Weisheit ist begreifen, dass man nicht weiß, ob etwas schwarz oder weiß ist. Umberto Eco

Maschinen denunzieren nicht

Maschinen sind blöd, so blöd wie die Analysten in den Geheimdiensten. Warum will das keiner verstehen?

Bei den Debatten über die Verführungskraft von Algorithmen, Big Data und Neuro-Kleckskunde-Propaganda fällt mir immer wieder auf, dass Kritiker und Gurus im selben Teich der Übertreibungen schwimmen.

Dahinter stecken Träume, Horrorszenarien und schlichtweg Idiotie, wie bei den Pionieren der Künstlichen Intelligenz, die noch nicht einmal in der Lage sind, künstliche Gehirne von Kleinkrebsen nachzubauen oder gar zu verstehen. Biologen versuchen das nun seit 30 Jahren – ohne Erfolg. Das Kleinstgehirn des Krabbeltierchens besteht gerade mal aus 30 Millionen Neuronen und kontrolliert den Verdauungstrakt. Man hat bis heute nicht verstanden, wie das funktioniert.

Ähnliches werden wir wohl beim milliardenschweren Human Brain Project erleben. Humanoide Maschinen sind Hirngespinste von Science-Fiction-Autoren, Wissenschaftlern und Journalisten, die einem mechanistischen Weltbild hinterherlaufen, so die Reaktion von Patrick Breitenbach auf die Vorschläge von Hans Magnus Enzensberger und „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher zur Daten-Diät im Internet. Sie bestätigen im Grunde die verkaufsfördernde These der Big-Data-Gurus, der Mensch lasse sich zur Maschine degradieren und könne wie eine Maschine gesteuert werden – auch die ironische Intervention von Enzensberger richtet sich nach Auffassung von Don Dahlmann an den falschen Adressaten: „Er macht es sich ein wenig einfach, wenn er die Schuld bei der Technologie sucht und nicht etwa im Versagen der Politik bzw. des Liberalismus, der Sozialdemokratie (damit meine ich nicht die Partei) und der ethischen Verantwortung der Wirtschaft. Er könnte auf Parteien, Wahlsysteme usw. einprügeln, aber er hat sich die Technologie ausgesucht.“

Entlarvung der Daten-Clowns

Wir sollten uns mehr mit den niederen Absichten der Daten-Clowns auseinandersetzen und politisch sowie juristisch beantworten, statt im vorauseilenden Gehorsam mit einer völlig abstrusen Daten-Askese zu reagieren. System-Störenfriede müssen massenweise Daten produzieren und die vermeintlich schlauen Analysten von NSA bis Schufa in den Wahnsinn treiben. Da wäre der großartige Autor Enzensberger gefragt – also seine anarchische Ader aus der Kursbuch-Zeit. Mehr Daten-Revolte wagen, statt vor den vermeintlichen Verführungskräften von irgendwelchen Tracking-Systemen und Großrechnern in der Computerwolke zu warnen. Diese Maschinen sind blöd, so blöd wie die Analysten in den Geheimdiensten, die die Bäume vor lauter Wald nicht erkennen.

Beseelung der Maschinenwelt macht denkfaul

Wer die Manipulatoren der toten Maschinenwelt verstehen will, darf die Maschinen nicht in den Vordergrund stellen und sie beseelen. „Sonst kommt im Wechselspiel von Mensch und Maschine zu viel Toleranz ins Spiel. Ich höre auf zu denken. Das gilt auch für die Moralisierer, die der Technik böse Absichten unterstellen. Wer einen Schuldigen in der Maschinenwelt verortet, unternimmt keine weiteren Denkanstrengungen mehr. Die Maschine ist aber keine Person. Wenn ich den Stecker ziehe, tut sie gar nichts mehr. Maschinen sind immer Werkzeuge von Menschen. Auch der Algorithmus wird von Menschen gemacht und benutzt“, sagt der Organisationswissenschaftler Gerhard Wohland.

Da der Mensch aber nicht berechenbar ist, spucken die Maschinen vielleicht sinnvolle Daten zur Stauwarnung aus, versagen aber bei der Antizipation menschlichen Verhaltens, wenn es denn um komplexe Fragen geht und nicht um meine morgendlichen Rituale, die vom Toilettengang bis zur Verspeisung von Himbeermarmeladen-Brötchen reichen. Für diese Vorhersage braucht man keine aufwendigen Algorithmen.

Entlarvung der Neo-Kybernetiker

Wer von bösen, manipulativen und bedrohlichen Systemen und Maschinen redet, wertet die liebwertesten Daten-Gichtlinge in ihrem Schlaumeier-Habitus sogar noch auf. Komplexe Vorgänge in Wirtschaft und Gesellschaft werden theatralisch von sogenannten Experten in einem hochgestochenen Fachjargon erläutert. „Jeder spielt eine Rolle. Jeder weiß, dass er eigentlich Unsinn redet. Und der Gesprächspartner weiß es auch. Also passiert nichts Besonderes. Es ist wie bei des Kaisers neuen Kleidern. Es darf keiner kommen und das Ganze tatsächlich so beschreiben, wie es ist – der fliegt in der Regel raus. Der stört das System“, erläutert Wohland die Konsequenzen, die dem Störenfried in einer Organisation drohen.

Das dürfte unabhängige Großautoren wie Enzensberger nicht davon abhalten, auf die Neo-Kybernetiker einzuprügeln, die uns Modellwelten basteln, mit denen alle Bereiche von Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft und Politik kontrolliert und gesteuert werden sollen. Das war das Ziel von interdisziplinären Spitzenwissenschaftlern, die sich in den 1950er-Jahren in den sogenannten Macy-Konferenzen in den USA organisiert hatten.

Schon damals schwadronierte der Psychologe Henry A. Murray von einem der schwierigsten Experimente beim globalen Feldzug des Guten – also die Vereinigten Staaten – gegen das Böse. Kommt einem bekannt vor, oder? Murray sah sich als Sozialingenieur einer neuen Weltordnung. Das Ziel war die totale Ausforschung von Persönlichkeit und Verhalten, um dann wünschenswerte Strukturen des Charakters erzeugen und steuern zu können. Das ganze Projekt ist gnadenlos gescheitert, weil der Mensch sich ohne Repressionen, Gewalt und Denunziantentum nicht steuern lässt.

Deshalb setzen NSA & Co. auf Methoden der Verdächtigungen und des Rufmords, um Störenfriede wie Assange oder Snowden mundtot zu machen. Ein höchst durchsichtiges Manöver. Hier sollten wir unsere Kraft und unsere anarchische Geisteskraft investieren. Die Akteure hinter den Idioten-Systemen sollten das Angriffsziel sein und nicht die toten Maschinen. Bin gespannt, wie kritisch die CeBit-Organisatoren mit ihrem Schwerpunkt-Thema Datability wirklich umgehen werden. Sie könnten einen der Hauptredner befragen, wie man Daten manipuliert, um völkerrechtswidrige Kriege zu führen: Jamie Shea, stellvertretender NATO-Generalsekretär, wird am 13. März in Hannover auftreten. Eine gute Gelegenheit für eine Disputation über Spionage, Propaganda und Desinformation.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Gunnar Sohn: Sina Trinkwalder ist CEO des Quartals bei Boardreport

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