Online ist inzwischen Teil der realen Welt. Zeynep Tufekci

Eine Insel mit zwei Bergen

Im „Internet der Dinge“ herrscht babylonisches Sprachgewirr. Den deutschen Ingenieuren scheint das egal zu sein. Ein fataler Fehler.

Liest man die Schlagzeilen und Sonntagsreden zur diesjährigen Hannover-Messe, kann die deutsche Industrie vor Kraft kaum laufen. Wenn es um die sogenannte vierte industrielle Revolution geht, was unter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ propagiert wird, habe das Land der Ingenieure und Konstrukteure klar die Nase vorn.

Vernetzte Maschinen und Produktionsprozesse sollen den Maschinenbauern und IT-Anbietern Aufträge über viele Milliarden Euro in die Kasse bringen. Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht mit stolzgeschwellter Brust gar von der „smarten Industrie“, ruft aber gleichzeitig Europa dazu auf, die Innovationskraft nicht zu verlieren.

Industrie 4.0 funktioniere aber nur, wenn alle Daten aus der Produktion von Materialeigenschaften bis zu Geschwindigkeiten und deren Umwelt bis hin zur Personenerkennung oder zu räumlichen Bedingungen wie Schwellen im Raum jederzeit digital erfasst und verarbeitet werden, schreibt „Faz“-Redakteur Georg Giersberg. Dafür brauche man Sensoren und Messgeräte, aber auch Software, die diese Daten auswertet und richtige Schlüsse daraus zieht:

Gerade in ihrer analytischen Ausrichtung hinke die produzierende Industrie aber anderen Branchen hinterher, ist das Ergebnis einer Studie der Universität Potsdam (Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und Electronic Government) und des Softwarehauses SAS.

Um die Individualfertigung zu Produktionsbedingungen und Kosten der Massenfertigung auf die Beine zu stellen, benötigt man das Wissen deutscher Techniker und Ingenieure. Bei der Automatisierung und Elektronik sind wir unbestritten Weltmeister.

Wie smart ist die deutsche Software?

„Wenn es aber darüber hinausgeht und die Maschinensteuerung mit dem Internet verbunden wird, dann kommen neue Mitbewerber ins Spiel. Auch die Softwareindustrie erkennt in der Industrie 4.0 ein großes Betätigungsfeld. Deutschland kommt von der Maschinenseite; in Amerika sieht man das Thema eher von der Softwareseite“, so lautet der kleine Schönheitsfehler, den der „Faz“-Redakteur in seinem Kommentar ins Spiel bringt.

Und genau da könnten sich die 4.0-Träume der liebwertesten Industrie-Gichtlinge als Luftbuchungen herausstellen. So kritisiert die Smarter-Service-Initiative seit Jahren, dass produktbegleitende Dienstleistungen noch immer nicht als Quelle der Wertschöpfung erkannt werden. „Wer sich beispielsweise das Geschäftsmodell von iTunes anschaut, wird verstehen, dass bei Apple der angeschlossene Service-Umsatz bis zum Achtfachen den Produktumsatz je iPhone-Kunde übersteigt“, betont die Smarter-Service-Initiative, die mit einem Wettbewerb neue Impulse für Vernetzungsintelligenz setzen will.

Beim „Internet der Dinge“ und den Industrie-4.0-Konzepten werde das deutlich. In Deutschland bastelt man produktzentriert an komplexen Netzwerkplänen und Insellösungen. In vielen amerikanischen Unternehmen wird hingegen der vernetzte Kunde als Ausgangspunkt für die nächste industrielle Revolution genommen. Wirtschaftspublizist Tim Cole, Co-Autor des Buches „Digitale Aufklärung“ hält das Ganze für eine typisch deutsche Kopfgeburt:

Sie sagt nichts und alles und ist so verbindlich wie ein Cola-Jingle. Die Amerikaner machen es besser. Sie sprechen vom „Industrial Internet“ und treffen damit ins Schwarze. Nach der Wissensarbeit ist jetzt die Fertigungsbranche dran, den Nutzen der digitalen Revolution für sich zu erschließen. Das wird mindestens so spannend wie die erste und bislang einzige Industrialisierung in Deutschland und der Welt.

Babylonisches Sprachgewirr ohne einheitliches Betriebssystem

Diese Gefahr sieht auch Giersberg. Produkte und Maschinen müssen die gleiche Sprache sprechen, sonst entstehe babylonisches Sprachgewirr, aber keine vernetzte Produktion. Das geht nur über allgemeine Standards und nicht über Einzelentwicklungen. Wir basteln in teutonischer Gründlichkeit zwar kräftig an der Grundlagenforschung, liefern aber keine Antworten für das Betriebssystem und die Infrastruktur. Unterdessen bekommen Waschmaschinen, Geschirrspüler und Kaffee-Vollautomaten von Samsung einfach mal das Google-Betriebssystem Android eingepflanzt, um die Vernetzung voranzutreiben. Die deutschen Hersteller wie Bosch oder Miele machen das auch mit eigenen Lösungen – sozusagen im Augsburger-Puppenkisten-Format: „Eine Insel mit zwei Bergen und dem tiefen weiten Meer“.

„Dann fragen die deutschen Hersteller, wer macht die Infrastruktur, wer sagt, unter welchem Standard sich die Maschinen unterhalten. Google und Samsung haben einen einfachen Plan und nutzen das Handy-Betriebssystem“, so der frühere IBM-Cheftechnologe Gunter Dueck. Die bauen das überall ein und die Maschinen werden mit semantischer Intelligenz bestückt.

Schirrmacher wird wieder meckern

Wenn dann in Deutschland und Europa alle aufgewacht sind, „kann der ‚Faz‘-Herausgeber Schirrmacher wieder jammern, dass die Amerikaner oder Südkoreaner uns das aufdrücken.“ Oder wie beim Google-Kauf von Nest Labs den kritischen Einwand kommunizieren, ob denn der Suchmaschinen-Gigant bei der Heimvernetzung mit Raumthermostaten auch die Privatsphäre ernst nehmen würde.

Kein Mensch macht sich in der deutschen Industrie darüber Gedanken, wie ein Betriebssystem aussehen sollte. BMW, VW, Mercedes Porsche und Co. hätten sich zusammenschließen können, um ein vernünftiges Betriebssystem zu etablieren – „machen sie aber nicht“, kritisiert Dueck. „Man wartet, bis Google über die Unterhaltungselektronik ausliest, welche Fehler ein Auto hat – da ist in Deutschland keiner dran.“

Wer also von Industrie 4.0 redet, sollte sofort auch über die geschäftliche Relevanz nachdenken. Sonst erleben wir ein ähnliches Schicksal wie bei der Erfindung des digitalen Musikstandards MP3.

Vielleicht sollten die etablierten Organisationen und Unternehmen anfangen, wie Bundesliga-Vereine Scout-Systeme zu entwickeln, um vermarktungsfähige Innovationen zu suchen. Der Google-Deal mit Nest Labs unterstreicht diesen Ansatz. Schließlich zählt Tony Fadell als Mitgründer von Nest Labs zu den Vätern der iPod-Revolution. Er gilt als Ideengeber für das integrierte Geschäftsmodell von iPod und iTunes. Ähnliches werden wir bei den Heizungen und den Thermostaten zur Regelung der Raumtemperatur in unseren eigenen vier Wänden erleben. Die Industrie 4.0 kommt zwar nicht von einem anderen Stern, könnte aber von den Androiden erobert werden.

Hersteller wie Miele setzen nach Erfahrungen des Beraters Christoph Kappes gerne auf Eigenentwicklungen, die hundertprozentig funktionieren müssen, ebenso wie deutsche Heizungsbauer:

„Einen Technologie-Shift machen sie nur ungern, weil sie Sicherheitsfanatiker sind, das sind eben deutsche Inschinöre. So eine Heizung wird ein Jahr getestet, bis sie unters Volk kommt. Und sie sehen keinen Grund zur Kooperation, so lange sie mit eigenen Silos erfolgreich sind.“

So eine Art Heizungs-Amazon als geschlossenes System. Das könne man im Premium-Segment strategisch so machen. „Aber 80 Prozent des Marktes sind dann eben in Korea. Kein Problem, solange man Gewinne macht wie Apple. Ob das aber funktioniert? Wir haben es ja bei Loewe gesehen, der Markt hat so ein Premium-Segment nicht“, betont Kappes. Zudem zähle Nutzerfreundlichkeit nicht gerade zur Stärke deutscher Ingenieure. Hauptsache, die Maschine funktioniert, den Rest kann man der Bedienungsanleitung entnehmen.

Deutsche Entwickler vernachlässigen die Sicht der Nutzer, bestätigt auch Gaming-Experte Christoph Deeg. Man brauche bessere Software, neue Technologie und auch eine neue Kultur des Denkens.

Die Industrie-4.0-Konzepte könnten das bislang nicht leisten.

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