Europa ist nur möglich innerhalb der Welt und innerhalb der Weltwirtschaft. Gustav Stresemann

80 Millionen Vollidioten

Facebooks neue Strategie kommt wenig überraschend – denn wie viele Konzerne im Netz versucht er sich unentbehrlich zu machen. Die Frage ist nur, wie verführbar die Menschen im Netz wirklich sind.

Das von Mark Zuckerberg vorgestellte Re-Design von Facebook unter dem Namen „Timeline“ hat so eine Art Kulturschock in der deutschen Netz-Elite ausgelöst. Von Stasi-Methoden, Entmündigung, Zwang zum Teilen und Stalking ist die Rede. Da mutet es schon grotesk an, wenn man öffentlich mit großer Geste den Ausstieg aus dem Facebook-Datenwahn und den Übertritt zu Google Plus verkündet. Für den Marketingexperten Felix Holzapfel bewegt sich der kritische Diskurs im Kreis. Jedes Mal, wenn Facebook ein Update ankündigt, prophezeien die Meinungsmacher des Internets das Ende des Web-Imperiums. Holzapfel muss schon etwas schmunzeln, wenn jemand sagt, dass er bei Facebook aussteigt, weil es datenschutztechnisch zu heikel wird und fortan seine Postings beim Suchmaschinen-Giganten unter die Leute bringt. Das sei nicht ernst zu nehmen. Da springt man von einem Übel ins andere. Auch der Vergleich mit AOL würde hinken. „Da war es für mich egal, ob meine Freunde Compuserve benutzen. Es war kein Mehrwert und auch kein Nachteil. Facebook hingegen ist so eine Art Schwarzes Loch im Social Web. Es saugt alles an. Je mehr Leute mitmachen, umso interessanter wird das Ganze. Google Plus ist spannend und gut gemacht. Da sind allerdings nur die Social-Web-Nerds unterwegs. Lieschen Müller marschiert dort nicht hin“, so Holzapfel.

Der Vorwurf, dass Facebook automatisch alle Daten eines Menschen von der Wiege bis zur Bahre in Timeline abbildet, sei schlichtweg Unsinn. Die Nutzer müssten es aktiv einstellen, wenn sie Spaß daran haben. Zuckerberg folgt einer Obsession, zur zentralen Instanz der virtuellen Aufmerksamkeit zu werden. Über Open Graph und die entsprechenden Applikationen soll jede Regung des Lebens automatisch und nicht mehr aktiv über den Gefällt-mir-Button in die Server von Facebook transferiert werden: Entsprechende Apps werden demnächst auf den Markt geworfen für Sport, Essen, Musik, Bücher und vielleicht sogar für die täglichen Klo-Besuche.

„Seit es das Internet gibt, versuchen Anbieter, sich unverzichtbar zu machen. So war es bei AOL, Yahoo, T-Online und vielen anderen. Alle haben sie versucht, zur zentralen Anlaufstelle und Eingangstür des Internets zu werden“, erklärt Holzapfel. Auch Google und Amazon streben diese Machtposition an. Die Features von Google Plus sollen möglichst in jeder Ritze des Netzes auftauchen und andocken. „Angesichts solcher Schwergewichte im Google-Portfolio wie der Websuche, Maps, YouTube und Android ist das Potenzial für weiteres Wachstum groß“, prognostiziert das Magazin tn3.

Doofe Schafe in den Händen amerikanischer Web-Giganten

Das größte Internetkaufhaus der Welt baut für teures Geld Tablet-Computer und wirft sie für wenig Geld unters Volk. „Der Kindle Fire ist die neue Geheimwaffe im Kampf um die Kunden“ und mutiere zum „großen Verführer“, berichtet die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“. Die Strategie von Jeff Bezos ziele auf die Köpfe der Käufer: „Der Kindle Fire könnte bewirken, dass die Leute im Internet so einkaufen, wie sie es in der Fußgängerzone tun: Sie bummeln hier entlang, schnuppern dort, und was ihnen gefällt, schnappen sie sich.“ Bei einer Fußgängerzone würde wohl niemand auf den Gedanken kommen, verschwörerische Geheimpläne der Einzelhändler zu vermuten, mit denen Menschen zu konsumabhängigen Junkies degradiert werden. Willenlos und fremdgesteuert. Die Internet-Nutzer erscheinen in den öffentlichen Disputationen häufig als dumme und wehrlose Schafe, die man mit staatlichen Eingriffen schützen muss. Und wer sich nicht schützen lässt, habe es auch nicht anders verdient, als in den Moloch von amerikanischen Web-Anbietern zu versinken.

„So doof sind diese Schafe aber nicht. Man tut ja so, als ob in Deutschland 80 Millionen Vollidioten herumlaufen würden, die nur darauf warten, von der Schlachtbank gerettet zu werden. Im virtuellen Dorf wollen einige Regeln aufstellen, die in diesem Dorf eigentlich nicht zu Hause sind. Sie sprechen über Sachen, über die sie schlichtweg wenig Ahnung haben. Das gilt für die technische Dimension und für die Interessen der Internet-Nutzer“, kontert Holzapfel. Vielleicht sagt der moralinsaure Klagechor ja mehr über die mentale Verfassung der Kritiker als über die Internet-Giganten aus, die im Fadenkreuz der Attacken stehen. Das Netz verändere sich immer mehr zu einem Mittel der Gleichschaltung der Gesellschaft im Sinne der Brave New World, die Aldous Huxley in seinem Roman skizzierte. Das Internet lasse nur Konformismus zu und belohne Leute, die in soziale Normen passen.

Furcht vor dem digitalen Pöbel

Intellektuelle, die vor der Manipulationskraft von Algorithmen, Suchmaschinen oder Social-Media-Dienstleistern warnen, würden ein sehr mechanistisches Weltbild der Informationsgesellschaft vertreten, formulierte der Publizist Tim Cole auf einer Fachkonferenz in Frankfurt. „Überflutet die Internet-Nutzer nur lange genug mit Informationen und sie werden aufhören, selbstständig zu denken und fremdgesteuert durchs Leben torkeln. Die Bedenkenträger können sich offenbar nicht vorstellen, dass Menschen sehr wohl die Fähigkeit besitzen, haarscharf zwischen relevanten und irrelevanten Informationen zu unterscheiden. Die Kulturpessimisten sehen die Menschen als Vieh, das nur wiederkäut und ansonsten sich von medialen Hirten vorantreiben lässt in eine ungewisse Zukunft.“ Man betrachtet den digitalen Pöbel als Bedrohung. Die Web-Nörgler erinnern mich ein wenig an José Ortega y Gasset, der in einer Studie das Aufstand-der-Massen-Schreckbild entwarf. Der verwöhnte Massenmensch wolle seine Wünsche ausleben und folge prinzipiell seinen Gelüsten. Er richte sich in einer Welt des Überflusses gemütlich ein und sei nicht mehr in der Lage, die Realität wahrzunehmen. Entsprechend leicht könne man ihn verführen. Ortega y Gasset appellierte deshalb an die Bereitschaft zum Triebverzicht. Ansonsten verkomme Europa in einer allgemeinen und alles ergreifenden Hanswursterei.

Der liebwerteste Gichtling der Tugendhaftigkeit war allerdings in seinem Privatleben ein geiler Bock. Zur Weihestunde des Deutschen Sportbundes im Düsseldorfer Landtag kam der Kulturphilosoph als Festredner zu spät, weil er 11 Uhr mit 23 Uhr verwechselte. Stattdessen vergnügte sich das kleine und dickliche Männlein am Vormittag mit drei Prostituierten in einem Nobelhotel der NRW-Landeshauptstadt. Häufig geht es den Zivilisationskritikern in erster Linie um Gemütserleichterung. Am Wohl der Allgemeinheit sind sie selten interessiert. Die werbefinanzierten und personalisierten Dienste der amerikanischen Internet-Konzerne sind kein Teufelswerk. Europa sollte sich nicht über den virtuellen Tod der Berechenbarkeit den Kopf zerbrechen, sondern eher darüber nachdenken, warum man den Web-Plattformen Google, Facebook, Amazon, Apple und Twitter nichts Konkurrenzfähiges entgegensetzt. Klagelieder bringen uns keinen Zentimeter voran.

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