Die liebwertesten Gichtlinge in Politik und Wirtschaft sollten Blogger nicht mehr unterschätzen. Ein Lehrbeispiel präsentierte der Journalist Richard Gutjahr auf dem DJV-Fachkongress „Besser Online“ im Bonner Post-Tower. Landläufig herrsche die Auffassung, dass Organisationen nur bei Anfragen etablierter Medien wichtige Informationen preisgeben. Gutjahr verwies auf die Besonderheit des Veranstaltungsortes. „Ich habe vor rund einem Jahr bei der Deutschen Post angerufen, bevor ich in die Sommerferien geflogen bin. In dem Telefonat mit der Pressestelle sagte ich, dass ich zwar für den Bayerischen Rundfunk arbeite, aber die Anfrage als Blogger stelle“, so Gutjahr. Die Recherche drehte sich um den legendären E-Postbrief mit dem Versprechen des Gelben Riesen, das Briefgeheimnis ins Internet zu bringen. Kompliziert, teuer und nicht besonders sicher lautete das erste Urteil der Stiftung Warentest. Gutjahr wollte etwas zu den AGBs wissen. „Denn die verkaufen nämlich die Adressen der vermeintlich sicheren Geschäftsidee. Dann gab mir der Konzern-Pressesprecher sinngemäß folgende Antwort: ‚Wenn Sie für die ARD anrufen, gebe ich Ihnen eine Auskunft. Blogger interessieren uns nicht‘. Dann habe ich denen danach noch einen Fragenkatalog per E-Mail geschickt und telefonisch nachgehakt. Der Herr hat nicht mehr reagiert“, erläuterte Gutjahr.
Ignoranz führt zum Shitstorm
Er teilte der Post mit, den Beitrag auch ohne eine Stellungnahme des DAX-Konzerns auf seinem Blog veröffentlichen. Wieder keine Reaktion. „Auf dem Weg zum Flughafen drückte ich den Publish-Button auf meinem iPhone. Als ich aus dem Flieger am Urlaubsort ausstieg, war der Server zusammengebrochen. Lesen Sie mal meinen Blogpost ‚Der E-Postbrief – Die Gelbe Gefahr?‘. Das ist ein Paradebeispiel, wie man auf keinen Fall mit Bloggern umgehen sollte“, sagte Gutjahr. Die Post habe an diesem Tag eine Menge Geld verballert, weil sie einem Blogger kein Interview geben wollte. Im Kommentarverlauf könne man sehr gut nachvollziehen, wie der Shitstorm sich ausbreitete und nicht mehr gekontert werden konnte. „Die mussten ihre AGBs ändern und eine sündhaft teure Kampagne hinterher schieben. So etwas wird denen nicht mehr passieren. Mittlerweile beantwortet die Post jede Blogger-Anfrage.“
Mittlerweile gebe es einige DAX-Konzerne, die ihren Pressestellen und Kundenberatern sogar DIN A3 große Flow-Charts an die Hand geben, damit sie wissen, wie man mit xy umgehen muss, wenn er eine Frage via Telefon, E-Mail, Twitter oder Facebook stellt, bestätigte der Berater und Blogger Don Dahlmann in der Gesprächsrunde zum Thema „Ich bin drin – und jetzt? Selbstvermarktung und Social Media“.
Das Instrument der Abmahnung einzusetzen, um sich kritische Blogger vom Leib zu halten, sei wenig ratsam. „Das führt zum berühmten Streisand-Effekt. Im Moment der Abmahnung geht der Shitstorm erst so richtig los. Wer einen Blogger abmahnen will, kann ihm auch direkt auf den Rasen scheißen. Das kommt auf das Gleiche raus. Es führt zu einer Solidarisierung der Blogszene“, weiß Dahlmann. Da seien einige Firmen schon ganz böse hingefallen. Aber nicht nur Konzernsprecher unterschätzen die Möglichkeiten der digitalen Welt. Das gilt überraschender Weise auch für den journalistischen Nachwuchs.
Digitale Inkompetenz im Journalismus
„Junge Leute, die zur Journalistenschule kommen, sind nicht per se bei Twitter oder Facebook. Ich wundere mich, wie wenig die sozialen Netzwerke in den Arbeitsalltag integriert werden. Das gilt vor allem für Twitter. Als journalistisches Medium ist es unbekannt. Facebook ist für alle selbstverständlich – aber eher für die private Nutzung“, erklärte Matthias Spielkamp von iRights.info im Abschlussplenum von „Besser Online“. Der deutsche Journalismus im Umgang mit den neuen Medien sei noch sehr unterentwickelt, kritisierte Stefan Plöchinger von sueddeutsche.de. Das Selbstbildnis vom allwissenden Journalisten habe sich durch die Social Media-Ausdrucksformen in angelsächsischen Ländern schon sehr gut reduziert. Hier gebe es sehr interessante und kluge Ansätze für einen kuratierenden und moderierenden Charakter des Journalismus. „Es ist erstaunlich, dass wir das im Jahr 2011 in Deutschland noch nicht entdeckt haben. Wir reden über neue Kulturtechniken, die Journalisten erlernen müssen. Wir befinden uns in einem Ökosystem, das sich permanent ändert. Ich bekomme einen kalten Schauer, wenn ich in der Klasse einer Journalistenschule stehe und nach den Berufswünschen frag“, so Plöchinger. Die Hälfte wolle nicht digital arbeiten, sondern eher das berühmte Stück auf Seite Drei schreiben. „Die haben aber noch 40 Jahre vor sich. Das wird nicht mehr passieren. Man wird digital arbeiten. Man wird sich damit auseinandersetzen müssen.“
Leserbriefe
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Bei dem Wort Shitstorm fällt mir immer twitter ein. In dem Wust aus Shit das wirklich wichtige rauszufiltern scheint mir eine Kernkompetenz zu sein. Oder der Fehler von Twitter.
@Wastl eine echte Herausforderung. Die besten Dienste erfüllt bei mir die App Flipboard. Nutze ich mittlerweile am meisten. Nach Personen und Themen sortiert.
… Hier gebe es sehr interessante und kluge Ansätze für einen kuratierenden und moderierenden Charakter des Journalismus. „Es ist erstaunlich, dass wir das im Jahr 2011 in Deutschland noch nicht entdeckt haben. …"
Stimmt, zum Teil. Ich hatte eine ganz nette Storify-Geschichte zu den Ereignissen in Kairo im Frühjahr kuratiert (http://storify.com/timourchafik). Kam ganz gut an und wurde via twitter in einer Reihe mit Al-Jazeera und BBC genannt.
Die angelsächsischen Kollegen haben es wohl registriert, aber richtig: von den hiesigen kam wenig – man twittert (noch) nicht so gerne (s. auch die Reaktion auf die Ankündigung vor einigen Monaten, das Bundespresseamt twittert News künftig parallel zum Fax).
die überschrift klingt wie eine drohung…
ob das so gewollt war oder nicht sei dahingestellt. der grosse unterschied zwischen “herkömmlichen” medien wie einer zeitung, einem magazin, dem rundfunk etc. zu bloggern ist glaube ich die verantwortlichkeit und verantwortung des tuns und über das geschriebene. als unternehmen sind “normal” medien corporate citizens, die nicht nur auf grund des faktischen wirtschaftsmodells auf qualität und wahrheit zu achten haben (und andernfalls rasch abgestraft werden würden) sondern eben auch voll in das netz aus gesetzen, stakeholder erwartungen und communities eingebunden sind. die auswahl an journalisten muss, und erfolgt überwiegend auch auf der basis von ausbildung, expertentum, und wissen für bestimmte bereiche.
demgegenüber sieht sich mittlerweile jeder halbdebiler zum wahrheitsblogger berufen, ohne jede eigenverantwortung auf das von sich gegebene, ohne zu differenzieren ob das gebloggte nun auf gerüchten, auf hören sagen oder der eigenen meinung beruht, die dank der meist mangelhaften bildung eben doch nur aus halbseichtheiten besteht. Im besten Falle gibt es links auf you tube berichte oder wikipedia artikel.
blöder sind nur die blog leser die sich im 21. jahrhundert mittlerweise wieder wie im mittelalter zu massenhysterie auf grund von gerüchten hinreissen lassen. und da liegt auch eine der gefahren des bloggens.
Da ist es mir nicht nur viel lieber dass zB. ein ausgebildeter Volkswirt in einer qualitätszeitung über die möglichen auswirkungen von angedachten wirtschaftsmaßnahmen schreibt als irgendein arbeitsloser blogger der seinen frust bzw. irre theorien von sich geben will, sondern im zusammenhang mit voller verantwortlichkeit “normal” medien journalisten als teil einer legal entity eben auch möglichst dem wahrheitsgebot unterliegen und nicht blind irgendwelche tatsachen verdrehen dürfen…
@litaipe welche debilen Blogger meinst Du denn? Vielleicht geht es etwas konkreter.