten in Stereo aufgenommen. Banse, der im Sommer mit einem Team ein genossenschaftliches Radioprojekt namens „Der Sender“ startet, bewegt sich leidenschaftlich in unterschiedlichen Welten. Auf das Spielbein Podcasting will er dabei nicht verzichten.

Öffentlich-rechtliche Sender haben Schwierigkeiten wie alle großen Organisationen. Sie sind nicht spontan und zu wenig flexibel für experimentelle Aktionen, die in der Podcast-Szene vorgelebt werden. Ausnahmen gibt es nur wenige. Etwa die Deutschlandradio-Sendung „Breitband“, die von Jana Wuttke mit aufgebaut wurde. „Die haben es geschafft, sich aus dem Content Management System des Deutschlandradios zu lösen und konnten ihren eigenen Podcast-Feed konfigurieren“, erläutert Banse.

Klassischen Medien fehlt die Podcast-Leidenschaft

Da hätte es aber mehr Möglichkeiten gegeben. Radio-Journalismus findet in den 54 Sendern des öffentlich-rechtlichen Hörfunks kaum noch statt. Die dudeln von morgens bis abends Musik, unterbrochen mit kleinen 1:30-Einspielern und Quiz-Fragen. Läppisch seien nach Auffassung von Banse auch die Podcast-Versuche der Zeitungsverlage, die eigentlich mehr wagen könnten.

Peter Schink hat das bei „Welt Online“ versucht. „Ich hatte da alle Freiheiten. Der wusste schon, was das Podcast-Prinzip bedeutet. Thema überlegen, ohne Längenbegrenzung produzieren und schauen, was geht. Also Küchenradio-Stil. Das ist aber total unbefriedigend abgelaufen. Der ganze Rahmen stimmte nicht“, kritisiert Banse. Auf welt.de konnte man die Beiträge überhaupt nicht finden. Es gab keine Kommentare, keine Interaktion mit den Podcast-Hörern, es wurde nicht richtig präsentiert, es wurde nichts nach außen getragen, es gab kein Feedback der Redaktion. Man liefert sein Stück ab, schreibt eine Rechnung und bekommt vielleicht per E-Mail die Rückmeldung „Ist angekommen“. So kann man keine Community aufbauen, so bekommt man keinen Draht zur Crowd, wie es Podcaster und Blogger gewöhnt sind.

Sendungen wie Blogbeiträge präsentieren

Ähnliches erlebt Banse in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Man macht einen Beitrag im Deutschlandfunk, etwa auf dem Sendeplatz „Podium“ – also Primetime zehn vor acht Uhr – erreicht Hunderttausende Zuhörer und erlebt, dass sich draußen bei den Rezipienten nicht eine Stimme regt. In den rund 17 Jahren seines öffentlich-rechtlichen Rundfunklebens hat er aufgrund eines Beitrags vielleicht 20 E-Mails von Zuhörern bekommen – also gut eine Reaktion pro Jahr. Gemeint sind jetzt nicht Reaktionen auf irgendein Gewinnspiel oder Servicefragen zum Abschluss von Versicherungen, sondern Meinungsäußerungen auf die vom Journalisten präsentierten Inhalte. Die Beiträge und der Radiomacher verschwinden hinter der Fassade des Senders. Dabei steht alles zur Verfügung, so Banse: Es gibt eine Redaktion und es gibt eine Sendung – beim Deutschlandfunk etwa das Verbraucherformat „Marktplatz“.

Jetzt brauchen die liebwertesten Gichtlinge des öffentlich-rechtlichen Hörfunks nur noch eine eigene URL www.deutschlandfunk.de/marktplatz einzuführen. Das Team wird vorgestellt, es gibt personalisierte Kontaktdaten und einen Chat. „Schaut euch jedes beliebige Podcast-Blog an und macht das so“, fordert Banse. Jede Sendung wird unter einer eigenen URL wie ein Blogpost präsentiert, kann dauerhaft abgerufen und kommentiert werden. So etwas machen mit wenigen Ausnahmen weder Radiosendungen noch Verlage.

CMS als Bremsklotz für Medieninnovationen

Banse hat noch keinen einzigen Redakteur von klassischen Medien getroffen, der sagt: „Mein CMS ist geil, das ist richtig super, da kann ich alles machen.“ Alle fluchen darüber. Das ist der Bremsklotz für Medieninnovationen in Deutschland. Es fehlen nicht die technologischen Wunderwerke, es fehlt schlichtweg der Wille, die offenen, vernetzten und kollaborativen Technologien einzusetzen.

Da sind die alternativen Medien wesentlich flexibler, agiler und lebendiger. Die Podcast-Hörer helfen dir weiter, geben dir Tipps und Anregungen, um besser zu werden. Es gibt eine unglaublich engagierte Community, von denen die alten Medien nur träumen können. Die Trennung von Sender und Empfänger ist fast vollständig aufgelöst. So skizziert Pritlove seine langjährigen Podcast-Erfahrungen. Es entstehe eine Nähe und über die unmittelbare Interaktion sind die Podcast-Hörer ein Teil der eigenen Projekte: „Das macht dieses Medium aus. Diese unfassbare persönliche Beziehung.“

Software als redaktionelles Mittel

Man darf dabei allerdings nicht vergessen, dass dieser Effekt über die Mitmach-Technologien des Social Web entstanden ist. Bei Verlagen, TV und Hörfunk erlebt man allerdings häufig eine ausgeprägte Feindlichkeit gegenüber Technologien und Innovationen. Ohne Buchdruck gäbe es doch den ganzen Journalismus nicht, proklamiert Pritlove. Die gesamte Medienbranche sollte zur Kenntnis nehmen, dass die Software ein redaktionelles Mittel ist. Heute ist es entscheidend, wie komfortabel man kommentieren und publizieren kann, ob die URL für jeden Beitrag einzeln zur Verfügung steht, um sichtbar zu werden. Wie sich ein System verhält, ist nicht mehr in einer Maschine integriert, die im Keller steht und vor sich hin dampft. Die Technologie ist ein entscheidender Faktor des Journalismus und die Programmierer sollten ein wichtiger Bestandteil von redaktionellen Teams sein. Die Software muss Schritt halten, um moderne Berichterstattung zu garantieren und um Sendungen interaktiv zu präsentieren.

An dieser Stelle scheitern TV, Hörfunk und Verlage, die sich aus dem Joch ihrer IT-Abteilungen nicht befreien und den Herrschaftsansprüchen der CIOs wenig entgegensetzen. Bei Bloggercamp.tv konnten wir das schon häufig erleben. Redakteure prallen an der Firewall ihrer IT ab und müssen die Live-Hangouts nach Feierabend in die eigenen vier Wände verlegen.

Es sind in Deutschland eben oft nur kleine Stellschrauben, die Medienrevolutionen behindern.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Gunnar Sohn: Sina Trinkwalder ist CEO des Quartals bei Boardreport

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