Ich hatte manchmal das Gefühl, ich bin eher Inhaber einer Reparaturwerkstatt. Kurt Georg Kiesinger

Angstökonomie im Rückwärtsgang

Wie Excel-Manager die digitale Gegenwart verschlafen.

Vertrauenskultur scheint in der Wirtschaft nicht hoch im Kurs zu stehen, besonders dann, wenn die eigene Zukunft nicht mehr aus den Erfolgen der Vergangenheit abgeleitet werden kann. Wolf Lotter leitet das in seiner „Brandeins“-Kolumne aus der „Führungskräftebefragung 2014“ des Reinhard-Mohn-Instituts der Universität Witten /Herdecke ab.

Der Verein fragt seit 2006 nach, welche Werte im Management gerade wichtig sind – und welche aus der Mode gekommen. Dabei gehe es um sogenannte „Kernwerte“ wie Verantwortung, Integrität, Respekt, Mut und Nachhaltigkeit – und natürlich Vertrauen, so Lotter.

Vertrauen bedeutet nach Definition der Hochschulstudie eine „subjektive Überzeugung der Richtigkeit beziehungsweise Wahrheit von Handlungen und Einsichten“ und drückt überdies das „Vermögen, anderen Spielraum zu ermöglichen“ aus. Rund werde das Ganze durch „ein Verhalten, das dem Gegenüber Sicherheit gibt“.

„Wo Vertrauen herrscht, handelt der Einzelne so selbstständig wie möglich, nach bestem Wissen und Gewissen, und die anderen – vom Chef über die Kollegen bis zu den Kunden – haben Zutrauen in dieses Tun und machen das auch deutlich“, führt Lotter weiter aus.

Kontroll-Demagogen

Der „Brandeins“-Autor bringt das gute alte Laissez-faire-Prinzip ins Spiel, die Kunst des Gewährenlassens: „Das ist nichts für Besserwisser und Demagogen, die unzähligen Kontrollettis ‚da draußen‘. Laissez-faire bedeutet allerdings auch nicht, dass einem das, was andere tun, egal ist, sondern, im Gegenteil, die Überzeugung, dass die das schon hinkriegen und man sich darauf verlässt.“

Diese Form von Vertrauen war in den jüngsten Wirtschaftskrisen bei Führungskräften hoch im Kurs. Nun hat die „Integrität“ das Vertrauen abgelöst. Nach der Definition der Wertekommissionäre bedeute das „Leben nach Werten“ und, zweifellos wichtig, „Aufrichtigkeit gegenüber sich selbst und anderen“. Aber die eigentliche Funktionsbeschreibung von Integrität, wenn es um Management und Organisation geht, sei nach Ansicht von Lotter weitaus aussagekräftiger: Der Kernwert Integrität, heißt es da, versteht sich vor allen Dingen als „konsistente Orientierung an geltenden Gesetzen, Normen und Regeln“.

„Das hat also nichts mit jemandem zu tun, der durch sein Handeln und seine Entscheidungen zu einer fassbaren Person wird, einer Integrationsfigur. Integrität bedeutet hier: Wir halten uns genau an die Vorschriften. Wir sichern uns ab. Das ist die andere Seite der Medaille: Opportunismus“, meint Lotter.

Mit 40,7 Prozent führt die Integrität vor dem Vertrauen (25,7 Prozent) die Kernwerte in der Umfrage 2014 an. Kaum überraschend ist da, dass der Wert „Mut“ von gerade noch 2,2 Prozent der Führungskräfte als wichtig angesehen werde: Er steht für die „Bereitschaft, Neues zuzulassen“, „Fehlerfreundlichkeit“ zu üben und für die „Kraft zur Entscheidung und Veränderung“:

„Die Verantwortlichen der Studie sehen einen Zusammenhang zwischen diesen erschreckenden Veränderungen und der Zunahme an sogenannter Compliance, also Regeltreue, in der Unternehmenspraxis, die sich im Gefolge von Skandalen und Missmanagement breitgemacht hat. Sie halten es allerdings auch für ‚fraglich, ob mehr Regeln und engere Vorschriften dem Wunsch nach integrem Verhalten entsprechen oder ob dieses durch andere Maßnahmen im Unternehmen unterstützt werden sollte‘. Bemerkbar wäre jedenfalls schon jetzt, dass sich ‚deutlich weniger Manager und Führungskräfte zu unternehmerischen Handeln bekennen‘. Wo das Vertrauen geht, kommt der Verwaltungsangestellte“,

so das Resümee von Lotter. Ein schlechtes Omen für die Digitalisierung und Vernetzung der Ökonomie, die sich in allen Branchen abspielt.

Digitaler Wandel scheitert am Misstrauen

In ihrem Misstrauen gegenüber dem digitalen Wandel bilden Politiker, Manager und Gewerkschafter derzeitig eine Große Koalition im XXL-Format. Wer überall nur Gefahren verortet, erstickt in einem Angstregime von Kontrolle und Bewegungslosigkeit.

Zu bewundern bei der Ankündigung von Microsoft, sich in Deutschland vom Anwesenheitswahn in Bürosilos zu verabschieden. Sofort warnten Bedenkenträger vor der Gefahr einer Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit, statt auch nur ansatzweise über die Chancen flexibler Arbeitsorganisation nachzudenken. Das liegt wohl nicht nur an einer etwas naiven Idealisierung der klassischen Büroarbeit, die von Überstunden, Stress im Berufsverkehr, Flurfunk-Tratsch, Mobbing und dem Fluch der ständigen E-Mail-Erreichbarkeit geprägt ist.

Die Bürosilo-Apologeten laufen einer inhumanen Planungsillusion hinterher, betont Thomas Dehler vom Berliner Dienstleister Value5 in einem Expertenpanel beim Streamcamp in München: „Planung ersetzt Zufall durch Irrtum.“ In einer vernetzten Ökonomie gehe das Planungsgedöns der Manager ins Leere.

Es gehe nicht darum, dezentrales Arbeiten zu verordnen, sondern den Wunsch des Mitarbeiters stärker in den Mittelpunkt des Personalmanagements zu stellen. Die Souveränität über die Arbeitszeit werde beim Abschied von Anwesenheitspflichten nicht geschwächt, sondern fundamental gestärkt. Entscheidend sei nicht mehr das tägliche Absitzen von Bürostunden, sondern das erzielte Arbeitsergebnis.

Die Langsamkeit der Planungsbürokraten

„Wir sind mit unserem Modell ohne Einsatzplanung und Präsenzpflichten in der Lage, 90 Prozent aller Kundenanfragen zu bearbeiten“, sagt Dehler. Planungsbürokraten sind zu dieser schnellen Reaktionsfähigkeit nicht in der Lage. Und wenn sich Gewerkschafter zum Thema Ausbeutung äußern, sollten sie den Arbeitsweg nicht ausklammern, denn der wird vom Arbeitnehmer bezahlt und wirkt wie eine Subvention zugunsten des Arbeitgebers.

Soziales und kollaboratives Arbeiten sei mit digitalen Technologien wie Videostreaming-Diensten im Social Hub sehr gut und sogar besser zu realisieren als in irgendwelchen aseptischen Glaspalästen in den einschlägig bekannten Gewerbegebieten.

Statt auf die Potenziale ihrer Mitarbeiter zu setzen, verstecken sich die liebwertesten Gichtlinge des Top-Managements hinter Berichtsorgien und Kennzahlen-Management. „Sie beschäftigen sich mehr mit der Administration und dem Befüllen von Excel-Tabellen und vernachlässigen dabei die neuen Themen ihres Marktes“, bemerkt Dehler in der Streamcamp-Paneldiskussion. Echtzeit-Management sieht anders aus. Die Excel-Tabelle von heute bildet das Geschehen von gestern ab. Auf der Strecke bleibt die Gegenwart.

In einer Excel-Ökonomie aus Ängsten, Planungsillusionen und sinnlosen Kontrollschleifen gedeiht weder Vertrauen noch wirtschaftliche Prosperität.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Gunnar Sohn: Sina Trinkwalder ist CEO des Quartals bei Boardreport

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