Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte. Karl Marx

Jeder Tag als Gegenteil-Tag

2011 war ein Jahr der Proteste. Aber ehrlich: Das geht doch noch besser. Wie? Das verrät François Rabelais.

2011 war das Jahr des Protestes und der Wut. Gegen Unterdrückung, Verschwendung, Spekulantentum, Korruption, Planungshybris, Täuschungen und politische Inkompetenz. Zu den üblichen Formen des Widerstandes zählen Demos, Sitzblockaden, Camps und etwas innovativere Flashmob-Aktionen. Aber, liebwerteste Gichtlinge, das muss 2012 noch viel besser über die Bühne gehen. So entfaltete sich die geballte Kraft der Bonner Pro-Rheinkultur-Bewegung als veritabler Flash-Flop. Im Stadthaus der Bundesstadt irrten einige Menschen mit Hupen, Trillerpfeifen und Trommeln einsam umher, um ihren Unmut gegen die Kultur-Kahlschlag-Politik der Stadtoberen kundzutun. Vor dem Ratssaal fanden sie keine Gleichgesinnten, sondern nur Sicherheitskräfte in legerem Outfit und Polizisten, die mit Knopf im Ohr jegliche Anarchie im Keim erstickten.

Plädoyer für fröhliche Anarchie

So kommen wir nicht weiter. Gefragt ist deshalb mehr Unberechenbarkeit für das subversive, anarchische und vor allem autarke Protestleben. Das Rüstzeug für die Flashmob-Saison des neuen Jahres liefert der geistige Vater meiner Montagskolumne: François Rabelais. Nachzulesen in seinem Schelmenstück „Gargantua und Pantagruel“. Das Werk enthält „phantastische und chaotische Auflistungen“ (Umberto Eco), um die engstirnigen Bürokraten, meckernden Hausmeister, Machthaber, Blender, Prahlhänse, Hierarchieverliebten, Phrasendrescher, eitlen Gecken, Heuchler, Verleumder, Vertuscher, schulmeisterlichen Besserwisser und bigotten Status-quo-Verteidiger in den Wahnsinn zu treiben.

Es ist ein Traktat der fröhlichen Anarchie. Der Held des Romans für unkalkulierbare Scherze ist Panurge. Den Magistern steckte er Scheißkegel in die Klappenkrempe, heftete ihnen hinten kleine Fuchsschwänze oder Hasenohren an den Rücken oder tat ihnen sonst irgendeinen Schimpf an. In seinem Wams hatte Panurge mehr als sechsundzwanzig Täschchen und kleine Flicken, die waren allezeit einsatzbereit – eine unverzichtbare Ausrüstung für den Flashmob-Aktivisten. Dazu zählen Kletten, mit feinem Flaum befiedert, von Gänschen und jungen Kapaunen; die warf er den biederen Leuten auf Rück und Mützen, und oftmals setzte er ihnen so artige Hörner auf, die sie durch die Stadt trugen, manchmal ihr Leben lang. Dümmlichen Frauen setzte er zuweilen hinten solcherlei Dinger auf die Hauben, jedoch in Form eines Männergliedes. Zum Sortiment zählten auch kleine Tüten, alle gefüllt mit Flöhen und Läusen. Das Geziefer pustete er durch kleine Röhrchen oder Federkiele auf den Halskragen von zimperlichen Zeitgenossen, die er in der Regel in der Kirche fand. In einer anderen Tasche trug er einen erklecklichen Vorrat an Hämen und Haken, mit denen er manches Mal Männer und Frauen aneinander hakte, zumal solche, die feine Taftkleider anhatten. Wenn sie dann auseinander gehen wollten, zerrissen sie ihre Gewänder. Nützlich sind für den Gottesdienst auch Brenngläser. Es bringt so manchen Gläubigen außer Rand und Band und verwischt den Unterschied zwischen einem Kirchgänger, der seine Sünden bereut im stillen Gebet und einem Kirchgänger, der seine Sünden im Stillen begeht.

Nützlich für Panurge sind auch Nadel und Zwirn. So half er einem Franziskaner-Mönch am Ausgang des Palastes beim Ankleiden. Doch während er ihm in die Kleider half, nähte er ihm das Messgewand mit seiner Kutte und dem Hemd zusammen, und als dann die Herren vom Parlamentshof kamen und ihre Plätze einnahmen, um die Messe zu hören, stahl er sich davon. Als der Mönch sein Messgewand wieder ausziehen wollte, streifte er zugleich Kutte und Hemd über den Kopf, die daran festgenäht waren, und stand bis zu den Achseln splitternackt da, zeigte auch aller Welt seinen Zippidilderich, der wahrlich nicht klein war. Und je mehr der Franziskaner zerrte und zog, umso weiter enthüllte er sich, bis einer der Herren vom Hof sagte: „Ei was? Will uns denn der ehrwürdige Pater hier die Opferung und seinen Arsch zum Kuss bieten? Soll ihn das Sankt-Antons-Feuer küssen.“

Hochnäsigen Fräulein streute Panurge Federalaun in den Rücken, sodass sie sich vor aller Welt auskleiden mussten, manche tanzten wie ein Gockelhahn auf Kohlenglut oder wie eine Kugel auf der Trommel, andere rannten wie verrückt durch die Gassen, und er lief hinterdrein. Oder er furzte wie ein Ackergaul, sodass die Oberen sagten: „Aber, aber, Panurge, Ihr furzt ja.“ Er aber erwiderte: „Mitnichten, aber ich spiele die Begleitung zum Gesang, den Ihr mit euren Nasen zum Besten gebt.“

Das Asoziale Netzwerk

Wem die Anarcho-Existenz von Panurge zu anstrengend ist, kann es ja mit dem kommunistischen Känguru von Marc-Uwe Kling probieren. Etwa bei der Gründung eines Asozialen Netzwerks als Anti-Terror-Organisation („Das Känguru-Manifest“, Ullstein Verlag). Gegen den Terror der Schulen und Fabriken, der Medien und der Regierung, der Leitkultur und des Lobbyismus, der Religion und der Wirtschaft. Ein Manifest für das Asoziale Netzwerk ist schnell geschrieben, sagt das kommunistische Känguru und deutet auf das vor ihm liegende Penguin-Buch „Flexibility & Security“: „Ich muss nur Kapitel für Kapital das Gegenteil von dem schreiben, was in diesem BWL-Lehrbuch gedruckt steht.“ Besser hätte es SpongeBob auch nicht ausdrücken können. Machen wir doch 2012 einfach jeden Tag einen Gegenteil-Tag, das wird den Chef, Lehrer, Professor, Oberbürgermeister, Ordnungsamt-Knöllchenverteiler, Staatstrojaner-Programmierer, Innenminister oder Jägerzaun-Besitzstandswahrer in einen Zustand permanenter Verwirrung setzen. Ich wünsche Euch ein fröhliches Anarchie-Jahr 2012.

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